Der Weg zum Erfolg in den Osten war für die Grünen sehr lang. Das Interesse wuchs nur langsam. 
Foto: dpa/Patrick Pleul

BerlinZu Beginn des Jahres 1980 ging das Gewandhausorchester Leipzig auf Tournee durch Westdeutschland; Kurt Masur trat in jenen Tagen vor 40 Jahren auch in Karlsruhe ans Pult, wo am 12. und 13. Januar die Partei Die Grünen gegründet wurde. Über die Musikerreise berichtete die Berliner Zeitung. Über die neue Partei nicht. Die DDR-Bürger erfuhren im Westfernsehen von dem Ereignis, das das Parteiensystem der Bundesrepublik bald in Bewegung versetzten würde. 

Die Grünen aus der DDR heraus zu verstehen, fiel schwer – zu fremd die vielen Gruppierungen, Strömungen, Konflikte, zu verwirrend die Botschaften. Mit der 68er-Bewegung, ihren extremistischen Splittergruppen und merkwürdigen Lebenspraktiken hatte die Mehrheit der DDR-Bürger wenig anfangen können. Ganz anders der Versuch der Prager Reformkommunisten, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen: Der trieb die DDR-Leute 1968 um – und der Abbruch des Experiments durch sowjetische Panzer.

Darum interessierte sich der Osten nicht für die Grünen

Die lauten, chaotisch anmutenden Debatten teils exzentrisch auftretender Redner grüner Parteitage erschienen vielen durchaus nicht als Vorbild – auch nicht als Alternative für die ätzend langweiligen, nach strenger Regie ablaufenden SED-Parteitage oder Volkskammersitzungen mit seriell aufgesagten Texten. Das hartnäckig geringe Interesse im Osten am Kosmos der Grünen resultierte aber vor allem aus den Inhalten.

Zuerst: die Atomkraft. Sie genoss in der DDR Ansehen, der Glaube an Wissenschaft und Fortschritt durch den „sauberen“ Strom war so gut verankert wie bis heute in Frankreich. In meinem Kopf fuhr Atomeisbrecher Lenin, 1959 in Dienst gestellt, mit einer Schachtel voller Uran wochenlang durchs Nordmeer und sparte viele, viele Tonnen Kohle. Der Vorteil leuchtete mir als Bitterfelderin ein. Eine über Kleingruppen hinausgehende atomkritische Debatte begann erst nach Tschernobyl. Desweiteren: die Freigabe von Abtreibungen. Kein Thema im Osten. Das war frauenfreundlich geregelt.

Auch andere Themen zündeten nicht: Hausbesetzer schritten in Ost-Berlin zu Tausenden in verfallenden Altbauten zur Tat – und wurden geduldet. Die DDR-Friedensbewegung schmiedete zwar mutig in ihren Nischen Schwerter zu Pflugscharen, sich aber gegen sowjetische Raketen zu wehren, war völlig aussichtslos. Wäre da noch die „Dritte-Welt-Bewegung“: Für Vietnam, Nicaragua, Kuba, Angola engagierten sich in der DDR viele. Manche fanden in Kirchengruppen Heimat. Unruhe verbreiteten sie nicht. Umweltprojekte konzentrierten sich auf Naturschutz. Es gab keinen Boden, auf dem westgrüne Gedanken über gesellschaftliche Modernisierungen hätten sprießen können.  

1990 scheiterten die Grünen an der Fünfprozenthürde

Auch die Bürgerrechtsgruppen blieben schwach: Dass sie im Herbst 1989 der großen Bewegung unzufriedener Normalbürger als wichtige Kristallisationspunkte dienten, machte sie zu Scheinriesen. Aktionen von Bürgerrechtlern mobilisierten in der DDR nur wenige Hundert Menschen. Ganze 84 Beschwerden folgten der gefälschten Volkskammerwahl im Frühjahr 1989. Im August 1989 klagte Bärbel Bohley, in der DDR existiere nur eine unbedeutende Opposition. Bei der Volkskammerwahl im März 1990 kamen die im Bündnis 90 vereinten Bürgerrechtler auf 2,9 Prozent. Nach der Wiedervereinigung scheiterten die West-Grünen bei der Bundestagswahl 1990 an der Fünfprozenthürde.

Grüne heute: Auch im Osten Alternative zu SPD und CDU

30 Jahre lang bekamen die Grünen im Osten keinen Fuß auf den Boden. Man bemühte sich auch nicht sonderlich, schon gar nicht auf dem Land oder in Kleinstädten. Ihre zentralen Botschaften lösten dort Ängste und Widerstand aus. Kohleausstieg? Klimaschutz? Kleinteilige Bio-Landwirtschaft? Bunte Gesellschaft? In Universitätsstädten findet das inzwischen Gehör. Bei den Landtagswahlen 2019 erreichten die Grünen in Brandenburg 10,8 Prozent, 8,6 Prozent in Sachsen, in Thüringen 5,5.

Das Interesse wächst, seit die Partei bürgerlicher, rationaler, näher am Leben agiert. Auch im Osten bietet sie inzwischen Alternativen zur ausgelaugten SPD oder der Nach-Merkel-CDU. Mit den kerzentragenden Rauschebärten der Bürgerrechtler von ehedem hat das nichts mehr zu tun.