Ohne Leine in der Öffentlichkeit? Geht in den Niederlanden gar nicht.
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AmsterdamIch bin Mitglied der Facebook-Gruppe „Niederländer in Berlin“, obwohl ich weder Niederländer bin noch in Berlin lebe. Aber ich bin Deutscher in Amsterdam, und ich finde, das zählt auch. Irgendein Niederländer fragte kürzlich seine Landsleute in der Gruppe, ob es sie auch so nerve, dass die Deutschen so unfassbar obrigkeitshörig seien. Dazu muss ich vielleicht kurz erläutern, dass das eines der Klischees ist, die man sich in den Niederlanden so über uns erzählt: Wir Deutsche seien fleißig, pünktlich, tugendhaft, heißt es, und vor allem liebten wir Regeln, hielten uns auch irre gern an selbige, selbst an sinnlose, stellten sogar zwischendurch noch ein paar neue auf. Je mehr Regeln, desto besser.

Ich bin  zum einen kein großer Fan von Regeln und fühle mich etwas zu Unrecht in diese Schublade gesteckt. Zum anderen vermute ich stark, dass 80 Prozent jener Niederländer in Berlin irgendwann zu solchen geworden sind, weil sie Berlin für unglaublich frei, tolerant, locker und nonkonformistisch hielten. Zumindest hat das eine nicht-repräsentative Umfrage in meinem Freundeskreis ergeben.

Niederländer erzählen mir oft, dass Deutsche mitten in der Nacht an einer verlassenen Kreuzung auf das grüne Licht der Ampel warteten, um die Straße zu überqueren, meiner Meinung nach eine hanebüchene Anekdote, die unmöglich so passiert sein kann, denn kein Niederländer kann je beobachtet haben, wie sich ein Deutscher allein an einer verlassenen Kreuzung benimmt, andernfalls wäre dieser ja nicht allein gewesen. Bei Anwesenheit von mehreren Verkehrsteilnehmern wiederum wäre das Warten durchaus sinnvoll gewesen.

Ich halte übrigens die Niederländer für deutscher als die Deutschen, wenn es um die Einhaltung von Regeln geht. Und ich verstehe sie. Unerwünschtes Verhalten wird hier strenger geahndet als in manch autoritärem Staat.

Hüben wie drüben gilt beispielsweise ein Rauchverbot in Bars und Kneipen. Und seit ich in den Niederlanden wohne, habe ich tatsächlich in keinem Lokal drinnen geraucht. In Deutschland ist das Verbot eher Auslegungssache, das gilt vom Berliner Berghain über die Hamburger Seemannsspelunke bis hin zum Dorfkrug in meinem Heimatdorf. In Den Haag habe ich dagegen mal ein Bußgeld dafür bekommen, weil ich nachts um halb vier im hinteren, nicht überdachten Abschnitt eines Bahnsteigs in einem fast menschenleeren Bahnhof eine Zigarette rauchte, während ich auf meinen Zug wartete. So viel zur Regeltreue in nächtlicher Einsamkeit.

Ein weiteres Bußgeld musste ich in Rotterdam für die gute Erziehung meines Hundes zahlen. In Hamburg und Berlin aufgewachsen, läuft er ganz selbstverständlich auch unangeleint bei Fuß, und trotz Leinenzwang sahen die Mitarbeiter der Ordnungsämter dieser Städte bisher auch keinen Sinn darin, ihn zu bestrafen. In Holland ist die Leine jedoch ein Dresscode, dem sich jeder Hund zu beugen hat, selbst den Corgis der britischen Queen würden sie hier ein Knöllchen ausstellen. Und mit Knöllchen meine ich dicke, fette Knollen, die die Regelübertretung zum Luxus machen: 90 Euro kostete mich meine unangepasste Art in beiden Fällen – eine drakonische Strafe, vor allem für Geringverdiener. Da verstehe ich jeden Deutschen, der sich an niederländischen Ampeln die Beine in den Bauch steht – mit 90 Euro weiß auch ich wirklich spannendere Dinge anzustellen, als in Hellevoetsluis bei Rot über eine Ampel zu gehen.