Terrorgruppen und Geheimdienste.
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Dies ist eine Geschichte von Misstrauen und Verrat. Eines möglicherweise doppelten Verrats noch dazu, weil er nicht nur die Verratenen, sondern auch den mutmaßlichen Verräter trifft. Das klingt kompliziert, und so ist es auch. Denn in dieser Geschichte geht es um Terrorgruppen und Geheimdienste und den kalten Krieg – um eine Welt also, in der Grenzen und Frontverläufe selten stabil waren und sich oft genug verwischten.

Was im Folgenden erzählt wird, liegt mehr als drei Jahrzehnte zurück. Die Beteiligten von damals schweigen sich aus, die Archive der Behörden bleiben verschlossen. Bis auf das des DDR-Geheimdienstes, in der eine jetzt aufgetauchte Akte mit dem Decknamen „Meiler“ die Spur zu dieser unerzählten Geschichte gelegt hat. Vor 33 Jahren, im April 1986, hatte der Staatssicherheitsdienst den Aktenvorgang angelegt, da man sicher war, dem V-Mann eines westlichen Geheimdienstes auf die Spur gekommen zu sein. Weil sich dieser Spitzel unter westdeutschen und westeuropäischen Linksterroristen herumtrieb, warnte das MfS unter anderem die Rote Armee Fraktion (RAF) und deren Unterstützer vor ihm. Ein einzigartiger Vorgang.

Meiler gibt sich als Journalist mit Kontakt zur linken militanten Szene aus

Der Mann, um den es geht, ist heute noch am Leben, er ist Unternehmer in Süddeutschland. Weil er sich trotz mehrfacher Anfragen einem Gespräch entzogen hat, wird er in diesem Text nicht unter seinem richtigen Namen, sondern unter dem ihm von der Stasi verpassten Decknamen – Meiler – auftauchen.

Es war der Juni 1985, als Meiler das erste Mal ins Visier des MfS geriet. Kontaktpartner aus der militanten „Volksfront für die Befreiung Palästinas“ (PFLP) hatten berichtet, dass bei ihnen in Damaskus ein Deutscher aufgetaucht war, der sich Michele nannte. Dieser Michele offerierte die Vermittlung von Kontakten zu westeuropäischen Terrorgruppen und bat um Gespräche mit der PFLP-Führung, die er für ein Buchprojekt befragen wollte. Der Mann, bei dem es sich um den der Stasi bis dahin unbekannten Meiler handelte, gab vor, ein freischaffender Journalist zu sein, der seit 1977 aktiv in der linken militanten Szene agiere. Er unterhalte – was sich später als korrekt herausstellte – Verbindungen zu Führungskräften entsprechender Gruppen in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Japan und der Schweiz. So habe er Anfang 1985 ein Treffen im Ost-Berliner Interhotel Stadt Berlin am Alexanderplatz organisiert, an dem der PFLP-Pressesprecher Bassam Abu Sharif und Unterstützer der RAF teilgenommen hätten.

Stasi findet eine Melange aus Fakten, Halbwahrheiten und Widersprüchen im Lebenslauf

Die mit der Betreuung linker Terrorgruppen befasste Stasi-Abteilung XXII/8 übernahm den Vorgang und prüfte den Hintergrund des mysteriösen Michele alias Meiler. Dabei stießen die Genossen auf eine Melange aus Fakten, Halbwahrheiten und Widersprüchen im Lebenslauf des Deutschen. Das erhärtete den Verdacht, dass Meiler im Auftrag „gegnerischer Sicherheitsorgane bzw. Geheimdienste“ in der Szene unterwegs sei, wie es in einem MfS-Vermerk heißt.

So hatte beispielsweise das von Meiler erwähnte Treffen im Januar 1985 in Ost-Berlin, bei der über eine Reaktivierung der Kooperation zwischen PFLP und RAF beraten worden sein soll, zwar tatsächlich stattgefunden. Eine Beteiligung Meilers an der Vorbereitung dieses Treffens aber konnte das MfS nicht feststellen. Dafür ergaben Abhörmaßnahmen der Stasi-Lauschabteilung III, dass dem Bundeskriminalamt bereits vor dem Treffen im Hotel Stadt Berlin Informationen darüber vorlagen. Das BKA berief sich in Telefonaten dabei auf eine als „sehr gut“ eingestufte Quelle.

In Süddeutschland hatte Meiler für ein linkes Szeneblättchen gearbeitet. Das von 1974 bis 1987 erschienene Magazin stand lange im Visier der Behörden, weil es Texte militanter linker Gruppen und der RAF abdruckte. Immer wieder kam es zu Durchsuchungen und Ermittlungsverfahren.

Meiler war „ein ganz sympathischer Typ“

Einer, der damals dabei war, ist Klaus Vetterle, der Anfang der 80er-Jahre zu dem Magazin gestoßen war. In der Redaktion habe er Meiler kennengelernt, „ein ganz sympathischer Typ war das“, sagt Vetterle. Gemeinsam habe man Texte akquiriert, von linksradikalen Gruppen, der Antifa. „Auch RAF-Texte waren dabei, die wurden uns aber zugeschickt, wir hatten da keine Verbindung“, stellt er klar. Selber geschrieben habe man hingegen wenig. „Ich bin 30 Jahre raus aus der Szene, wir haben uns alle aus den Augen verloren“, sagt er dann noch. Ende des Gesprächs.

Über Vetterle kommt immerhin noch ein Kontakt zu Paul Moussault zustande. Der Niederländer gehörte in den 70er- und 80er-Jahren zum linksradikalen Milieu seines Heimatlandes und gab die Zeitschrift De Knipselkrant heraus. Ähnlich wie das süddeutsche Magazin veröffentlichte Knipselkrant alle möglichen Artikel und Pressemitteilungen über Themen, die mit dem bewaffneten Kampf linker Gruppen zu tun hatten. Auch hier war Meiler, mit dem Moussault bis heute eine Freundschaft verbindet, aktiv. Das wöchentlich erscheinende Blatt verstand sich als Organ der linksextremistischen Organisation Het Rood Verzetsfront (RVF), der Roten Widerstandsfront, die auch Kontakte zur RAF unterhielt.

Meiler will nicht mit Journalisten sprechen

Moussault gibt selbst zu, Mitglied der RVF gewesen zu sein. Mit Meiler sei er außerdem an den Aktivitäten der Terrorgruppe Japanische Rote Armee (JRA) und der Sympathisantengruppe der belgischen Terrororganisation Cellules Communistes Combattantes CCC (deutsch: Kämpfende kommunistische Zellen) beteiligt gewesen, teilt er auf Anfrage mit. „Durch diese Aktivitäten und als Knispelkrant-Herausgeber bin ich mehrmals mit der Justiz in Kontakt gekommen“, erklärt Moussault. In den vergangenen Jahren hatte sich der Journalist und Buchautor immer wieder auf Veranstaltungen und in Veröffentlichungen als Opfer finsterer Machenschaften westlicher und östlicher Nachrichtendienste dargestellt. Die linksradikale Szene der Niederlande hat dies allerdings wenig überzeugt, dort gilt er seit langem als Provokateur mit verdächtigen Beziehungen zu Geheimdiensten.

Mit Meiler stehe er noch heute in Kontakt, räumt Moussault ein. Ein von ihm vermittelter Versuch der Kontaktaufnahme schlägt allerdings fehl – der alte Freund will mit Journalisten offenbar nicht über seine Vergangenheit sprechen.

Dabei gebe es viel zu erklären. Etwa die seltsame Festnahmeaktion am Amsterdamer Flughafen Schiphol am 1. Mai 1986. An diesem Tag war ein JRA-Aktivist festgenommen worden. In einem von ihm mitgeführten Kofferradio war Sprengstoff entdeckt worden. Auch drei belgische CCC-Mitglieder gingen den Behörden ins Netz. Den Transport des explosiven Materials, das offenbar für die CCC gedacht war, hatte die JRA-Führung mit Meiler eingefädelt. Auffällig war, dass sich die Zollbeamten bei der Kontrolle des JRA-Kuriers am Flughafen sofort auf das Radio konzentrierten, worin der Sprengstoff versteckt war. Vor Gericht kam später heraus, dass die Behörden einen Tipp erhalten hatten. Weil sie ihre Quelle aber nicht offenlegen wollten, platzte der Prozess gegen den Kurier.

Meiler stand auf einer Terroristenliste

Und es gibt noch einen weiteren Umstand, der Meilers Agieren in einem seltsamen Licht erscheinen lässt. Laut einer Auskunft des tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes an das MfS von 1986 fand sich sein Name auf einer Liste von Terroristen, die BRD-Behörden im Jahre 1978 an Prag übergeben hatten. Damals stand der Besuch des CSSR-Präsidenten in Bonn bevor, und in Vorbereitung solcher Staatsbesuche war es üblich, dass die Behörden die Namen sicherheitsrelevanter Personen austauschten.

Meiler stand also auf einer Terroristenliste. Und dennoch war er, das hatte das MfS herausgefunden, in den Folgejahren nicht im internen Fahndungssystem der bundesdeutschen Behörden registriert. Ein westdeutscher Terrorist, nach dem nicht gefahndet wird und der sich ungehindert in Westeuropa und im Nahen Osten bewegen kann? Und der in der Szene damit hausieren ging, er könne für die Leute im Untergrund gefälschte oder auch Blanko-Pässe besorgen? Unglaublich.

Stasi sah von einer Überwachung Meilers ab

Im Juni 1986 erfuhr die Stasi von einem bevorstehenden Besuch Meilers in Ost-Berlin. Für den 13. Juni um 12 Uhr hatte sich der Deutsche mit einem gesuchten Mitglied der japanischen Terrorgruppe JRA am Leninplatz in Friedrichshain verabredet. Das MfS witterte eine Falle und brachte den JRA-Aktivisten dazu, den Treff nicht wahrzunehmen und die DDR kurzfristig zu verlassen. Von einer Überwachung Meilers während seines Ost-Berlin-Aufenthaltes sah die Stasi jedoch ab. Der Grund: Man wusste weder, wie er aussieht, noch unter welchem Namen und mit welchem Pass er einreisen und welchen Grenzübergang er benutzen wird. Doch er wurde offenbar identifiziert. Und so ist von Meilers einzigem Aufenthalt in Ost-Berlin nur bekannt, dass er am 13. Juni 1986 um 11.40 Uhr über die Friedrichstraße ein- und sechs Stunden später wieder ausreiste.

Einen Vorteil konnte die Stasi aus der Kurzvisite des geheimnisvollen Deutschen aber ziehen: Man hatte jetzt ein Foto von Meiler, weil bei der Grenzkontrolle sein Pass fotografiert wurde.

Stasi alarmierte die Szene im Westen

Wochen später erfuhr das MfS, dass sich Meiler mit dem JRA-Aktivisten zu einem neuen Treffen Anfang Juli in Damaskus verabredet hatte. In Begleitung des Deutschen reiste dabei ein führendes Mitglied der französischen Terrorgruppe Action directe. Zweieinhalb Monate später wurde der Franzose verhaftet, nicht zuletzt wegen des Treffens in Damaskus. „Es ist die Möglichkeit von Verratshandlungen nicht auszuschließen“, notierte die Stasi und verwies darauf, dass Meiler die Syrien-Reise organisiert hatte.

In einem zusammenfassenden Bericht sprach die Stasi schließlich davon, dass Meiler mit hoher Wahrscheinlichkeit „mit gegnerischen Sicherheitsorganen zusammenarbeitet und in deren Auftrag Aktivitäten zur Herstellung von Kontakten zu linksextremistischen Organisationen, … illegalen Mitgliedern der RAF“ und zu „linksextremistischen Organisationen im Nahen Osten“ unternehme. Als Konsequenz zog das MfS die zur Aufklärung Meilers bislang eingesetzten Spitzel – darunter zwei Angehörige der JRA und der westdeutsche RAF-Anwalt Klaus Croissant (IM „Thaler“) – zurück, weil sie bereits „im Blickfeld des Gegners“ stehen könnten. Und man alarmierte die Szene im Westen: „Durch unsere operative Einflussnahme wurde erreicht, dass die Kontaktpartner aus linksextremistischen Kräftepotentialen … die Verbindungen (zu Meiler – d.A.) abgebrochen haben, um ein Eindringen des Gegners … zu verhindern“, heißt es im Stasi-Bericht.

Meiler ist heute erfolgreicher Unternehmer in Süddeutschland

Meiler zog sich aus Deutschland zurück, weil ihm die Szene – nicht zuletzt dank des Eingreifens der Stasi – nun mit offenem Misstrauen begegnete. Sein alter Kumpel aus der Redaktion des süddeutschen Szeneblatts erinnert sich daran. In den späten 80er-Jahren sei Meiler ausgestiegen und ins Ausland gegangen, sagt Vetterle. „Ich habe ihn damals dort besucht.“ Mehr will er aber dann auch schon nicht mehr sagen. „Alles lange her, Schnee von gestern.“

Vetterles Einsilbigkeit wird verständlich, wenn man das von Meilers altem Freund Moussault 2018 in den Niederlanden publizierte Buch „Die RVF im Visier der Geheimdienste“ liest. Darin verrät der Autor, was sein deutscher Freund heute treibt: Meiler sei ein erfolgreicher Unternehmer und besitze eine beeindruckende Zahl von Firmen in Süddeutschland.