Trump schickte ein Marine-Hospitalschiff für Covid-19-Patienten nach New York City, das viel zu klein ist.
Foto: dpa/Xinhua/Guang Yu

New York CityIn New York City gibt es wirklich alles. Sogar einen Ortsteil, der Corona heißt. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist diese herrliche Stadt das Symbol schlechthin für die wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, religiösen und wissenschaftlichen Chancen, für Möglichkeiten und Herausforderungen, die nur Metropolen mit ihrer immensen Bevölkerungsdichte bieten.

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New York City ist heute das, was Alexandria, Rom oder Konstantinopel einst waren, später London, Paris und Berlin, das, was Schanghai und Mumbai künftig gerne wären. Doch gehört auch die Gefahr zur Metropole: In New York waren am Dienstagnachmittag etwa 40.000 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet, fast 1000 Menschen starben dort bisher an den Folgen von Covid-19.

Metropolen als Feinde

Katastrophal ist das Versagen der Bundesregierung, die bis vor vier Tagen die absehbare Katastrophe in New York regelrecht ignorierte. Gouverneur Andrew Cuomo bat also in einer Pressekonferenz die Amerikaner verzweifelt um Beistand – weil es nicht nur um New York geht, sondern die USA insgesamt, weil sich sonst die Krankheit im ganzen Land verbreiten würde. Trump jedoch schickte einige Beatmungsmaschinen und nun mit militärischem Pathos ein Marine-Hospitalschiff, das viel zu klein ist. Dennoch steigen in den USA die Zustimmungsraten für seinen Schlingerkurs.

Seine Ignoranz ist nämlich nicht nur, wie derzeit psychologisiert wird, eine narzisstische Reaktion auf ein New York, das den neureichen Bankrotteur und Aufschneider nie wirklich akzeptiert hat, jetzt aber Hilfe braucht. Sie ist Teil eines politischen Programms: Weltoffene Metropolen wie New York werden von Politikern wie Trump oder dem Brasilianer Bolsonaro, dem Ungarn Orban, dem Russen Putin oder dem Türken Erdogan aus machttaktischen Gründen systematisch als Feinde der „wahren“ Nation und Gesellschaft markiert.

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Berlin als die „Stadt, wo die Verrückten sind“

Zwar haben viele dieser Politiker ihre Karrieren in den großen Städten begonnen, und sie verachten das flache Land oft auch als ungebildete Provinz. Doch um ihre Macht zu erringen und zu behalten – und damit den Zugang zu den immensen wirtschaftlichen Ressourcen des Staats –, stützen sie sich wesentlich auf Großstadt-Feindlichkeit.

Das hat eine lange Tradition, jedenfalls in der westlichen Welt: In der Antike warnten christliche Prediger vor der Unmoral in Alexandria, im Mittelalter wurde die Pest als Krankheit der Städte betrachtet. Der große Thomas Jefferson stellte sich die USA als eine antistädtische Nation der Freibauern vor, Berlin galt in den 1920er-Jahren dem restlichen Deutschland als die „Stadt, wo die Verrückten sind“.

Nazis und Stalinisten hetzten gemeinsam gegen metropolitane „Kosmopoliten“, noch in den 1980-Jahren wurden HIV und Aids als Großstadtseuchen der sexuellen Minderheiten und Drogenabhängigen charakterisiert.

Nüchternes Kalkül

Trump und Co inszenieren sich dagegen als die Vertreter der „sauberen“, gläubigen, moralisch rechtschaffenen und vornehmlich weißen Gesellschaft. Das ist wahltaktisch rational: In den großen Metropolenregionen wie New York, Chicago, Los Angeles oder New Orleans leben zwar etwa 90 Millionen Amerikaner. Doch 140 Millionen wohnen eben in Klein- und Mittelstädten, zu denen eigentlich auch die Suburbs der Metropolen zu zählen wären. Sie sind neben den Landgemeinden Trumps Wählerpotenzial.

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Das nüchterne Kalkül der Populisten ist also: Mildtätige Hilfe geht klar, wenn sie großartig inszeniert werden kann. Aber die Katastrophe wird erst beachtet, wenn Gefahr für die eigene Klientel droht, wenn auch die kleinen Städte um Hilfe rufen müssen. Und dann wird die Einigkeit des ganzen Volkes hinter seiner Regierung eingefordert.

Eines wissen nämlich die Populisten: Die Metropolen sind zwar meistens nicht die Auslöser, sicher aber die Heizer der Seuchen. Und ihre Bewohner werden letztlich den Wiederaufbau der Gesellschaft stemmen müssen. Dort sitzen die Forscher, die Unternehmer, die Verwaltungen, die vielen auf Kommunikation und Austausch der Kulturen angewiesenen Talente. Und dort gibt es die größte Erfahrung in der gemeinschaftlichen Bewältigung von Katastrophen.