Demonstranten in Berlin.
Foto: Imago/Stefan Zeitz

BerlinDie SPD-Chefin Saskia Esken nannte die Berliner Demonstranten gegen die Corona-Einschränkungen „Covidioten“. Ihre Parteifreundin, die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci sprach von „Irren“, die auf die Straße gegangen sind. Diese Begriffe sind nicht nur diskriminierend gegenüber psychisch Kranken, sie ignorieren auch den gesellschaftlichen Zusammenhang, auf dem sich die Wut der Demonstranten entwickeln konnte.

Die Menschen, die sich auf der Straße des 17. Juni versammelten, kamen aus dem gesamten Bundesgebiet. Es waren Esoteriker, Impf-Gegner, Anhänger von Alternativ-Medizin, Verschwörungstheoretiker, Rechtsradikale. Und wenn man sich im Netz die Videos ansieht, auf denen Teilnehmer ihre Motivation beschreiben, dann geht das weit über Corona und verhasste Maßnahmen hinaus, von denen ein Großteil ja sowieso schon längst wieder zurückgenommen ist. Es geht um einen Hass auf die Gesellschaft, auf das System, der sich nicht erst seit der Diagnose des ersten Corona-Patienten vor einem halben Jahr entwickelt hat. Es geht gegen die Kanzlerin Angela Merkel, die Regierung, die Medien.

In Ostdeutschland kennt man diesen Wutmix von den Pegida-Demonstrationen, die besonders stark in Dresden waren. Damals ging es wegen der Flüchtlingskrise stark gegen den Islam und Einwanderung. Aber wenn man mit den Demonstranten sprach, wie beispielsweise die Regisseurin Sabine Michel das in ihrem Film „Montags in Dresden“ über einen langen Zeitraum getan hat, spürte man eine tiefere Entfremdung und eine diffuse Wut auf die Globalisierung und Gesellschaft.

Lange wurde Pegida als Ost-Phänomen abgetan, mit autoritären Strukturen und einem mangelnden Verständnis von Demokratie in Verbindung gebracht. Durch die Corona-Krise verbündet sich nun die Wut in Ost und West auf höchst ungute Weise. Bei der Großdemo in Berlin kamen große Reisegruppen aus Stuttgart, aber auch aus Cottbus. Es ist ein politisches Problem, das man nicht damit leugnen oder kleinreden kann, dass man es zu einer Krankheit macht.