Helsinki - Als Erstes suche ich in Helsinki einen Friseur, der mir auch ohne Termin die Haare schneidet. Denn dieser Tage in Finnland zu sein, heißt: Kurz abtauchen in ein Stück normales Leben. Zwar sind die Museen geschlossen, die öffentlichen Schwimmbäder, Saunen und sogar die Bibliotheken. Ansonsten ist Helsinki längst wieder offen, viel offener als Berlin. In Fitnessstudios sieht man Leute auf dem Fahrrad strampeln, man kann in Läden Turnschuhe kaufen oder Wolle zum Stricken, abends ein Bier trinken gehen kann man auch. Dabei sind die Infektionszahlen auch noch traumhaft niedrig. Die Inzidenz liegt in den meisten Regionen sehr deutlich unter 50. Bisher sind 655 Menschen in Finnland mit oder an Covid-19 gestorben. In Deutschland mehr als 53.000. Im Vergleich zur Bevölkerung sind das etwa sechsmal so viele Tote.

Wie geht das? Sind es die politischen Maßnahmen? Woran könnte es sonst noch liegen?

Meine Spurensuche beginnt im Norden von Helsinki, in der Meilahti-Klinik, wo ich Asko Järvinen treffe, einen führenden Infektiologen des Landes – eine Art Christian Drosten Finnlands, zumindest, was seine Medienpräsenz betrifft. Fast täglich sieht man ihn im Fernsehen mit seinem Seitenscheitel und der schwarzen runden Brille, und jetzt sitzt er in einem Besprechungszimmer und erzählt, wie alles anfing am 2. Januar 2020, als Finnland seinen ersten Corona-Fall meldete. Ein chinesischer Tourist oben in Lappland, ausgerechnet, am Ende der Welt.

Als sich einen Monat später auch die ersten Finnen mit Corona infizierten – Reiserückkehrer aus dem Skiurlaub in Tirol –, war Järvinen einer derjenigen, die mit Politikern an einem Tisch saßen. Erst hieß es nur: große Veranstaltungen und Schulausflüge absagen. Aber Politik und Wissenschaft waren sich einig, dass schnell etwas getan werden müsste. Schon am 6. März verhängte die Ministerpräsidentin Sanna Marin einen radikalen, zweimonatigen Lockdown– ein, zwei Wochen früher als andere nordische Länder wie Norwegen und Dänemark. Außerdem ließ die Sozialdemokratin die Region um die Hauptstadt Helsinki abriegeln, keiner durfte rein, keiner aus. Polizei und Militär überwachten die Einhaltung.

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Asko Järvinen, der „finnische Christian Drosten“: Der Infektionsspezialist ist fast täglich im Fernsehen zu sehen. 

Früh und radikal – das gilt auch als Erfolgsrezept in asiatischen Ländern wie China, Taiwan oder Südkorea. Taiwan ordnete sogar schon Ende 2019 Gesundheitschecks für Passagiere an, die aus Wuhan kamen, der Stadt, in der die Pandemie wohl ihren weltweiten Anfang nahm.

„Das hatte schon ein bisschen diktatorische Züge“, sagt Pekka Jousilahti vom THL, dem nationalen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt, vergleichbar mit dem deutschen Robert-Koch-Institut. Jousilahti, schwarze Brille, Glatzkopf, sitzt im Café eines Einkaufszentrums und trägt Maske, so wie der junge Mann mit Computer am Nebentisch und die zwei Freundinnen dahinter. Dabei gibt es in Finnland gar keine Maskenpflicht. Die meisten Menschen tragen sie trotzdem. Hier im Kaufhaus, im Bus und in der Bahn sieht man kaum jemanden ohne.

Kaum Corona-Proteste, kaum Corona-Leugner

In Finnland sind Empfehlung und Gebot gleichbedeutend, und das war schon lange vor Corona so. Zwar haben viele Finnen die Maßnahmen satt. Aber es gibt keine „Querdenker“-Demos, es gab nicht einmal Proteste, als die Stadtgrenzen dichtgemacht wurden. Pandemie-Leugner gibt es, aber sie kommen selten über das Internet hinaus. Und so wenig die Finnen gegen Maßnahmen protestieren, so wenig haben sie ein Wort für „Impfgegner“. Als sich im November Gegner der Corona-Maßnahmen vor dem Berliner Reichstag versammelten, sah und hörte man dazu in den finnischen Medien nur verständnislose Kommentare.

Das hat damit zu tun, dass es, anders als in Deutschland, ein historisch gewachsenes Grundvertrauen in die Obrigkeiten gibt – was die Regierung sagt, wird schon richtig sein. Die Finnen haben gern alles unter Kontrolle. Sie lieben Ordnung und Regeln, an die sie sich halten können, sie gehen nicht über rote Ampeln, zahlen brav ihre Steuern, im weltweiten Korruptionsindex stehen sie ganz am Ende, und die Staatsverschuldung ist stets EU-konform. Zwei Drittel stehen der Regierung generell unterstützend gegenüber, nach Luxemburg der höchste Wert in der EU.

Die Finnen haben gute Gründe, ihrer Regierung zu vertrauen. Das Pandemie-Motto von Premierministerin Marin: transparente Kommunikation, klare Entscheidungen. Die Rechnung ging weitgehend auf. „Natürlich haben wir uns auch geirrt“, sagt Pekka Jousilahti. „Aber wir können uns auch korrigieren.“ Er erzählt von Beratungen, die so harmonisch abliefen, dass man es kaum glauben mag. Nur einmal habe es Streit gegeben: Im Oktober versuchte die Opposition vergeblich, der Ministerin für Familie und Pflege Krista Kiuru das Vertrauen zu entziehen, da sie nicht von Anfang an, sondern erst im August Masken empfohlen hatte. Und erst jetzt werden sie auch nach und nach in den Schulen eingeführt.

Von Natur aus gut im Social Distancing

So oder so halten die meisten Menschen sowieso Abstand, auch das gehört hier zur Kultur, zu den Umgangsformen. Ein Freund erzählt mir später einen Witz: „Stöhnt ein Finne: Wie lange soll das noch gehen mit diesem Zwei-Meter-Sicherheitsabstand? Wann können wir endlich zurück zu unseren vier Metern?“

Die Finnen sind von Natur aus gut im Social Distancing. „Der finnische Mann spricht nicht und er küsst nicht“, heißt ein Sprichwort. Auch wenn das nicht immer stimmt, haben die Finnen beim Abstandhalten einen geografischen Vorteil. Während in Deutschland auf einen Quadratkilometer 235 Einwohner kommen, sind es in Finnland 18, noch mal ein EU-Rekord. Und es gibt weniger Ballungsräume. Aber natürlich gibt es sie, die größeren Städte, viele Menschen, die aufeinandertreffen. Und Helsinki wurde nach zwei Monaten Lockdown auch wieder geöffnet.

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Pekka Jousilahti vom THL, vergleichbar dem deutschen Robert-Koch-Institut.

Die Finnen sind außerdem gut organisiert. Beispiel Impfungen: Es gibt die Impfstationen, es gibt das Personal, es ist alles vorbereitet, sagt Pekka Jousilahti, auch wenn die Verteilung des Impfstoffs im dünn besiedelten Land eine Herausforderung ist: „Solange genug Impfstoff da ist, können wir auch jeden impfen.“ Ebenso gibt es genügend Tests für alle, und es gab sie von Anfang an. Schon in der zweiten März-Woche 2020 gab es das erste Drive-in-Testzentrum. Jeder bekam und bekommt seinen Test, und zwar kostenlos, der Staat bezahlt. „Und zwar auch, wenn man sich einfach nur erkältet fühlt“, erzählt eine Freundin. Auf 1000 Einwohner kommen bisher etwa 500 Tests.

Tests gab es aber auch von Anfang an in den Pflegeheimen. Die Finnen sind das älteste Volk in der EU, und auch hier sind die meisten Corona-Toten weit über 80. Das Personal trug Maske, auch wenn es anfangs nur Tücher waren. Sobald es auch nur einen positiven Fall gibt, werden alle Bewohner und das ganze Personal getestet. Wobei die Finnen auch bei der Heimpolitik rabiat waren: Die Berliner Heime öffneten Anfang Mai wieder für Besucher, die finnischen erst im Juni, nach drei Monaten.

Reiseeinschränkungen gab es im Sommer – jetzt wurden sie wieder verschärft

Im Juli lagen die Zahlen dann fast bei null. Aber die Finnen ließen sich nicht von ihrem hellen Sommer blenden. Die Regierung schränkte die Reisemöglichkeiten vorsorglich stark ein, die Finnen verbrachten den Sommer wie sonst auch auf ihren Hütten an einem der mehr als 188.000 Seen mitten im Wald, der nächste Nachbar Hunderte Meter entfernt, der nächste Supermarkt oft eine halbe, dreiviertel Autostunde. Die Deutschen machten Urlaub in der Türkei oder auf dem Balkan, und während sie gleichzeitig Stellen an den Gesundheitsämtern wieder abbauten, hatten die Finnen sie bei der Schaffung von Testkapazitäten überholt.

Dazu kommt die Nachverfolgung: Natürlich dauert sie auch hier oft zu lange für eine wirkungsvolle Quarantäne. Aber immerhin werden die Betroffenen und ihre Kontaktpersonen per Telefon und Brief so schnell wie möglich informiert. Allein damit sind in Helsinki 200 Menschen beschäftigt. „Eingesprungen sind zum Beispiel Zahnärzte oder Zahnarzthelfer, weil kaum mehr Patienten kamen“, sagt Asko Järvinen, der Infektiologe. Vielleicht aus Angst, vielleicht, um nur keinen Fehler zu machen. „Die Finnen übererfüllen Vorgaben gern.“ Fakt ist laut Studien: Die Mobilität sank auch nach dem Lockdown um ein Drittel. „Denn die Leute trauen sich auch weniger in Cafés oder zum Friseur.“ Ich habe auch wirklich einen Friseur gefunden, der mir spontan die Haare schneidet. Andererseits sind Cafés oder Bahnen nicht leer. Vielleicht täuscht der Eindruck aber auch – man ist kaum mehr Menschen in der Öffentlichkeit gewöhnt.

Foto:  Imago
Frauenpower: Bildungsministerin Li Andersson, Ex-Finanzministerin Katri Kulmuni, Premierministerin Sanna Marin, Innenministerin Maria Ohisalo und Justizministerin Anna-Maja Henriksson.

Digitalisierung verbessert Akzeptanz von Homeschooling und Homeoffice

Mehr als die Hälfte der 5,5 Millionen Finnen hat die Corona-App installiert – Datenschutz ist hier kein großes Thema. Auch das hat Tradition in einem Land, in dem jeder jeden kennt und in dem die Hierarchien flach sind und man beim Small Talk eher fragt, woher jemand kommt, als was er beruflich macht. Wer will, kann jederzeit einsehen, wie viel Steuern die Nachbarn oder Chefs zahlen. Und dieses Grundvertrauen hat sich in die digitale Welt übertragen. Seit zehn Jahren werden alle Gesundheits- und Sozialdaten der Bürger auf einer elektronischen Gesundheitskarte gespeichert, Papier ist out. Finnland lag im „Digital Economy and Society Index der EU“ zuletzt in allen untersuchten Bereichen vorn: Humankapital, Nutzung von Internet-Diensten, Integration der digitalen Technologie, digitale öffentliche Dienste.

Und das macht einen Unterschied: Die Digitalisierung hilft bei der Akzeptanz der Corona-Maßnahmen. Auch wenn die Schulen geschlossen waren und es teils immer noch sind, gibt es einen Unterschied zu Deutschland, zu Berlin: Es funktioniert. Digitalisiertes Arbeiten ist oberstes Gebot, und die Schulen bekommen Geld dafür. Es gibt eine flächendeckende Internetverbindung, alle Haushalte und Schulen sind mit Geräten ausgestattet, Schüler ohne Laptop leihen ihn sich von der Schule. Seit fast 20 Jahren nutzen Lehrer und Eltern Internetplattformen. „Eltern sollen bei uns keine Lehrer sein“, sagt Tanja Huutonen von der finnischen Botschaft in Berlin: „Sie sollen darauf achten, dass die Aufgaben gemacht werden, aber sie sollen nicht unterrichten.“

Online-Unterricht heißt: Mehr Konzentration, weniger Mobbing

Jeder Schultag beginnt um neun mit einem Videochat, dann schicken die Lehrer Aufgaben und Feedback dazu. Sie haken nach, wenn die Aufgaben nicht zurückkommen. Im Zweifel werden die Eltern benachrichtigt und Schulsozialarbeiter zur Unterstützung eingeschaltet. Manchmal übererfüllen die Lehrer sogar ihre Pflichten, sagt eine Freundin, Mutter einer 16-jährigen Tochter: jeden Tag acht Stunden gemeinsamer Videounterricht, nur kurze Pausen.

Eltern erzählen, dass ihre Kinder sogar ganz froh sind, endlich einmal in Ruhe lernen zu können und nicht von Mitschülern abgelenkt zu werden. Und auch das ist Fakt: Vielen Kindern und Jugendlichen geht es auch deshalb besser, weil sie von ihren Mitschülern nicht mehr gemobbt werden – ein großes Problem in Finnland.

Und während die Kinder online unterrichtet werden, arbeiten auch die Eltern zu Hause: Homeoffice ist dieser Tage Pflicht und wohl mit ein Grund, warum sich das Leben von 23 Prozent der Finnen laut einer Umfrage des EU-Parlaments durch Corona verbessert hat: Weil viele auf dem Land leben, fallen jetzt lange Arbeitswege weg. Das spart Zeit und bringt Ruhe, zumal zumindest die kleinen Kinder weiter in der Kita sind.

Grafik: Eroon Koronasta
Die Zero-Covid-Initiative „Eroon koronasta“ setzt auf das Emmentaler Modell: Die einzelnen Käsescheiben stehen für einzelne Maßnahmen, die alle für sich löchrig sind, aber in Kombination einen guten Schutz bieten. Von AHA über Lüftungssysteme bis zu durchgängigen Impfungen.

Natürlich treffen die Corona-Maßnahmen trotzdem viele hart. Theater, Konzerthallen und Museen sind geschlossen und soziale Kontakte fehlen. Weshalb es doch Protest gibt: Die Arbeitsgruppe „Eroon koronasta“ („Weg mit Corona“) ist für einen knallharten, dafür kurzen Shutdown. Eines ihrer Argumente gegen einen zähen Lockdown light sind psychische Probleme. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt eine Statistik der nationalen Polizeibehörde: Die Zahl der Tötungsdelikte ist im vergangenen Jahr um etwa ein Viertel angestiegen – dabei war sie in den Vorjahren zurückgegangen. Die Behörden vermuten, dass die Kontaktbeschränkungen schuld sind: Die Menschen verlieren ihre Jobs, sind gestresst, trinken mehr und nehmen mehr Drogen. Das Gesundheitsministerium wies bei einer Untersuchung von Drogenrückständen im Abwasser von Helsinki kürzlich Rekordwerte von Amphetaminen nach. Und zur Wahrheit gehört auch: Krebspatienten warten doppelt so lange wie vorher auf eine Behandlung, und die Warteschlangen werden immer länger.

Dass Corona auch in Finnland im Guten wie im Schlechten offenlegt, was vorher schon da war, fällt bei der Rückkehr nach Berlin im Vergleich noch mal auf: In Finnland am Flughafen ging es erst mal zur Passkontrolle, EU hin oder her, es gab seitenweise Infomaterial. Zu Hygienemaßnahmen, Quarantäneregeln, dem kostenlosen PCR-Test vor Ort – und zu E.T., einem weißen Schweizer Schäferhund, der im Schichtdienst hier am Flughafen Vantaa in Einsatz ist: im Wechsel eine Stunde schnüffeln, eine Stunde Pause. E.T. hat vorher Krankenhauskeime erschnüffelt und ist jetzt zusammen mit drei anderen zum Corona-Spürhund trainiert worden. Laut Projektleitern sind die Hundetests bisher zu 94 Prozent korrekt, aber noch nicht offiziell. Die Stadt zahlt, und die Initiatoren an der Universität Helsinki hoffen, im Frühsommer genügend Daten zusammen zu haben, um dann auch teure PCR-Tests ersetzen zu können.

Zurück in Berlin: Am Flughafen schert es keinen, woher man kommt, wohin man geht. Keine Hinweise auf Tests, keine Informationen. Nur ein Aufzug zu den Bahngleisen, der nicht funktioniert.