Brauchen bestimmte deutsche Medien einen internen Antisemitismusbeauftragten? Das ist eine Frage, die ich mir seit Jahren stelle. Schon im Jahr 2018 habe ich der absichtlich verzerrten Berichterstattung in Bezug auf Israel und den Nahen Osten ein ganzes Kapitel in meinem Buch „Der neu-deutsche Antisemit“ gewidmet. Jahrelange bittere Erfahrungen, die ich als ein aus Deutschland stammender Sprecher der israelischen Verteidigungsstreitkräfte machen konnte, gingen meiner negativen Prognose voraus. Jahrelang habe ich hautnah mitverfolgen können, wie gewisse deutsche Leitmedien ein ganz bestimmtes Narrativ im Nahostkonflikt verfolgen. Und die Realität diesem Narrativ unterordnen. Täter werden zu Opfern, und Opfer werden zu vermeintlichen Tätern gemacht.

Feuern Terroristen der Hamas Raketen auf israelische Städte ab, reagiert die israelische Armee zumeist mit einem Luftschlag, in der Regel gegen Terrorinfrastrukturen der Hamas. Die Headline in vielen deutschen Medien: „Israel bombardiert Palästinensergebiete“. Der vorherige Raketenbeschuss wird erst im Text erwähnt. Als vor einer Woche ein palästinensischer Terrorist in Jerusalem das Feuer auf Israelis eröffnete, dabei einen 26-jährigen Mann ermordete und mehrere Menschen verletzte, erschoss die israelische Polizei den Attentäter. Die Headline des ZDF lautete: „Israel: Ein Palästinenser erschossen“, bei der Rheinischen Post wurde getitelt: „Israelische Polizisten erschießen Palästinenser am Tempelberg“. Wieder bekommt der Leser den Anschein, dass Israel der Täter sei. Wieder wird Ursache mit Wirkung verdreht. Wieder wird ein Terrorist, der mordend durch die Straßen zieht, als „Mann“ oder „Palästinenser“ relativiert und verharmlost.

Vor kurzem nahm das ZDF den deutsch-iranischen Rapper Sinan Farhang alias Sinan G aus Essen in einer seiner Dokumentationen auf, obwohl Sinan G ein bekennender Fanboy der libanesischen Hisbollah ist. Auf Facebook kursieren zudem radikal antisemitische Kommentare, die auch mich erreicht haben. Und die Deutsche Welle kooperierte mit dem arabischen Sender Roya TV, der regelmäßig radikale antisemitische Karikaturen verbreitet. Erst nach öffentlichem Druck  sah sich die Deutsche Welle gezwungen, die Zusammenarbeit mit Roya TV auszusetzen. Redaktionsinterne Konsequenzen gab es nicht.

So frage ich mich nun nicht mehr, ob bestimmte Medien in Deutschland einen Antisemitismusbeauftragten benötigen. Nein, ich weiß die Antwort. Es ist dringend notwendig, notwendiger denn je. Auch verzerrte Berichterstattung in Sachen Israel hetzt Antisemiten in Deutschland auf. Medien stehen in der Pflicht professionell, informativ und objektiv zu berichten. In Anbetracht der deutschen Vergangenheit und des Holocaust erwarte ich, dass diese minimalen Standards eingehalten werden. Insbesondere, wenn es um Juden und den jüdischen Staat geht. 

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch-persisch-israelischer Politologe und Schriftsteller.