Zwei Live-Interviews mit AfD-Politikern in den öffentlich-rechtlichen Sendern sind auf spektakuläre Weise gescheitert. Eines mit dem Thüringer Spitzenkandidaten für die Landtagswahl, Björn Höcke, eines mit Partei- und Bundestagfraktionschef Alexander Gauland.

Höcke gefielen Fragen nicht

Höcke (genauer: sein Pressesprecher) brach ein konfrontativ geführtes Interview mit dem ZDF-Reporter David Gebhard ab, weil ihm die Fragen nicht gefielen. Gebhard ging es um Höckes Sprache, um die Bezüge zum Nationalsozialismus. Mitten im Interview grätscht Höckes Sprecher ins Gespräch und sagt: „Sie haben jetzt Herrn Höcke mit Fragen konfrontiert, die ihn stark emotionalisiert haben und diese Emotionen möchte … glaube ich, sollte man so nicht im Fernsehen bringen.“ Er fordert eine Wiederholung.

Gauland war im ARD-Sommerinterview bei Tina Hassel zu Gast, zu dem auch ein Teil mit Zuschauerfragen gehört. Er verlangte, diese vorher einzusehen. Als er diese nicht bekam, verweigerte sich Gauland dem direkten Kontakt mit dem fragenden Volk mit dem bemerkenswerten Satz: "Warum muss ich sozusagen in ein schwarzes Loch gucken?"

Beide Interviews zeigen, dass auch sechs Jahre nach Gründung der AfD die deutschen Medien an einem adäquaten Umgang mit der sich immer weiter radikalisierenden Partei scheitern. Warum ist das so? Drei Thesen und ein Vorschlag zum Thema.

These 1: Der Versuch der „Entlarvung“ fördert nur die Opferrolle

Das Ziel des ZDF-Teams war eindeutig: Sie wollten Höckes Sprache und sein Spiel mit Anleihen an nationalsozialistische Begriffe „entlarven“. Sie beginnen mit einem Einspielfilm „Höcke oder Hitler?“ Die Reporter konfrontieren AfD-Abgeordnete mit Zitaten aus Höckes Gesprächsband „Nie zweimal in denselben Fluss“ und fragen: Wer hat’s gesagt? Ein gute Idee, die man witzig nennen könnte, wenn das Ergebnis nicht so gruselig wäre: Kein Parteifreund wagt es, Höcke-Sätze von Hitler-Zitaten unterscheiden zu können.

Was aber soll Höcke dazu sagen? Er weicht aus, nennt seine Sprache verharmlosend „poetisch“ und behauptet, es gebe keine klare Definition davon, was zur „NS-Sprache“ gehöre. Er fordert stattdessen, in „einer ergebnisoffenen und tabufreien Diskussion endlich mal die Frage (zu) klären, wie wir in Deutschland gemeinsam in Zukunft leben wollen“.

Das Skandälchen hilft bei den eigenen Anhängern

So schwenkt Höcke bereits auf den sattsam bekannten Weg zur Opferrolle ein, doch er braucht seinen Sprecher, um gänzlich die Kurve zu kriegen: In der Diskussion um vermeintliche falsche Absprachen und die Wiederholung des Interviews produzieren Höcke und sein Sprecher das Skandälchen, das ihnen bei den Anhängern helfen wird.

Gauland geht im Gespräch mit Tina Hassel – allerdings ohne die Eskalation – kaum anders vor. Er verweigert sich einer Diskussion um seine „Vogelschiss“-Äußerung („ich hätte nicht gedacht, dass Sie damit wieder anfangen“), nennt Höcke „immer wieder fehlinterpretiert“, weicht aus und verharmlost. Da helfen nur präzise Fragen, nicht der vage Wunsch, dass sich die Gesprächspartner von selbst entlarven.

These 2: Nur Nachfragen hilft

Tina Hassels Gespräch mit Gauland krankte daran, dass sie in 20 Minuten 33 Fragen unterbrachte, wie die „Zeit“ akribisch durchzählte (einschließlich der Zuschauerfragen). Sie ließ Gauland dadurch ein ums andere Mal mit hanebüchenen Behauptungen durchkommen, weil sie zum nächsten Thema sprang. Einige Beispiele: „Völkisch“ sei kein rechtsextremer Begriff, da er aus der völkischen Jugendbewegung von Anfang des 20. Jahrhunderts kam (die allerdings rechtsextrem geprägt war). Bei der „Identitären Bewegung“ gäbe es auch Nicht-Rechtsextreme, sagt Gauland – und im nächsten Satz, er habe noch nie mit einem „Identitären“ gesprochen.

Die rechtsextreme Vergangenheit von Gaulands politischem Ziehsohn Andreas Kalbitz bezeichnet Hassel als „rechte Bezüge“ und will von Gauland nur wissen, „ob da noch was kommt“. Und die Frage zur Verschwörungstheorie vom „Bevölkerungsaustausch“ lässt Gauland abtropfen. Eine Nachfrage gibt es nicht. Gauland demonstriert nichts als vorgebliche Ahnungslosigkeit und Verachtung. Bei seinen Anhängern wirkt letzteres, für alle anderen ist es ein Affront und verschwendete Sendezeit.

These 3: Drohungen, Beleidigungen, Übergriffe sofort kontern

Auf Gaulands Weigerung, die Zuschauerfragen zu beantworten, reagiert Hassel mit dem Satz „Sie müssen hier gar nichts“. Warum lässt sie sich vom AfD-Chef das Interviewformat diktieren – und nicht das Gespräch ganz ausfallen?

Höcke droht mit „massiven Konsequenzen“ und kündigt an, Gebhard kein Interview mehr zu geben, wenn er - Höcke - „eine interessante politische Person in diesem Land wird“. Der ZDF-Mann lässt sich nicht einschüchtern und erklärt, das Material selbstverständlich zu verwenden. Richtig so.

Viele AfD-Politiker haben generell ein gespaltenes Verhältnis zur Pressefreiheit. Das haben Politiker anderer Parteien auch – sie alle lieben Berichte, die ihnen nützen und versuchen, Negatives zu unterdrücken. Nur bei der AfD aber wird es grundsätzlich. Nur ihre Vertreter versuchen, die Spielregeln massiv in ihrem Sinne umzuschreiben, lassen ihrer Verachtung gegenüber der Pressefreiheit freien Lauf.

Die Folge: Keine Live-Interviews mehr

„Gaulands Performance unterstrich, dass seine Partei weder gewillt noch in der Lage ist, am politischen Diskurs in seiner demokratischen Form teilzunehmen“, schreibt die „Zeit“ über das ARD-Gespräch. Was Erkenntnis gebracht hätte – etwa Nachfragen, wie Gauland heute zu Kalbitz steht, wann er was von dessen rechtsextremen Verbindungen wusste – verweigert sich dem Format eines Live-Gesprächs, weil es zu kleinteilig und langwierig ist.

Auch das Höcke-Interview konnte nur scheitern. Über ihre Sprache, ihr Ranwanzen an den harten radikalen Rand, wollen AfD-Politiker nicht sprechen. „Aber direkt wieder dieses … oah … diese alte Chose. Leute, ich kann‘s nicht mehr hören“, sagt Höcke, als die Lage eskaliert ist. Das Interview konnte nur zum Eklat führen und wird als solcher vermarktet. Neues von oder über Höcke erfährt niemand.

„Hilflosigkeit im Umgang mit Rechten“

„Wir erleben eine große Hilflosigkeit im Umgang mit den Rechten“, sagt Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“, und fordert, die AfD als Rechtsextreme zu ächten und von allen Talk- und Wahlrunden auszuschließen. Das aber wird die Partei endgültig dahin schieben, wo sie sich am wohlsten fühlt: in der Opferrolle. Natürlich sollen Journalisten mit AfD-Vertretern reden und sie dort, wo sie etwas zu sagen haben, zu Wort kommen lassen. Doch jemand, der immer damit droht, das Spielbrett umzuwerfen, ist kein normaler Spielpartner. Ihn dabei zu filmen, wie er die Steine durch die Gegend schmeißt wie Höcke, bringt keinen Erkenntnisgewinn.

Und was das „Sommerinterview“ mit Gauland angeht: Es gibt keinen Zwang, aus Proporzgründen ein Live-Interview zu führen. Wer sich dem Gespräch verweigert, schließt sich selber aus. Die AfD darf niemals in die Position kommen, die Regeln zu diktieren.