Torsten Harmsen findet übertriebene Ängste vor dem Corona-Virus unnötig.
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BerlinCoronavirus hinten, Coronavirus vorn! Kaum jemand kann es mehr hören. Die einen schreien: Panikmache! Die anderen warnen: Eine Pandemie droht! Und tatsächlich: Die Zahlen aus China stimmen nicht gerade zuversichtlich. Etwa 64.000 Menschen sind an Covid-19 erkrankt, so der Name, den die Atemwegserkrankung vor einigen Tagen erhielt. Manche Experten schätzen, dass es zehnmal so viele sind. Etwa 1400 Menschen starben.

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Aber man sollte das Ganze auch im weltweiten Maßstab sehen: Außerhalb Chinas waren bis Freitag 26 Länder betroffen, mit meist nur ein- oder zweistelligen Zahlen von Todesopfern.

Zum Vergleich: 2018 starben weltweit rund 770.000 Menschen an der Immunschwächekrankheit Aids. Der Grippe fielen allein in Deutschland 25.000 Menschen zum Opfer. Dagegen nimmt sich das neue Virus mit dem sperrigen Namen Sars-CoV-2 noch nahezu harmlos aus. Und trotzdem haben 70 Fluglinien ihre Verbindungen nach China gekappt. Trotzdem werden Großveranstaltungen gestrichen, wirtschaftliche Folgen beklagt. Und in deutschen Apotheken sind die Atemschutzmasken ausverkauft.

Unser Ur-Trauma der Pandemie

Hinter diesen Reaktionen stecken verschiedene Dinge. Zum Teil sind sie irrational. Denn der Mensch hat Angst vor allem Neuen, Unbekannten, das ihn bedroht. Dagegen baut er Barrieren auf, zum Teil unsinnige.

Auf der anderen Seite gibt es auch rationale Gründe. So ist es zum Beispiel vernünftig, vorübergehend Fluglinien zu kappen, Kreuzfahrtschiffe unter Quarantäne zu stellen, Verdachtsfälle für eine Weile zu isolieren. Denn das große Thema für Mediziner lautet: Pandemie!

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Es gibt besorgniserregende Szenarien. Sie werden vom Ur-Trauma der jüngeren Infektionsgeschichte gespeist: dem Tod von weltweit bis zu 50 Millionen Menschen durch die Spanische Grippe von 1918 bis 1920.

Individuum kann sich entspannen

Pandemie bedeutet die rasche Verbreitung eines neuartigen Erregers rund um den Globus. Dass so etwas auftritt, ist nur eine Frage der Zeit. In den Jahren 2009/2010 zum Beispiel gab es eine Pandemie, an die sich kaum jemand mehr erinnert. Man sprach damals salopp von der Schweinegrippe. Sie wurde ausgelöst durch den Influenza-A-Virus H1N1. Es war ein relativ harmloser Virustyp, der heute zu den saisonal auftretenden Grippeviren zählt.

Es wird geschätzt, dass sich bisher ein Drittel der Weltbevölkerung damit infizierte – teilweise ohne es zu merken. Ein aggressiverer Virustyp hätte Millionen Menschen töten können. Einer solchen Entwicklung muss man rechtzeitig vorbeugen. Dazu gibt es glücklicherweise einen WHO-Pandemieplan und nationale Pläne.

Wir leben nicht mehr im Jahre 1918. Wir können uns als Individuum entspannt zurücklehnen und dennoch als Gesellschaft alarmiert sein. Wie es mit dem Virus Sars-CoV-2 weitergeht, weiß man noch nicht.

Globale Zivilisation ist anfällig

Es könnte sich ausbreiten und eine Pandemie auslösen. Wobei Todesfälle glücklicherweise recht selten aufzutreten scheinen. Aber die Welle könnte dennoch große Schäden anrichten, vor allem in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen.

Das Virus könnte auch einfach verschwinden wie Sars 2003. Und irgendwann in naher oder ferner Zukunft tritt dann ein neuer Erreger auf. Alles beginnt wieder von vorn. Am Ende sieht man wieder einmal, wie anfällig die globale Zivilisation ist, wie endlos der Kampf von Wissenschaft und Medizin zur Sicherung dieser Zivilisation.

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Wir treiben weltweit Handel, schicken unsere Kinder ins Auslandsjahr, wohnen und arbeiten in aller Welt – allein in China sollen 14.000 Deutsche leben. Globalisierung ist das große Wort. Doch wenn plötzlich Bedrohungen auftreten, fallen die Schotten.

Nicht ohne internationale Hilfe

In bestimmten Situationen kann Abschottung durchaus sinnvoll sein. In anderen nicht. Klimaveränderungen zum Beispiel begegnet man nicht durch Flughafenkontrollen und Quarantänemaßnahmen. Aber auch der Kampf gegen den Virus braucht Gemeinsamkeit.

Wie der Kampf gegen Ebola in Afrika zeigte, geht es nicht ohne internationale Hilfe. Auch Europa muss zusammenarbeiten, trotz Brexit und Spannungen verschiedenster Art. Wie gut das funktioniert, werden die nächsten Wochen zeigen.