Bernd Lucke, Wirtschaftswissenschaftler und AfD-Mitbegründer, verlässt den Hörsaal der Uni Hamburg. 
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BerlinAn deutschen Hochschulen gibt es fast 20.000 Studiengänge. Man kann sich für Kreuzfahrtmanagement einschreiben, den Master in Eurythmie machen oder Körperpflege auf Lehramt studieren. Eine wunderbare Vielfalt, solange die Zahl von Fachrichtungen jene der Studenten nicht wesentlich übersteigt. Nun existiert noch eine Disziplin mehr. Ich habe sie entdeckt. Mein Heureka-Erlebnis geschah bei Bernd Luckes Rückkehr als Wirtschaftsprofessor an die Universität Hamburg. Dem AfD-Mitbegründer ist seine Ausgeburt bekanntlich entglitten, weshalb er sie inzwischen geißelt, als dränge es ihn nach einem Praktikum bei der Antifa.

Stern.de berichtete: „Am Mittwochmittag sollte er seine erste Vorlesung halten – doch dazu ließen es die Studierenden im Saal nicht kommen. (…) Er steigt wieder aufs Podest, will in die dort befestigten Mikrofone sprechen, aber die Studierenden sind schneller. Sie schlagen die Mikrofone von ihm weg, stoßen ihn fort. Einer will erneut auf ihn losgehen.“ Grammatikalisch handelt es sich bei „Studierende“ um ein substantiviertes Partizip Präsens Aktiv. Alle mir zugänglichen Linguisten sind sich einig, dass das sogenannte Partizip 1 eine Parallelität von Ereignissen bezeichnet. Wikipedia behauptet, dass es „einen aktiven Vorgang beschreibt, der gerade stattfindet.“ Eine Online-Grundschulnachhilfe definiert: „Wir drücken mit ihm Dinge aus, die gleichzeitig passieren.“

Bernd Lucke: Studierende sollen ihn im Chor zum Nazischwein ernannt haben

Greta und ihre Jünger fordern, man solle den Wissenschaftlern glauben. So. Dann mache ich das jetzt. Sprachexperten sagen: Wer „studierend“ genannt wird, sollte beim Wegschubsen des Professors auch etwas studieren, im selben Moment, etwa Luckes Impulserhaltungsverhalten oder ein Kompendium über Makroökonomie. Auf Videos von besagter Lehrveranstaltung ist solch Multitasking nicht zu erkennen. Studenten haben es da besser als Studierende. Sie können sich ganz darauf konzentrieren, ihren Dozenten mit Papierkugeln zu bewerfen. Student kann man sein, ohne justament zu studieren. Manche schafften das früher jahrzehntelang.

Auch anderen Medien zufolge sollen es Studierende gewesen sein, die Lucke im Chor zum Nazischwein ernannten. Kurz dachte ich, dass es sich in Wirklichkeit nur um Motzende gehandelt habe und also um eine durch Gender-Opportunismus verursachte journalistische Wortfindungsschwäche. Doch dann durchfuhr der Strahl der Erkenntnis mich wie weiland Archimedes: Im Gegenteil. Die Vokabel wurde präzise gebraucht. Bei genannten Aktivitäten der Studierenden handelte es sich um Lerninhalte. Tatsächlich. Das war keine gesprengte Vorlesung, sondern das reguläre Übungsseminar „Mobbing lebt vom Mitmachen“ des Bachelor-Studiengangs „Diskursdominanz“.

Leute bepöbeln sich immer heftiger als Sachwalter des Dritten Reiches

Selten wurde eine Fachrichtung so gebraucht. Die Leute bepöbeln sich immer heftiger als Sachwalter des Dritten Reiches, ob nun beim Vordrängeln im Supermarkt oder weil jemand es doof findet, unter dem Banner der Gleichberechtigung die Grammatik zu schänden. Diesen Volkssport auf akademisches Niveau zu heben, ist eine revolutionäre Tat. Bald dürfte es möglich sein, in Allgemeiner und Vergleichender Nazibeschimpfung zu promovieren. Im Juli erhielt die Hamburger Uni erstmals den begehrten Exzellenzstatus. Hoffentlich dafür.