Viefalt der Zeitungen.
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BerlinFür wen sprechen Sie eigentlich? Warum soll ich Ihnen eigentlich zuhören?“, wurde ich kürzlich während eines Vortrags gefragt. Die Zuhörerin war der Meinung, ich, der Publizist, würde mir einfach so das Recht herausnehmen, eine neue Stimmenvielfalt für dieses Land zu fordern und das als allgemeine Meinung darzustellen.

Natürlich wollte sie mich mit dieser Aussage provozieren. Ich war ihr dankbar für den Einwand. Ihre Kritik betraf meine Rolle als öffentlich Sprechender und einige offene Fragen, was diese Rolle eigentlich rechtfertigt. Sie verdeutlichte, wie entscheidend vor jedem öffentlichen Gespräch eine Klärung der Ziele ist, damit Kommunikation nicht zum lähmenden Selbstzweck verkommt.

Noch immer gilt in unserer Gesellschaft das Abkommen, dass jene, die sich aufgrund von Beruf, Amtsfunktion, Erfahrung oder Aufmerksamkeit einen Namen gemacht haben, auch dazu berechtigt sind, öffentlich Auskunft zu geben. Das trifft auf Journalisten, Politiker und Künstler ebenso zu wie auf Wissenschaftler und Prominente. Einmal eingeführt und ermächtigt, schaffen es manche von ihnen, über Jahre hinweg das Sprachrohr für die unterschiedlichsten Themen zu sein. Daneben stehen die Akteure der selbst ernannten „alternativen Medien“. Populistische Foren, die für sich in Anspruch nehmen, die eigentliche Wahrheit hinter politischen Vorgängen zum Vorschein zu bringen. Auffälligerweise sind es auch hier die immer gleichen Akteure und Argumente, welche die Kritik am „Mainstream-System“ äußern.

Populisten operieren gern mit „wir“ und „uns“

Die Kernfrage lautet daher, wie man zu einer wirklichen Vielfalt von gesellschaftlichen Stimmen kommt, die nicht nur hörbar, sondern auch wirksam sind. Ein Ansatz könnte hier die Beantwortung ein paar einfacher Fragen an das öffentliche Gespräch sein: Warum reden wir eigentlich? Welches konkrete Anliegen ist es denn, das verhandelt werden soll? Geht es um auf sich selbst bezogene Debatten oder um neue Ideen, wie sich Lösungen für bestehende Probleme finden lassen?

In verfahrenen politischen Diskussionen gibt es hierzulande eine Forderung, die offenbar nie falsch ist: Wir brauchen einen neuen Dialog. Darum gruppieren sich dann zuverlässig wie die englischen Kavalleriepferde beim Hornsignal, um einen Vergleich des kürzlich verstorbenen Erhard Epplers aufzugreifen, eine ganze Menge von weiteren Begriffen: Austausch, Demokratieverteidigung, Wehrhaftigkeit, Widerstand, zivilgesellschaftliches Bewusstsein. Der Erziehungswissenschaftler Frank-Olaf Radtke spricht von einer mittlerweile in Deutschland entstandenen „Dialogindustrie“.

Unzählige Talkshows, Symposien, Leitartikel und Radiofeatures betonen immer wieder, dass wir einen neuen gesellschaftlichen Dialog benötigen. Ein scheinbares Allheilmittel gegen zunehmenden Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Rhetorische Medizin für die Selbstvergiftung einer in digitale und analoge Foren zerfallenden Gesellschaft.

Sätze wie „Bei uns in Deutschland ist es doch so…“ oder „Wir sind ein Land, das…“ offenbaren häufig den problematischen Charakter von Sprechenden, die für sich in Anspruch nehmen, stellvertretend für eine Vielzahl von Menschen Auskunft zu geben. Das gilt im besonderen Maße auch für jedwede Couleur von Populisten. Sie operieren gern mit den Worten „wir“ und „uns“, ohne dass klar ist, wer damit eigentlich gemeint ist.

Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson hat im Zusammenhang von Nationenbildung bereits in den Achtzigerjahren von „Imaginierten Gemeinschaften“ („imagined communities“) gesprochen. Er beschreibt darin die Annahme von gesellschaftlichen Akteuren, sie würden im Namen Vieler sprechen, indem sie sich in ihrem Bewusstsein die Gesellschaft, in der sie leben, als eine Art homogene Gruppe zusammenbasteln.

Neue Stimmen entdecken und sichtbar machen

Wie viele von achtzig Millionen Menschen in diesem Land kennt der Einzelne jedoch so gut, dass er fundierte Auskünfte über ein „Wir“ geben könnte? Dialoge setzen häufig genau hier ein. Es sprechen Vertreter von Gruppen und Verbänden mit der felsenfesten Überzeugung, deren Anliegen umfassend zu vertreten. Das ist eine Falle.

Ein Beispiel zur Illustration: Das heiße Thema Migration wird seit vielen Jahren in unzähligen Dialogveranstaltungen verhandelt. Menschen mit Migrationshintergrund tauchen dabei häufig als Gruppe auf, die eine gemeinsame Erfahrung teilen. Scheinbar.

Fragt man genauer nach, wird es uneindeutiger. So ist etwa die Geschichte von vietnamesischen Vertragsarbeiterinnen in der DDR von ganz anderen Problemen bestimmt gewesen als jene von türkischen Gastarbeitern in der Bundesrepublik. Wie präsent ist aber das Leid der vietnamesischen Frauen dieser Generation im kollektiven Bewusstsein? Wie oft kommen sie medial zu Wort? Erst wenn hier Individuen sprechen und ihre jeweiligen Erfahrungen äußern, ergibt sich ein realistisches Bild.

Freilich gibt es auch übergeordnete gesellschaftliche Themen, die man nicht individualistisch abhandeln kann. Man kann aber darauf achten, ob es eine Rotation der Experten gibt. Besser noch: den Willen, neue Stimmen zu entdecken und öffentlich sichtbar zu machen. Oder man begnügt sich damit, wie in der deutschen Talkshow-Kultur hinreichend zu beobachten, immer wieder denselben Akteuren zuzuhören und eine merkwürdige Form von Sicherheit zu genießen: solange jene sprechen, ist die mir vertraute Welt ja noch nicht gänzlich auf den Kopf gestellt.

Ideenkultur statt Debattenkultur

Dialog im Sinne endlos geführter Debatten, so lässt sich zugespitzt formulieren, ist das Gegenteil von lösungsorientiertem, kooperativem Handeln.

Das Wort dialogos, ursprünglich aus dem Griechischen kommend, bedeutet so viel wie „Wortfluss“. Er betont eine Bewegung zwischen Gesprächspartnern. Er sagt jedoch nichts darüber hinaus, welche Rolle die Sprechenden spielen in diesem Fließen. Wer ist überhaupt dazu eingeladen, sich an dem Dialog zu beteiligen. (Allein der Blick auf die Organisation des Beifallklatschens in deutschen TV Studios, offenbart demokratische Abgründe.)

Noch weniger sagt es etwas aus über den entscheidenden Punkt, was am Ende solcher Dialoge steht und wie erfolgreich sie sind. Wünschenswert wäre eine an Veränderung orientierte Kommunikation, in der sich die Beteiligten nicht nur gern selbst sprechen hören, sondern ein gemeinsames Ziel haben. Und sei es, einen Konflikt respektvoll miteinander auszutragen. Kurz gefragt: Wie entsteht aus dem Räsonieren Handeln?

Statt einer Debattenkultur benötigen wir vielleicht in einem viel stärkeren Maße eine neue Ideenkultur, in welcher nicht die gegenseitige Beschuldigung zählt, sondern die Qualität der dargestellten Vorschläge.

Doch wie kann das konkret gelingen? Eine nahe liegende Antwort könnte lauten: in dem man jene zu Wort kommen lässt, die in Theorie und Praxis Lösungen suchen und finden. Indem man überhaupt mehr auf die Selbstauskünfte von Menschen hört, die sich mit Problemlösungen beschäftigen.

Mehr als Fake News und Hasskommentare

Allein in einer Stadt wie Berlin sind aktuell so viele künstlerische, digitale oder soziale Innovationen zu beobachten, dass man sehr viele Sendungen ausstrahlen müsste, um annähernd ein Bild dieser Vielfalt an Ideen und Lösungsvorschläge öffentlich zu machen. Statt lediglich das Bekannte mit vertrauten Stimmen auszuhandeln, könnte der interaktive, hybride Charakter einer demokratisch gesinnten Netzgesellschaft in den Vordergrund treten.

Das Internet hat mehr zu bieten als Fake News, Hasskommentare, populistische Posts und Verschwörungstheorien. Ob es um den Schutz von Bildrechten durch Blockchain-Technologie geht oder um das Auffinden bezahlbarer Wohnräume, die Vermeidung von Plastikmüll oder die Suche nach Kitaplätzen – es gibt stetig sich weiter entwickelnde Ansätze von Menschen, hier Lösungsvorschläge zu formulieren. Da verläuft auch die Scheidelinie zu den populistischen Foren. Das Verbreiten sachdienlicher Ideen ist nicht gerade das Hauptmerkmal ihrer Kommunikation.

Die Fülle an positiver Kreativität der digitalen Sphäre in der öffentlichen Wahrnehmung sichtbar zu machen, ist eine noch ausstehende Medienrevolution. Es geht nicht um die Rubrik „Neues aus der Digitalisierung“, sondern um „Ideen, die wir noch nicht kannten.“ Das Netz ist ja häufig auch eine Aushandlungszone für Innovationen, die aus dem realen Leben kommen. Hier steht nicht der Dialog im Vordergrund, sondern die Suche nach einer Öffentlichkeit, die mitdenkt, mitspricht, eben nach Lösungen für Probleme sucht, die viele beschäftigen.

Politische Unterstützung ja, moralische Entwicklungshilfe nein

Ich habe das letzte Jahr viel Zeit damit verbracht, für meinen Essay „Die Kunst, für sich selbst zu sprechen“ Menschen zu befragen, die sich mit veränderten Gesprächsformaten und neuen Lösungen für gesellschaftliche Probleme beschäftigen. Ich habe mit Geflüchteten in Berlin gesprochen, die selbstständig, in Camps andere Geflüchtete unterrichteten. Mit Frauen in Uganda, die eigene Apps kreieren, um Mädchen in Afrika über gesundheitliche Risiken aufzuklären. Oder mit Studierenden in Deutschland, die sich über neue Prüfungsformate Gedanken machen, bei denen sie gegenseitig ihr Wissen erkunden, ohne Angst und Prüfungsstress.

So unterschiedlich die Gesprächspartner waren, so einig waren sich alle darin, dass sie keine Fürsprecher von außen wollten. Politische Unterstützung ja, moralische Entwicklungshilfe nein. Diese Menschen wollen für sich selbst sprechen.

Ich habe Menschen in Bewegung erlebt, jenseits der dominierenden Wehklage-Kultur im öffentlichen Raum. Besonders in den Kunstszenen ist da Moment viel Spannendes zu entdecken, wie etwa in dem Projekt „Weiter Schreiben“. Autoren und Autorinnen aus Kriegs- und Krisengebieten arbeiten mit deutschen Kolleginnen zusammen. Nicht der bedauernswerte geflüchtete Autor mit dem arrivierten Deutschen, in einem emphatischen Dialog befangen. Sondern Schriftsteller, die sich kooperativ und respektvoll miteinander austauschen. Wohl auch gemeinsam auf der Suche nach Antworten, wie man Menschen überhaupt wieder neu für das Medium Literatur begeistern kann. Es geht um das Bündeln von Kräften. Um ein Gespräch, das ohne Diffamierung auskommt, weil es sich von anderen Dingen elektrisieren lässt.

Bei Vorträgen und Lesungen habe ich mir im Übrigen auf die potenzielle Frage „Für wen sprechen Sie eigentlich?“ die Antwort zurechtgelegt: „Ich habe eine Gegenfrage: Wollen Sie eigentlich hören, was ich zu sagen habe? Wenn nicht, respektiere ich das. Dann könnten wir auch gemeinsam schweigen.“ Das ruft meist ein Lächeln oder verdutztes Stirnrunzeln auf. Zugleich lockt es den kooperativen Geist hervor. Fürs Schweigen entscheiden sich die wenigsten.