Justitia mit Waage und Schwert. Wir richten ständig über uns selbst und über andere. Jeder hat seinen eigenen inneren Richter.
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BerlinIch habe ein neues Wort gelernt. Anlass war ein Unfall. Ein Freund hatte seine Tochter von einem Fest abgeholt und ein anderes Auto seitlich gerammt. Er ist ein vorsichtiger Fahrer, er hatte nicht getrunken, er hatte sein Kind im Auto. Er war sicher, und seine Tochter auch, die Ampel sei grün gewesen. Später stellte sich heraus: Sie war rot. Wegen einer leichten Schulterverletzung hat der andere Autofahrer ihn verklagt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Die Anwältin meines Freundes wird auf „Augenblicksversagen“ plädieren.

Augenblicksversagen. Das Wort lässt mich nicht mehr los seitdem. Der Unfall hätte das Leben aller Beteiligten für immer verändern können. Es hätte Tote geben können. Das gilt für viele Augenblicksversagen. Für viele andere gilt: Die Folgen sind gering, und dennoch richten wir streng. Über uns selbst und andere. Überhören eine Verzweiflung in der Stimme eines geliebten Menschen, weil wir selbst gerade im Kreis denken. Schreien ein Kind an, obwohl wir wissen, dass die Zurechtweisung in ruhigem Ton es nicht in Angst versetzen würde und sie obendrein zuverlässiger ankäme.

Wer vor Schreck zittert, ist nicht empfänglich. Wir machen etwas kaputt, das jemand anderem viel bedeutet. Das kann eine Tasse sein oder ein Bild oder ein Text. In einen Fall haben wir sie vielleicht heruntergeschmissen, im anderen Fall haben wir unbedacht über das Werk geurteilt. In vielen dieser Fälle hadern wir mit uns oder mit dem Gegenüber, je nachdem, wer einen Augenblick versagt hat.

Jeder hat seinen eigenen inneren Anwalt

Manchmal sind wir darin unerbittlich. Prangern an und stellen bloß, weil zum Beispiel jemand etwas Dummes gesagt hat. Aus einem Denkfehler heraus, vielleicht aber auch, weil derjenige mit dem Rücken zur Wand stand. Augenblicksversagen? Gilt nicht. Besonders oft trifft diese Gnadenlosigkeit Politiker und andere Prominente.

Oder Menschen, deren Leben sichtbar in Schieflage geraten ist. Neulich betrat eine junge Frau die S-Bahn. „Ich trinke keinen Alkohol und nehme keine Drogen“, hob sie an und sagte weiter: „Aber ich bin in der 19. Woche schwanger und ohne Obdach. Leider aus eigenem Verschulden.“ Dann bat sie um Essen oder Pfandflaschen. Die hör- und sichtbare Scham über ihre Lage tat mir mehr weh als die Vorstellung, dass diese Frau ohne Zuhause ein Kind bekommen wird. Froh sah ich, dass etliche gaben. Andere guckten weg.

Auch aus Scham? Hilflosigkeit? Auch in diesen Begegnungen versagen wir. Wieder andere schauten verächtlich. „Wie kann man nur so weit kommen?“, sagten ihre Blicke. Und: „Man kann doch aufpassen. In dieser Lage.“ So und ähnlich. Wer weiß, an welcher Stelle das Leben dieser Frau den Knick nach unten vollzogen hat. Irgendwo ist sie falsch abgebogen.

Nicht jeder hat einen Anwalt, der für einen eintritt. Ich glaube aber, jeder von uns hat ihn in sich. Gegenüber sich selbst und anderen. In beiden Fällen wünsche ich mir, alle würden öfter auf ihn hören.