Wenn man jemandem erklären möchte, was ein Paradoxon ist, dann ist der Fall NSU gerade bestens dafür geeignet: An keinem Tatort und Opfer der zehn Mordanschläge, zwei Bombenattentate und 15 Raubüberfälle, die Ermittler der rechten Terrorzelle zuschreiben, konnten biologische Spuren und Fingerabdrücke der mutmaßlichen Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gesichert werden.

Selbst die für die Mordserie verwendeten Tatwaffen, die man im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße fand, weisen keine Spuren der beiden auf. Dafür aber ist jetzt an einer Decke, die am Fundort einer vor gut 15 Jahren im fränkisch-thüringischen Grenzgebiet vergrabenen Kinderleiche gelegen hat, eine DNA-Spur von Uwe Böhnhardt isoliert worden. Bekommt der Fall NSU plötzlich eine völlig neue Dimension – oder haben die Kriminaltechniker bei ihren Analysen geschlampt?

Ein Jugendfreund wurde verdächtigt

Es ist bereits das zweite Mal innerhalb von gut zwei Jahren, dass Böhnhardt in die Nähe eines Kindermordes gerückt wird. Im Juni 2014 war bekannt geworden, dass ein ehemaliger Thüringer Nazi den mutmaßlichen Terroristen mit dem Tod des neunjährigen Bernd B. aus Jena in Verbindung bringen wollte. Das Kind war im Juli 1993 verschwunden, zwölf Tage später fand man am Saaleufer seine Leiche.

Als dringend tatverdächtig galt in dem bis heute ungelösten Fall Enrico T., ein Jugendfreund Böhnhardts. Der Außenbordmotor von T.s Boot war in der Nähe des Jungen gefunden worden. 2012 versuchte T. plötzlich, die Schuld auf Böhnhardt zu schieben: Der Freund habe ihm damals das Boot samt Motor geklaut, deshalb könne nur er den Motor bei der Leiche abgelegt haben, sagte er aus. Der Hinweis verlief im Sande.

Missbrauch in Nazikreisen

Tatsächlich haben auch alle bisherigen Zeugenvernehmungen und Ermittlungen im NSU-Verfahren keine Hinweise darauf ergeben, dass Böhnhardt oder Mundlos pädophil gewesen sein könnten. Daran ändert auch nichts der Fund von acht Nacktfotos mit Kindern und Heranwachsenden, die auf der Festplatte eines Computers aus der Zwickauer Frühlingsstraße sichergestellt wurden.

Die Staatsanwaltschaft und das BKA hatten im Mai 2012 diese Bilder, die sich in einer größeren Zahl von pornografischen Aufnahmen mit Erwachsenen fanden, ausgewertet. Nur bei zwei der acht Bilder habe es sich demnach um Abbildungen gehandelt, die dem Bereich Kinder-/Jugendpornografie zugerechnet werden könnten, heißt es in dem dieser Zeitung vorliegenden BKA-Vermerk. Diese acht Bilder seien laut BKA zudem keine „bewusst gespeicherten Originale, sondern vom Betriebssystem erzeugte Vorschaubilder“.

Allerdings hatte es in den Kreisen der Thüringer Neonazis bereits in den 1990er-Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern gegeben. Darin verwickelt war der Anführer des Thüringer Heimatschutzes, Tino Brandt. Es gibt aus dieser Zeit zudem Aussagen von V-Leuten, wonach Brandt minderjährige Sexualpartner auch an Polizisten und Verfassungsschützer vermittelt haben soll. Entsprechenden Hinweisen war der Erfurter NSU-Untersuchungsausschuss nachgegangen, ohne aber Belege für diese Behauptungen zu finden. Brandt wurde 2014 wegen Kindesmissbrauchs zu einer Haftstrafe verurteilt.