Reisende stehen im Berliner Hauptbahnhof an einem Zug. 
Foto: dpa/ZB/Paul Zinken

BerlinWas ist der Unterschied zwischen einem Kino und einem Wagen der Deutschen Bundesbahn? Das ist leider keine Frage, auf die die Antwort in einem Witz mündet. Im Gegenteil. Die Kinos in Deutschland kämpfen aufgrund der Abstandsregeln von 1,50 Meter, die dort eingehalten werden müssen, um ihre Existenz. In der Deutschen Bahn darf man so eng beieinander sitzen oder auch stehen wie eh und je. Das konnte ich jüngst auf mehreren Fahrten beobachten.

Auch die „Verpflichtung zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes“, auf die der Zugführer des Öfteren per Lautsprecher aufmerksam machte, verhinderte nicht, dass dieser bei einigen Fahrgästen ganz in meiner Nähe unter die Nase oder gar aufs Kinn rutschte. Einmal und nie wieder bat ich darum, ihn doch so zu tragen, wie es sein soll. „Haben Sie etwa Angst, sich anzustecken?“, fragte die Dame mir gegenüber in einem zwischen Genervtheit und Hohn changierenden Ton.

Dann steckte sie ein Bonbon in den Mund und sagte triumphierend: „Ich esse.“ Dabei wären zumindest im Fernverkehr Abstände leicht zu ermöglichen, wenn nur einsteigen dürfte, der eine Platzreservierung hat. Wo es nichts kostet, pocht übrigens auch die Bahn wieder auf den Mindestabstand: in den Reisezentren nämlich, im Bahnhof.

Dieses Messen mit zweierlei Maß mag menschlich sein, es ist aber auch frustrierend und führt dazu, dass man sämtliche Regeln in Zweifel zieht. Im Restaurant, vor dem Freibadbesuch, muss ich mich mit Namen und Adresse registrieren. Auch darauf verzichtet die Bahn. Still und leise ist von ihrer Webseite auch der Hinweis verschwunden, man setze so viele Züge ein, dass Abstandhalten kein Problem sei.

Fahrten zur 80-jährigen Mutter werden so zum Albtraum. Man könnte ihr das Virus ins Haus tragen. Dass die Mutter sich in Süddeutschland selbst in den Zug setzt, um etwa in ein paar Wochen zur Konfirmation ihrer Berliner Enkelin zu fahren, ist ausgeschlossen. Im Kino aber waren wir zusammen.