Berlin -  Was bin ich? Als Kind und Jugendliche war es für mich eine große Last, in zwei Kulturen aufzuwachsen. Ich führte ein deutsches Leben draußen, weil ich fast nur deutsche Freunde hatte und noch heute habe. Und ein türkisches Leben drinnen – zu Hause, wo nur Türkisch gesprochen wird, abends türkische Serien angesehen und türkische Gerichte aufgetischt werden.

Mein halbes Leben lang redete ich mir ein, dass ich mich für eine Seite entscheiden, vor allem aber meine Identität klar definieren müsse. Also fragte ich mich: Fühle ich mich „deutsch“, weil ich mich mit der deutschen Kultur eher identifizieren kann als mit der türkischen? Weil ich die deutsche Staatsbürgerschaft besitze? Oder türkisch, weil meine Eltern aus Istanbul stammen? Was definiert überhaupt das Deutschsein? Und was heißt es, eine Türkin zu sein, die in Ludwigshafen geboren wurde und in Mannheim aufgewachsen ist?

Meine Eltern haben stets versucht, mich an meine Wurzeln zu erinnern. Vielleicht aus Angst, mich an die „andere Seite“ zu verlieren. Ich musste zweimal in der Woche neben dem Gymnasium eine türkische Schule besuchen, wo vor allem Rechtschreibung und Geschichte – wie das Leben von Mustafa Kemal Atatürk – gelehrt wurde. Ich half meiner Mama vor Verwandtenbesuchen in der Küche, stellte Hausschuhe bereit und schenkte Tee aus oder verbrachte an wichtigen Feiertagen, wie dem Zuckerfest Bayram, Zeit mit meiner Familie. Es gehörte dazu.

Das mag für viele befremdlich klingen, manchmal war es das sogar für mich. Es gab viele Momente, wo ich mir wehmütig und vor allem sehnsüchtig die Geschichten meiner Freundinnen und Freunde angehört habe, was sie am Wochenende alles erlebt haben. Sie waren immer völlig losgelöst von ihren Familien. Sie mussten nicht im Haushalt aushelfen, sondern lebten ihr Leben schon mit zwölf Jahren aus. Gingen, selbst wenn am nächsten Tag Unterricht anstand, bis zwei Uhr morgens feiern. Und den Eltern? War es egal. Hieß deutsch sein, frei zu sein? Und vor allem: Ging es allen türkischstämmigen Deutschen wie mir?

Ich lebte eine lange Zeit in diesen beiden Welten, immer auf der Suche nach meinem wahren Ich, nie einer Seite völlig zugehörig. Viel zu spät begriff ich, dass es ziemlich bereichernd sein kann, eine multiple Identität zu besitzen. Je älter ich wurde, desto weniger fühlte ich mich entzweigerissen. Die Konturen dieser doch sehr unterschiedlichen Kulturen lösten sich auf, gingen ineinander über.

Mich stört es nicht, wenn ich nach meiner Herkunft gefragt werde, weil es meiner Meinung nach von Interesse zeugt. Aber es stört mich, dass viele Deutsche noch immer nicht wissen, dass Caliskan ein typisch türkischer Nachname ist. Und dass nicht alle Türken dunkle Haare und dunkle Augen haben. Mich stört es, dass die meisten Deutschen zwar die türkische Küche zu kennen scheinen, aber darüber hinaus kaum etwas über die Kultur wissen oder wissen wollen. Wieso habe ich so viel Interesse an den Deutschen, aber sie kaum an meiner zweiten Kultur?

Es gibt Momente, in denen ich mich mehr türkisch als deutsch fühle. Wenn ich eine rassistische Bemerkung einstecken muss zum Beispiel. Oder Komplimente dafür bekomme, akzentfrei Deutsch zu sprechen. Sehr fraumüllerig fühle ich mich, wenn ich penibel alle behördlichen Termine einhalte oder zu jeder Verabredung zehn Minuten zu früh erscheine. Also, mal ehrlich: Was heißt es schon, deutsch oder türkisch zu sein?

Die nächste Kolumne von Miray Caliskan erscheint in 14 Tagen.