BerlinBevor ich Mutter wurde, wusste ich wenig Konkretes über das Leben mit Kindern. Ich wusste allerdings, dass man zum Geburtstag selbst gebackenen Kuchen in die Kita bringen sollte. Das, hatte ich oft gehört, schien für viele Mütter ein großes Thema.

Die Schriftstellerin Christa Wolf notierte im Alter von 31 Jahren in ihr Tagebuch, wie sie zwischen ihren weinenden Töchtern, ihrer Arbeit als Lektorin, in der Parteigruppe der Brigade und der Organisation des anstehenden Kindergeburtstags hin- und herrennt. Und dann läuft das Backen auch noch schief. Als sie den Kuchen für den Geburtstag aus dem Ofen herauszieht, ist eine Seite angebrannt. Und man weiß genau, wovon sie spricht, wenn sie schreibt: „Ich ärgere mich und weiß nicht, wem ich die Schuld geben kann außer mir selbst.“ Der Eintrag ist von 1960, Mental Load auf Ostdeutsch.

Ich erinnere mich auch, wie eine bekannte Kolumnistin einmal auf Facebook postete, dass sie dem Druck widerstanden habe und zum Geburtstag ihres Kindes eine Packung Muffins aus dem Supermarkt mitgebracht habe. Vor der Kitatür habe sie sie aus der Cellophantüte herausgerissen. Sie klang, als sei das eine subversive Aktion, ein revolutionärer Akt gewesen, nach dem die Geschichte des Feminismus neu geschrieben werden muss. 

Seitdem ich selber Kinder habe, verstehe ich die Kolumnistin besser. Ich backe gern, aber nicht auf Druck. Muffinsbacken ist die Währung der funktionierenden Mutter, der Frau, die ihre Acht-Stunden-Schicht durchzieht, danach aber noch die Energie, die Liebe und die Geduld hat, um Schokoküchlein mit Ninja-Zuckerguss zu malen. Es ist eine Art moderner Ablasshandel: Man powert bei der Arbeit, am besten Vollzeit, beweist sich selbst und anderen aber, dass man keine Rabenmutter ist. Männer müssen keine Muffins backen, sie dürfen. Und wenn sie es tun, dann fallen die Erzieherinnen und die anderen Mütter vor Bewunderung auf die Knie.

Ich habe mit der damaligen SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles einmal länger über das Backen geredet. Das war vor fast zwei Jahren, sie hatte mich zu ihrem Podcast eingeladen, um über Gleichberechtigung und Vereinbarkeit zu reden. Ich weiß nicht mehr wie, aber irgendwie kamen wir gleich auf das Backen.

Sie erzählte, wie zerrissen und gestresst sie sich manchmal fühlte zwischen der Rolle als SPD-Vorsitzende und der als getrennt erziehende Mutter einer kleinen Tochter. Ich war beeindruckt. Normalerweise reden Frauen in Spitzenpositionen in der Öffentlichkeit nicht über ihre Familien, sie haben Angst, dass sie sich angreifbar machen.

Manchmal, erzählte Nahles, fuhr sie spät nach den Sitzungen noch sechs Stunden mit dem Auto von Berlin in das Dorf in der Eifel, wo ihre Tochter mit ihrer Mutter lebte. Nachts stellte sie sich in die Küche und backte Muffins, damit die Tochter am nächsten Tag zu ihrem Geburtstag etwas Selbstgebackenes mit in die Schule nehmen konnte. Das war ihr sehr wichtig, auch wegen der Leute im Dorf. Als ich vorschlug, sie könnte doch eine Backmischung nehmen, um Zeit zu sparen, reagierte sie empört, fast beleidigt.  Gleichzeitig stressten sie die Nachfahrten und oft musste sie morgens wieder auf die Autobahn, zurück nach Berlin. Sie hat versucht, es allen recht zu machen.

Mich hat das Gespräch beschäftigt. Warum hat Andrea Nahles nicht zu ihrem Team gesagt, hey Genossen, ich bin mal für ein, zwei Tage weg, kommt ohne mich klar? Und wenn selbst mächtige, selbstbewusste Frauen es nicht schaffen, sich abzugrenzen und Familienzeit zu fordern, wie soll das dann einfachen Angestellten gelingen? Wenige Wochen später trat Andrea Nahles vom SPD-Vorsitz zurück.