In dem Videostandbild steht der Attentäter von Halle hinter einem Auto und schießt mit einer Waffe auf der Straße.
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BerlinDie Koordinaten in der Gesellschaft verschieben sich. Auch diejenigen, die das Gefühl dafür bestimmen, was normal ist und was nicht. Nach dem Anschlag von Halle geht die Verschiebung weiter. Und bedauerlicherweise nicht zum Besseren.

Es gibt diesem berühmten Satz von Golda Meir, der legendären israelischen Politikerin. Sie sagte: „Die Juden können sich Pessimismus nicht leisten.“ Was sie damit sagt, ist, dass die Anlässe für Pessimismus wohl weit zahlreicher sind als für Optimismus. Und dass Optimismus immer eine Option bleiben muss, weil alles andere Schicksalsergebenheit wäre. Auch in schweren Zeiten bleibt die Möglichkeit, bleibt die Pflicht zu handeln. „So ist es eben“, das ist demnach kein akzeptabler Satz.

Viele Menschen hat die Tat von Halle erschüttert. Mir ging es so und vielen anderen auch. Die Tat rührte an ein Trauma. Für die jüdische Gemeinschaft, für alle, in deren Familiengeschichte jener kollektive Wahn des Antisemitismus zu unvorstellbaren Grausamkeiten geführt hatte. Deshalb ist es für die Juden in Deutschland so wichtig, dass das Motiv des Täters wirklich beim Namen genannt wird.

Nach Anschlag in Halle: Das Gefühl von Bodenlosigkeit

Es war Antisemitismus. Jeder, absolut jeder Rechtsextremist ist ein Antisemit. Dieser Wahn von der Weltverschwörung der Juden, diese Idee, dass Juden finster, böse und mächtig sind, dass sie kleine Kinder schlachten, die Welt vergiften, die „Völker“ zersetzen und was weiß ich noch alles – all das gehört zum Betriebssystem des Rechtsextremismus. Zu jedem Rechtsextremismus. Wenn Juden mit diesem Hass konfrontiert werden, der mehr als 2000 Jahre Zeit hatte, sich im Gedächtnis festzutackern, dann erschüttert das, es rührt an einer tiefen Angst.

Es ist wie der Geruch von Feuer im Wald, der jedem Lebewesen signalisiert, sich sofort in Sicherheit zu bringen. Antisemitismus ist das Urfeuer. Wenn es eine Gesellschaft erfasst, verbrennt es alles.

Eine junge Frau war vor einigen Tagen bei mir. Ihr gingen die Ereignisse von Halle sehr nah. Ich habe mit einigen Leuten gesprochen, die wie sie und ich selbst dieses Gefühl von Bodenlosigkeit hatten. Ob wir nicht eine Supervision bräuchten, fragte uns jemand. Ich fand die Frage erstaunlich, aber für die Stimmung im Land normal.

Normal, weil als unnormal angesehen wird, wenn Antisemitismus als Urfeuer wahrgenommen wird. Normal, weil es als unangemessen oder übertrieben angesehen wird, darauf mit Tränen und Erschütterung zu reagieren. Das Gegenteil ist aber richtig, es ist angemessen und normal, auf den Angriff und seine Folgen emotional und tief besorgt zu reagieren.

Franziska Giffey streicht die Mittel gegen Rechtsextremismus

Und was, folgt man Golda Meiers Gedanken, kann man nun tun? Wie kann man handeln? Was wäre im besten Sinne normal? Vielleicht doch nicht die Mittel gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus streichen, wie es das Bundesfamilienministerin Franziska Giffey gerade tut? Ja, es ist normal und angemessen, darüber wütend und enttäuscht zu sein.

Ja, es wäre normal, das bürokratische „So ist es eben“-Zuständigkeitsgelaber zu lassen und die Menschen vor Ort zu unterstützen, die kompetent sind und handeln können. Was für ein Armutszeugnis für die Bundesregierung, dass das hier gesagt werden muss. Gerade jetzt daran erinnern zu müssen, was geschehen wird, wenn erst alles in Flammen steht, das ist nicht normal.