Besonders Kleinbauern wie hier im Südsudan leiden unter den Folgen des Klimawandels.
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BerlinDer Kampf gegen den Hunger hat einen Preis: 14 Milliarden Doller zusätzlich pro Jahr. So viel Geld ist nötig, um den Hunger in der Welt bis 2030 weitgehend zu beenden. Das ist eines der Ergebnisse zweier Studien, die Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. Die Summe stützt sich auf Berechnungen zweier Untersuchungen, an denen unter anderem das Zentrum für Entwicklungsforschung und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen beteiligt waren. Derzeit stellt die internationale Gemeinschaft pro Jahr zwölf Milliarden Dollar für die Hungerbekämpfung zur Verfügung – nötig wäre also mehr als eine Verdoppelung der Mittel.

Die Studie der beteiligten Organisationen ist damit gleichzeitig eine Warnung, denn die Situation ist dramatisch: Weltweit leiden fast 700 Millionen Menschen an Hunger, rund drei Milliarden können sich keine gesunde Ernährung leisten. Zusätzlich bedroht die Corona-Pandemie die bisher erzielten Erfolge bei der Hungerbekämpfung. Schätzungen zufolge werden als Resultat der Pandemie bis zu 130 Millionen Menschen zusätzlich in Armut geraten, da viele Arbeitsplätze verlorengingen und wichtige Nahrungsmitteltransportwege abgeschnitten waren und sind.

„Die Studie gibt eine wissenschaftliche Antwort auf die Frage, was zu tun ist“, sagte Bundesminister Müller bei der Konferenz am Dienstagvormittag, an der auch Bill Gates und Abhijit Vinayak Banerjee, Wirtschaftsnobelpreisträger von 2019, teilnahmen. Den vorliegenden Report bezeichnete der Minister als „Aufforderung zum Handeln“. „Dieser Bericht darf nicht eine Studie unter vielen sein, die verstaubt, ohne, dass sich etwas tut“, sagte Müller. Er forderte die Weltgemeinschaft auf, eine internationale Kampagne loszutreten, ähnlich der „Fridays for Future“-Bewegung. Sonst könne das Ziel der Vereinten Nationen, den weltweiten Hunger bis zum Jahr 2030 zu beenden, nicht erreicht werden. Den Studien zufolge könnte die Zahl der Hungerleidenden ohne entschlossenes Handeln stattdessen in den nächsten zehn Jahren auf über 840 Millionen ansteigen – das entspräche zehn Prozent der Weltbevölkerung.

Die Experten sind sich weitgehend einig darüber, in welche konkreten Maßnahmen das Geld investiert werden muss. Wichtigstes Mittel bei der Hungerbekämpfung ist den Forschungsergebnissen zufolge die Förderung der von Kleinbauern betriebenen Landwirtschaft vor allem in Afrika und Asien. Dabei müsse in nachhaltige Technologien investiert werden, etwa in ökologische Bewässerungsarten und in die Erhaltung der Ökosysteme. Gerade in den ärmsten Ländern trage der Klimawandel maßgeblich zur Verschlimmerung der Ernährungssituation bei.

Wichtig sei außerdem, besonders Frauen zu unterstützen und ihnen den gleichen Zugang zu Land, finanziellen Mitteln und Bildung zu ermöglichen. Frauen und Mädchen sind in dieser Hinsicht gerade in den von Hunger am meisten bedrohten Ländern immer noch besonders benachteiligt; gleichzeitig treffen die Folgen von Hunger und Armut Frauen besonders hart.

Als dritte Maßnahme fordern die Forscher Reformen, um den innerafrikanischen Handel zu steigern und den Kleinbauern den Marktzugang zu erleichtern. Nötig sei auch eine Verbesserung der Infrastruktur für den Transport und die Lagerung der Lebensmittel.

Bei der Umsetzung der Maßnahmen sehen die Wissenschaftler neben den Industrienationen dabei vor allem die Regierungen der betroffenen Länder in der Pflicht. „Hungerbekämpfung geht Hand in Hand mit politischen und gesellschaftlichen Verbesserungen in einem Land“, sagte Joachim Braun, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung.

Doch ohne die Hilfe der Weltgemeinschaft wird es nicht gehen. Bundesminister Müller sicherte zu, dass auch Deutschland die Mittel zur Hungerbekämpfung erhöhen werde. Derzeit investiert die Bundesrepublik rund zwei Milliarden Euro pro Jahr in Ernährungssicherheit und ländliche Entwicklung.

Die veranschlagten 14 Milliarden Dollar, die von der internationalen Gemeinschaft pro Jahr zusätzlich benötigt würden, um die Krise zu bewältigen, nannte Müller eine notwendige Investition. Jeden Tag stürben auf der Welt 15.000 Kinder an den Folgen des Hungers, sagte der Minister in einer emotionalen Botschaft. „Was könnte eine wichtigere Aufgabe sein, als diese Leben zu retten?“