Eine Hebamme tastet den Bauch einer Schwangeren ab.
Foto: dpa/Caroline Seidel

Berlin - Vor ein paar Tagen las ich in der Märkischen Oderzeitung eine Meldung über meine alte Heimatstadt Eisenhüttenstadt. Darin stand, dass ab April die Öffnungszeiten der Geburtsstation des Krankenhauses wegen Personalmangels stark eingeschränkt werden. Der Kreißsaal wird nur noch zwischen 8 Uhr und 16:30 Uhr geöffnet werden. Presswehen also bitte nur noch zu Bürozeiten?

Wer schon mal eine Geburt erlebt hat, weiß, dass sich Babys nicht unbedingt nach Öffnungszeiten richten. Das weiß auch der Geschäftsführer des Krankenhauses, Till Frohne, der in der MOZ versichert, dass Frauen mit akuten Wehen außerhalb der Öffnungszeiten mit dem Rettungswagen in die etwa dreißig Minuten entfernte Nachbarstadt Frankfurt/Oder gebracht werden können. Er erklärt die Entscheidung mit akutem Personalmangel. Eine Hebamme verlasse das Haus, danach blieben nur noch drei Kolleginnen, mit denen man keinen Rund-um-die-Uhr-Betrieb gewährleisten könne. Man wolle jetzt Hebammen aus Tschechien oder Polen anwerben.

Geburtskliniken seit 1990 halbiert

Das, was in Eisenhüttenstadt passiert, ist kein vereinzeltes Problem. Es ist ja auch nicht nur ein Problem von Brandenburg oder Ostdeutschland, in ganz Deutschland fehlen Hebammen, an vielen Orten müssen Kreißsäle sogar komplett schließen. Zwischen 1991 und 2017 hat sich die Zahl der Kliniken mit Geburtshilfe in Deutschland fast halbiert, jeden Monat kommen neue Schließungen dazu, wie man auf der Landkarte des Deutschen Hebammenverbandes sehen kann. Die Kürzungen in der Geburtshilfe werfen nicht nur medizinische, sondern auch politische Probleme auf.

Je schlechter die Versorgung, desto höher die Gefahr für die Schwangere. In einem Gutachten des Bundesgesundheitsministeriums zu den Ursachen von Geburtsschäden vom vergangenen Jahr heißt es: „Ein großes Sicherheitsrisiko bestehe aufgrund des aktuellen Personalmangels.“ Es ist noch nicht lange her, dass über die Probleme des Einsatzes von Wehenbeschleunigern wie Cytotec diskutiert wurde. Wenn Hebammen und Ärzte in den Kreißsälen unter Zeitdruck stehen, bis Dienstschluss fertig zu werden, das Baby auf die Welt zu bringen, muss man sich dann noch wundern, dass in Deutschland jede vierte Geburt eingeleitet wird?

Versorgung immer dramatischer

Das Andere ist die politische Wirkung. Grad in ländlichen Gebieten abseits der Metropolen wird die medizinische Versorgung immer dramatischer. Kliniken sind zu Wirtschaftsbetrieben geworden, Pflegekräfte werden verheizt. Hausärzte sind oft überlaufen, fertigen die Patienten wie am Fließband ab. Manche arbeiten bis weit über die Rentengrenze, weil sie keinen Ersatz finden, sind überfordert und machen deshalb auch Fehler.

In Orten wie Eisenhüttenstadt oder auch Suhl oder Forst nähren solche Meldungen von Kreißsaal-Einschränkungen das Gefühl, das etwas zu Ende geht. Nichts Neues entsteht. So viele sind schon weggegangen, Schulen wurden abgerissen. Schon jetzt gibt es weniger Kinder auf den Straßen, Sportveranstaltungen, Feste, Fasching finden seltener statt. Dazu kommt die Befürchtung, dass die Einschränkung der Öffnungszeiten nur der Anfang ist: Dass damit die Entbindung in der Klinik so unattraktiv gemacht werden soll, um am Ende wegen mangelnder Fallzahlen die Station ganz schließen zu können. So ist das an anderen Orten schon passiert. Doch wie will man junge Frauen und Männer in der Stadt halten, neue Zuzügler wie beispielsweise Mitarbeiter der entstehenden Tesla-Fabrik anlocken, wenn eine Infrastruktur für Familien fehlt? 

Im Netz haben Rechte bereits die Meldung aufgegriffen und hetzen, so nach dem Motto: Die Flüchtlinge kriegen alles, unsere Krankenhäuser leiden. Solch eine Stimmung schreckt Zuwanderer eher ab. Die Zuwanderer, die die Stadt dringend bräuchte.