Berlin - Es gibt ja diesen Moment, in dem jemand auf einmal neben dem Unternehmenschef im Fahrstuhl steht – und für zwei Minuten die Chance hat, ihn für sich zu gewinnen. Was würde Martin Schulz in einer solchen Situation Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagen, um sie zu überzeugen, dass er der bessere Kandidat sei?

„Nehmen wir einmal an, sie wäre meine Chefin“, antwortet der SPD-Kanzlerkandidat bei der Vorstellung seines Buch „Was mir wichtig ist“ im Berliner Ensemble. „Dann würde ich ihr sagen: Ich habe das, was ich für den Job mitzubringen habe, an der Basis erlernt.“ Er sei nah bei den Familien, in denen sich die Eltern noch um die eigenen Kinder kümmern müssten, aber auch schon mit der Pflege der Älteren konfrontiert seien. In der internationalen Politik wiederum dürfe es für ein stärkeres Europa nicht nur in Trippelschritten vorangehen.

Schulz Buch ist eine Art Bewerbungstext für das Kanzleramt

Die Antwort des SPD-Chefs dauert genau eine Minute und 57 Sekunden. Da jedoch unwahrscheinlich ist, dass Merkel sich auf diese Weise zum Rückzug bewegen ließe, muss Schulz weiter Wahlkampf machen.

Auf 188 Seiten legt Schulz also keine Biografie vor, sondern eine Art Bewerbungstext für das Kanzleramt – mit persönlichen Bezügen natürlich. Die Kapitel tragen Titel wie „Gute Arbeit ist eine Frage der Würde“ und „Bildung macht das Leben bunt“.

Der 61-Jährige ist ein geübter Vorleser. Er hat manches der Kinderbücher, die er früher seinem Nachwuchs dargebracht hat, liebgewonnen. Beim Vortrag seines eigenen Buches im Berliner Ensemble senkt er die Stimme und variiert das Tempo.

Ein eigner Buchladen war für ihn die Erfüllung eines Traums

Schulz liest konzentriert die Passage vor, in der es um die Chance der Gründung seiner Buchhandlung im Jahr 1982 geht. „Ein eigenes Geschäft aufzumachen, war für mich ein Traum“, trägt Schulz vor. „Er barg aber ein enormes Risiko.“ In den ersten Jahren habe er nur für die Bank gearbeitet und er erinnere sich an schlaflose Nächte, in denen er mit seinen Entscheidungen gehadert habe.

Dass er nicht nur mit sonorer Stimme aus seinem Leben erzählen, sondern sich auch streiten kann, zeigt er im Gespräch mit der Moderatorin der Buchvorstellung, der Journalistin Amelie Fried. Sie hält ihm, dem langjährigen Europapolitiker und ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments vor, kein Mensch könne verstehen, warum das Parlament seinen Sitz in Brüssel und Straßburg habe. Das koste jedes Jahr 180 Millionen Euro und verursache 15.000 Tonnen Kohlendioxid.

Schulz schreibt schon seit Jahren Tagebuch

Schulz kontert: „Über den Sitz des Europaparlaments entscheidet nicht das Europaparlament.“ Das Sagen hätten noch immer die nationalen Regierungen. Diese reklamierten jeden Erfolg immer noch für sich selbst, aber lasteten jeden Misserfolg Europa an. Das wolle er anders machen.

Schulz, der bei der Antwort auf die Frage nach dem Fahrstuhlgespräch fast sekundengenau innerhalb der zwei Minuten blieb, befindet sich tatsächlich seit einigen Monaten im Fahrstuhl – wenn auch ohne die Kanzlerin. Erst stiegen seine Umfragewert unerwartet schnell in die Höhe. Dann stockte die Weiterfahrt. Und schließlich sauste die Kabine – nach drei verlorenen Landtagswahlen – rasant den Schacht hinunter.

Hatte er in diesen Monaten tatsächlich Zeit, das Buch selbst zu schreiben? Ja, beteuert Schulz. Er schreibe, seit er seine Alkoholsucht in jungen Jahren überwunden habe, jeden Abend Tagebuch. Er habe viel Material gesammelt, sei ein geübter Schreiber.

Manchmal sei seine Arbeit wie die eines Mannschaftskapitäns

Der Mann, der heute Kanzler werden will, wollte als Jugendlicher unbedingt Fußballprofi werden. Wann bereut er am meisten, dass dieser Plan nicht aufging? „An den Abenden von Wahlniederlagen“, sagt Schulz. Als SPD-Chef habe er aber auch viele Aufgaben, die dem eines Mannschaftskapitäns im Fußball glichen. Er müsse dafür sorgen, dass auch solche Menschen gut miteinander fürs Team spielten, die sich nicht mögen würden. Und in der Politik gebe es auch, wie im Fußball, manche Primadonna.

Wen meint er? „Ehemalige Kanzlerkandidaten zum Beispiel“, antwortet Schulz. Das ist ein Gruß an Peer Steinbrück, den Verlierer der Wahl von 2013, der kürzlich per Interview Schulz Wahlkampftipps gab.