Ein NPD-Aufmarsch in Hannover. Heike Radvan schreibt über Rechtsextremismus und Nazifamilien. Soap-Vorstellungen machen diese Themen erträglicher. 
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BerlinWir treffen uns seit fast 18 Jahren regelmäßig bei Dada Falafel, unserem Lieblingsaraber in Berlin-Mitte. Meine Freundin Heike Radvan wärmt ihre Hände am Teeglas und lächelt, wenn ich sie frage, was so passiert ist. Ihr bescheidenes, feines Lächeln hat viele Facetten, mal traurig, mal empört, mal herzlich froh.

Und es passiert vieles in ihrem Leben. Manche Menschen sind mit einem untrügerischen Sensorium für Abwertungen ausgestattet. Sie sieht, wenn Menschen respektlos behandelt oder beschämt werden. Deswegen hat Heike Radvan Sozialpädagogik studiert und deswegen versucht sie, den Respekt im Umgang miteinander herzustellen. Inzwischen ist sie Professorin für Soziale Arbeit an der Universität in Cottbus.

Es gibt eine Art Lächeln, die einen dicken Klops ankündigt. Klöpse sind in unserer Sprache Dinge, die Leute tun und damit gegen jede Regel des Respekts verstoßen. Wenn bei einem Vortrag aus dem Publikum rassistische Sprüche kommen und der Moderator damit kein Problem hat. Wenn Studentinnen belästigt werden und das für normal gehalten wird, wenn in der Stadt Bürgerdialoge abgehalten werden und mit allen gesprochen wird, nur die Geflüchteten oder andere nicht-deutsch Aussehende außen vor bleiben.

Wir stellen uns Soaps vor, um Erlebnisse auszuhalten 

Heike Radvans Lächeln ist etwas düster, sobald sie solche Geschichten zu erzählen beginnt. In den 18 Jahren in denen wir solche Geschichten miteinander teilen, haben wir gelernt, wie wir sie ertragen können. Zu Nana-Tee und Tabuleh machen wir daraus eine Soap. Wir stellen uns vor, diese Situationen sind Teil einer Comedy-Serie, die einem Publikum vorgeführt wird. Eine Karikatur der Realität, eine überzogene Wirklichkeit, eine maßlose Übertreibung mit Pointen. Das Publikum kann darüber nur lachen, weil es diese Geschichten für total absurd hält.

Wie sollte man nicht lachen, wenn ausgerechnet ein rechtsradikaler Heimatverein eingeladen wird, um in der Stadtgesellschaft über Demokratie zu diskutieren? Oder wenn Verantwortliche der Stadt aufmerksam, vielleicht sogar nickend zuhören, wenn die Völkisch-Autoritären öffentlich mit Verschwörungstheorien um sich schlagen? Das hat doch etwas Komisches. Wenn wir uns solche Soaps vorstellen, dann weil geballte Erlebnisse dieser Art kaum anders auszuhalten sind.

Aber sie dienen auch dazu, die Koordinaten wiederzufinden von dem, was in einer Demokratie eigentlich die Norm sein sollte. Und auf diese amüsante Weise entstehen so auch einige wirklich guten Ideen für soziale Arbeit in dieser schwierigen Zeit. Heike Radvan hat nicht nur durchgehalten, sondern die Theorie der sozialen Arbeit weiterentwickelt. Sie forscht zu den Themen Rechtsextremismus und welche Rolle Frauen hier spielen.

Themen durch Soaps in Optimismus verwandeln 

Sie hat zu Antisemitismus bei Sozialpädagogen, zu Rechtsextremismus und Fragen des Umgangs mit Nazifamilien geschrieben und denkt über ethische und politische Probleme in der Lehre nach. Heike Radvan sagt, dass sie immer denkt, sie würde mit ihrem Sensorium für Minderheiten die Perspektive der Mehrheit teilen.

Dass es bei ihren notwendigen Themen oft nicht so ist, kann sie mit den Soaps in Kreativität und Optimismus verwandeln. Ihr Lächeln war etwas ungläubig, als sie nun unter großen Beifall den renommierten Alice-Salomon-Award bekommen hat. Ich gratuliere von Herzen!