Im November 2019 wurden auf dem Betriebsgelände von Hentschke Bau mehrere Fahrzeuge angezündet.
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BautzenDer 60-jährige Jörg Drews ist ein großer Mann mit festem Händedruck und misstrauischem Blick. In Bautzen nennen sie den Baulöwen, der nach der Wende eine beeindruckende Unternehmerkarriere hingelegt hat, den heimlichen König der Stadt.

Sein Unternehmen gehört zu den drei größten Arbeitgebern in der Region und sponsert Sozialeinrichtungen, Kinder- und Kulturunternehmungen sowie den örtlichen Fußballverein. Doch Drews polarisiert auch, manche sind sogar der Meinung, er spalte die Stadt: Die einen halten ihn für mutig und aufrecht, weil er unbequeme Meinungen vertritt; andere sehen in ihm einen gefährlichen Rechtspopulisten, der angeblich das politische Klima in der Stadt vergiftet.

Vermutlich linksextreme Täter

Seit vergangenem Sommer ist Drews’ Unternehmen Hentschke Bau wiederholt Ziel von Brandanschlägen vermutlich linksextremer Täter gewesen. Erst vergangene Woche, in der Nacht zum Donnerstag, wurden auf einer Baustelle in Leipzig zwei Brandsätze an Baggern der Firma entdeckt. Zum Glück hatten sie nicht gezündet. An der betroffenen Baustelle erneuert Hentschke Bau derzeit sieben Eisenbahnbrücken. Mit steigenden Mieten und Gentrifizierung – zwei Themen, die die Messestadt gerade aufwühlen – hat das wenig zu tun.

Es scheint also um die Firma zu gehen. Und um deren Chef Jörg Drews: In Bekennerschreiben zu früheren Anschlägen waren die Angriffe unter anderem damit begründet worden, dass Drews ein Großspender der AfD war und damit, in der kruden Logik mancher Ideologen, ein Faschist sei.

Firmenchef Jörg Drews (3.v.r.).
Foto: Hentschke Bau GmbH

Es gebe somit einiges zu bereden mit dem Bautzener. Das aber ist nicht so einfach, Drews meidet Journalisten. Er wirft den Medien eine undifferenzierte Berichterstattung vor, die ihn in eine rechte Ecke stelle, wo er sich selbst nicht sieht. Schließlich, nach wochenlangen Vorgesprächen, erklärt er sich doch bereit zu einem Gespräch in der Bautzener Firmenzentrale. Es gibt belegte Brötchen, Kaffee und Wasser. Der Betriebsratsvorsitzende Mirko Wappler ist dabei, Thomas Alscher, Teilhaber und Mitgeschäftsführer bei Hentschke Bau, und ein Pressesprecher. Das Aufgebot soll offenbar Zusammenhalt und Solidarität im Unternehmen demonstrieren.

Besuch vom Ministerpräsidenten

„In den Medien wird oft der Eindruck verbreitet, den linken Gruppen geht es nur um mich“, sagt Drews. „Aber von den Anschlägen ist doch die ganze Firma betroffen. Wenn da ein Fahrzeug ausbrennt, dann trifft es direkt den Mitarbeiter, der es tagtäglich bewegt und pflegt.“ Sein Geschäftspartner Alscher pflichtet ihm bei: Vergangene Woche erst habe Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer Hentschke Bau besucht, der CDU-Politiker habe just auf dem gleichen Stuhl gesessen, wo jetzt der Reporter sitze. „Der Ministerpräsident hat gesagt, dass er hinter der Firma stehe, auch wenn er nicht jede politische Ansicht ihres Chefs teile“, sagt Alscher. „Und dass es nicht sein kann, wenn Menschen, die ihre Meinung sagen, angefeindet werden.“

In dem Gespräch geht Drews sofort in Verteidigungsposition. Er sei bestimmt kein Faschist, erklärt Drews. „Ich bin zum Beispiel gegen Manöver wie das gerade bevorstehende, bei dem große US-Verbände nach Osteuropa verlegt werden und dabei Sachsen durchqueren. Ich möchte eine lebenswerte Welt hinterlassen für unsere Nachkommen, weshalb wir in unserer Firma auch großen Wert auf Nachhaltigkeit legen. Ich bin auch Nebenerwerbslandwirt, gehe sehr sorgsam mit meinen Tieren um. Und ich habe wahrscheinlich mehr Bäume gepflanzt in meinem Leben als die, die mich angreifen.“

"Kein demokratischer Diskurs"

Drews hat sich ein wenig in Rage geredet. Er möchte gelassen wirken, doch unter der Oberfläche, das spürt man, brodelt es. „Ich komme mit denen nicht ins Gespräch, die über mich reden. Egal, ob ich historische Persönlichkeiten mit ihren Aussagen zitiere oder ob ich grüne Positionen vertrete – meine Kritiker bilden sich ein Urteil und stempeln mich ab, immer in deren Sinne und entsprechend undifferenziert. Das ist doch kein demokratischer Diskurs. Es kann doch nicht sein, dass mir und meinen Mitarbeitern und damit der Gesellschaft wirtschaftliche Nachteile entstehen und dass Menschen gefährdet werden, weil ich meine Meinung sage.“

Drews, der zu DDR-Zeiten Taktstraßenleiter im DDR-Wohnungsbaukombinat war, hatte 1992 die traditionsreiche, gleichwohl damals finanziell marode Firma Hentschke Bau übernommen und sie Stück für Stück zum bundesweit wichtigsten ostdeutschen Bauunternehmen mit eigenem Betonfertigteilwerk aufgebaut. Heute setzt die Firma mit ihren 700 Beschäftigten jährlich um die 150 Millionen Euro um. Im vergangenen Jahr registrierte das Unternehmen mit 230 Millionen Euro ein so hohes Auftragsvolumen wie noch nie.

Jörg Drews Person umstritten

Derzeit arbeiten Mitarbeiter der Firma Hentschke auf 60 Baustellen im gesamten Bundesgebiet. Hentschke Bau ist spezialisiert auf Brücken, aber auch der schlüsselfertige Bau von Wohn- und Gesellschaftsbauten sowie der Fassadenbau gehören zum Portfolio des Unternehmens. In Berlin hat die Firma unter anderem exklusive Wohnhäuser in Prenzlauer Berg errichtet und die Fassade eines Bürohauses am Humboldthafen gestaltet.

Hinzu kommt das politische Engagement von Jörg Drews: Bei der Kommunalwahl im Sommer holte er die meisten Stimmen in Bautzen und sitzt seitdem für die Sammlungsbewegung Bürgerbündnis Bautzen im Stadtrat. „Herr Drews ist ein fleißiger Mann, der mit innovativen Ideen und ansteckendem Elan sich und seine Firma nach oben gearbeitet hat“, lobt ihn sein Co-Geschäftsführer Alscher. „Und der seine eigene, nicht immer bequeme Meinung vertritt. Aber Herr Drews ist definitiv niemand, der Hass oder Hetze verbreitet.“

Es gibt einige Bautzener, die das nicht so sehen. Claus Gruhl etwa, Stadtrat von den Grünen, wirft dem Firmenchef in Zeitungsinterviews vor, wiederholt gegen Migranten, die EU, das politische System und die „Lügenpresse“ gehetzt zu haben. Und auch der Oberbürgermeister Alexander Ahrens von der SPD räumt ein, dass Drews mit seinen politischen Äußerungen in der Stadt nicht unumstritten sei.

Drews sei AfD-Förderer

In der linksradikalen Szene ist das Urteil über den Bauunternehmer eindeutig. In den auf der linken Webseite indymedia veröffentlichten Bekennerschreiben zu den Anschlägen auf das Unternehmen wird Drews nicht nur als Profiteur eines Gefängnisneubaus beschimpft, sondern auch als AfD-Förderer, der sich zudem auf rechten Veranstaltungen herumtreibe. „Es verwundert nicht, dass gerade Faschisten wie Drews den Bau von Knästen unterstützen und sich dabei noch einiges in die Taschen stecken können“, heißt es in der Erklärung.

Der erste Angriff hatte der Baustelle für einen Gefängnisneubau in Zwickau-Marienthal gegolten. Hentschke Bau liefert dorthin Betonteile für die sechs Meter hohe und mehr als einen Kilometer lange Mauer, während ein Partnerunternehmen aus Rodewisch die Tiefbauarbeiten ausführt. In der Nacht zum 19. August setzten Unbekannte auf der Baustelle fünf Bagger und einen Radlader in Brand. Die Fahrzeuge gehörten jedoch alle der Rodewischer Firma, dabei sollten mit dem Attentat eigentlich – das belegt das Bekennerschreiben – beide Unternehmen getroffen werden.

Brandanschlag hätte Katastrophe werden können

Zweieinhalb Monate später gingen die unbekannten Täter auf Nummer sicher: In der Nacht zum 5. November, kurz nach 1 Uhr, schlichen sie sich auf das Betriebsgelände von Hentschke Bau in der Bautzener Zeppelinstraße und steckten mehrere Fahrzeuge in Brand. „Das hätte ein Inferno geben können, wenn der Brand nicht so schnell bemerkt worden wäre und die Feuerwehr nicht so umsichtig gehandelt hätte“, sagt Alscher.

Er hat mehrere Papiere auf dem Tisch ausgebreitet und erklärt auf einem Lageplan, wie dramatisch die Situation war. „Die Täter hatten unter anderem an einer Zugmaschine Feuer gelegt, die unweit von zwei Tankstellen und einer Reparaturhalle stand. Wenn das Feuer dorthin übergegriffen hätte, wäre es zu einer Katastrophe gekommen“, ist er sicher. Trotz des schnellen Eingreifens der Feuerwehr seien mehrere Fahrzeuge schwer beschädigt worden. Der Schaden, so Alscher, liege bei knapp einer halben Million Euro.

Zehn Tage später brannte wieder ein Fahrzeug von Hentschke Bau. Am frühen Morgen des 15. November hatten Unbekannte einen Caddy der Firma in Brand gesetzt, der wertvolle Vermessungstechnik an Bord hatte. Das Auto mit dem Firmenlogo stand mitten in einem Wohngebiet in der Dresdner Neustadt. Der Schaden: rund 60.000 Euro.

Täter des Anschlags unbekannt

„Wir wissen nicht, wer die Täter waren, ein Bekennerschreiben gibt es hierzu – im Gegensatz zu den anderen Fällen – nicht“, sagt Alscher. Ein Trittbrettfahrer könne es sein, mutmaßt er, denn in linken Kreisen gelte Hentschke Bau als rechte Firma. „Wir hatten schon den Fall, dass an einem unseren Autos unter dem Scheibenwischer ein Zettel klemmte mit der Aufschrift ‚Diese Firma gehört einem Fascho‘.“ Auch Betriebsratschef Wappler hört von seinen Kollegen ähnliche Vorfälle. „Es kommt vor, dass unsere Kollegen auf Baustellen beschimpft und angepöbelt werden“, sagt er. „In Dresden haben wir erleben müssen, dass Steine über Bauzäune auf Fahrzeuge geworfen und Baucontainer beschmiert wurden.“

Drews sagt, es enttäusche ihn, dass Politik und Öffentlichkeit nicht entschiedener und lautstärker auf die Attacken gegen seine Firma reagieren. „Wir haben viele Mails und Anrufe von Bautzener Bürgern erhalten, die uns beistehen wollten“, erzählt er. Manche hätten sogar angeboten, nachts um das Firmengelände zu patrouillieren. „Von der Politik hätte ich mir mehr Zuspruch gewünscht.“ Dass dies nicht geschieht, habe aus Sicht von Co-Geschäftsführer Alscher auch mit den Medien und politischen Widersachern im Bautzener Stadtrat zu tun. Diese würden Drews auf seine mitunter unbequemen Ansichten reduzieren.

Drews spendete knapp 20.000 Euro an AfD

2017 hatte Drews der sächsischen AfD 19.500 Euro gespendet. Die Partei sei damals noch in sehr weiten Teilen von den wirtschaftsliberalen und gesellschaftskonservativen Überlegungen von Bernd Lucke und Frauke Petry geprägt gewesen, begründet Drews das heute. „Da wurden Ansichten vertreten, die ich teile. Und außerdem gibt es in einer bürgerlichen Gesellschaft keine Verbote, eine demokratische Partei zu unterstützen.“ Auch wenn er sich den wertkonservativen Kreisen in der CDU näher fühle, ist für ihn die AfD-Spende aus dem Jahr 2017 in der Retrospektive kein Fehler gewesen.

Und wie ist es mit seinem finanziellen Engagement bei der in Bautzen publizierten Zeitschrift Denkste mit, deren Machern er vor zwei Jahren eine „einmalige Anschubfinanzierung“ gewährt habe? Er stehe für ein breites Medien- und Meinungsangebot ein, sagt Drews dazu. „Ich habe was gegen Denkverbote und mediale Bevormundung. Ein breites Meinungsbild muss doch möglich sein in einer demokratischen Gesellschaft, um den Menschen auch andere Perspektiven zu öffnen.“ Und: „Ich nehme keinerlei Einfluss auf das, was da geschrieben wird.“

Verschwörungstheorien

Die Perspektiven jedoch, die das halbjährlich erscheinende Magazin seinen Lesern öffnet, unterscheiden sich kaum von den populistischen und rassistischen Tönen der Neuen Rechten. Es wird gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung gehetzt, vor der angeblich massenhaften Verseuchung der Bevölkerung durch die von Flugzeugen versprühten Chemtrails gewarnt und die antisemitische Verschwörungstheorie verbreitet, wonach der jüdische US-Milliardär George Soros Europa in einen Bürgerkrieg treiben will. Als „Informationsquellen für eine individuelle Meinungsbildung“ empfiehlt das Heft auf seiner letzten Seite zudem rechte Medien wie Compact, Junge Freiheit und die Publikationen des Kopp Verlags.

Was hält er von diesen Artikeln in der von ihm unterstützten Zeitschrift? „Herr Drews ist nicht verantwortlich für die Inhalte der Zeitschrift“, ruft der Pressesprecher dazwischen. Es wäre daher besser, wenn Herr Drews dazu nichts sagt. Der Firmenchef wiegt seinen Kopf, sagt dann, er wolle sich nicht aufs Glatteis führen lassen. Aber da habe es ja vor ein paar Jahren auch mal einen Welt-Artikel gegeben über Chemikalien, die von Flugzeugen versprüht werden… Dann bricht Drews ab, mehr will er doch nicht sagen.

Der Weg hinaus aus der Firmenzentrale führt durch den Wartebereich mit roten Sesseln. Auf einem Tisch liegen Broschüren und Zeitschriften über Bauen und Architektur. Daneben finden sich zusammengeheftete Kopien von Zeitungsartikeln, in denen der Klimawandel geleugnet wird. Auch ein Bestellkatalog des rechten Kopp Verlages liegt aus, der Bücher über die „Klima-Diktatur“ und die angeblich schleichende Islamisierung Deutschlands offeriert. Interviewbände mit Thüringens AfD-Chef Björn Höcke und Italiens rechtspopulistischem Ex-Innenminister Matteo Salvini kann man dort ebenfalls bestellen.