BerlinDarf man angesichts der Infektionslage zur Entspannung aufrufen? Man muss, denn der derzeitige Zustand kommt als Dauerlösung nicht infrage. Tag für Tag reagieren wir alarmierter: Sperrstunde, Alkoholverbot, Masken auf Märkten, Mund-Nase-Schutz in einzelnen Straßen, in anderen wieder nicht, Beherbergungsverbot – was an Maßnahmen diskutiert wird oder bereits eingeführt wurde, taugte in anderen Zeiten zur Realsatire. Jetzt ist das täglich geübte Realität. Bis dann das eine oder andere Detail von Gerichten wieder einkassiert wird. Was kommt als nächstes? Wird Weihnachten verboten? Werden die Kinder wieder aus den Schulen ausgesperrt?

Es muss sich etwas ändern. Das fühlt man ganz deutlich. Und auch, wenn man als Laie keinen vollständigen Pandemiebekämpfungsplan vorlegen kann, darf man sein Unwohlsein ausdrücken.

Dass die Infektionszahlen steigen, sehen Bürger auch ohne Fachwissen. Natürlich kann niemand wollen, dass sie weiter steigen. So rasant, dass wir uns alle anstecken oder in Kürze wieder zwangsweise zu Hause sitzen, bis die Zahlen dann wieder abgesunken sind, wir wieder raus dürfen und der Kreislauf von vorne beginnt: Lockdown, Entspannung, Lockdown, Entspannung. Niemand würde mit einer Mischung aus Sprint und Stopp gut über einen Marathon kommen.

Vieles, was Wissenschaftler vorgeschlagen haben, erscheint praktikabel und sinnvoll, um Risiken zu minimieren: die Alten schützen und medizinisches Personal, einander schützen, kein Gedränge und dort, wo sich Menschen sammeln, wenigstens Masken tragen. Homeoffice, wo es geht, auf Massenveranstaltungen verzichten und auch auf solche mit vielen Menschen in Innenräumen. Kein Kuscheln und Händeschütteln mit Fremden und entfernten Bekannten. Nicht mit vielen auf engem Raum zusammen schwitzen, tanzen, singen. Das kann man schon eine Weile durchhalten, wenn man nicht gerade Clubbesitzer oder Konzertveranstalter ist.

Aber im Detail? Diese Regelungswut?

Es sind Herbstferien, und wir waren mit der Familie in Schweden. Die Kanzlerin hatte gesagt: Bleibt zu Hause. Aber das Risiko - allein in einer Holzhütte im Wald - schien überschaubar. Mit einem Kultursprung allein durch eine Fahrt über die Ostsee hatten wir nicht gerechnet.

Auf der Fähre von Rostock nach Trelleborg sorgt das deutsche Personal noch mit dramatischen Auftritten dafür, dass Abstände akribisch eingehalten werden. Ein Kind bekommt kein Essen, weil es keine Maske trägt. Im schwedischen Supermarkt erlebt man dann etwas völlig anderes. Wir Deutschen sind die einzigen mit Maske. Man hält Abstand auch ohne Verordnung, man trifft sich draußen und liegt sich nicht in den Armen, auch wenn man sich lange nicht gesehen hat. Echte Vorschriften gibt es nur sehr wenige. Fast alles wird über Einsicht und Vernunft geregelt.

Von einigen Hotspots abgesehen, macht Schweden den Eindruck, man habe sich arrangiert mit dem Virus. Der schwedische Sonderweg ist in Verruf geraten, weil das Land im Vergleich zur Einwohnerzahl relativ viele Tote zu verzeichnen hat. Auch in Schweden steigen die Infektionszahlen gerade wieder an. Man kann außerdem einwenden, dass sich ein Zehn-Millionen-Volk auf einer größeren Fläche nicht mit den Bedingungen für 83 Millionen in engeren Grenzen vergleichen lässt. Und trotzdem ist das schwedische System - sein Appell an die Vernunft und sein Verzicht auf kleinteilige Verordnungen - eher dazu angetan, einen Marathon durchzuhalten als das Auf und Ab, das sich in Deutschland abspielt.

Vielleicht ist ja etwas dran am Klischee, dass die Deutschen autoritätshörig sind und Verordnungen und Gesetze brauchen, um sich an etwas halten zu können. Andererseits: Würde man idealerweise so sein Kind erziehen? Ist es nicht viel erfolgversprechender, den Sinn von Regeln zu erklären, auch mehrfach, und dann darauf zu bauen, dass sie befolgt werden? Aus Einsicht und Vernunft. Das geht. Es dürfen nur nicht zu viele Regeln sein. Und sie dürfen sich nicht jede Woche verändern. Man muss sich noch merken können, woran man sich halten soll. Und man muss Vertrauen haben.

Wir können etwas lernen aus dem entspannteren Umgang im Norden mit dem Virus. Corona wird es noch lange geben. Wir brauchen also ein System, das auf Dauer angelegt ist. Wenn wir nicht immer wieder eingesperrt werden wollen, müssen wir vernünftig sein. Jeder für sich. Das entspricht im übrigen auch dem, was der Präsident des Robert-Koch-Instituts am Donnerstag wieder als wichtigsten Aspekt hervorhob. Der bisherige Verlauf der Pandemie hat gezeigt, dass sich auch in Deutschland die allermeisten an das halten, was ihnen von kompetenter Seite empfohlen wird – wenn die Hinweise gut begründet werden, wenn die Regeln überschaubar sind, wenn nicht alle durcheinanderreden und der Kurs nicht jeden Tag verändert wird.