„Washington Post“: Wladimir Putin will noch mehr iranische Kamikaze-Drohnen

Russlands Ukraine-Krieg: Alles spricht dafür, dass die Kampfeshandlungen im Winter nicht so intensiv ausfallen wie befürchtet. Zugleich will Russland iranische Drohnen produzieren.

Wladimir Putin in Moskau
Wladimir Putin in Moskauap/Alexei Nikolsky

Am 24. November 2022 beginnt das 10. Monat des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und sein Ende ist nach wie vor nicht absehbar. Am 19. November erklärte der Generalstaatsanwalt der Ukraine Andrij Kostin im Gespräch mit der ukrainischen Nachrichtenagentur UNIAN, dass seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 die ukrainischen Behörden mehr als 45.000 Kriegsverbrechen registriert haben. Mindestens 8300 Zivilisten, darunter 437 Kinder, seien getötet worden. Die tatsächliche Zahl der Opfer könne aktuell aber nur geschätzt werden, denn zu den von Russland teilbesetzten Regionen haben die ukrainischen Behörden keinen Zugang.

Abkommen mit Iran

Die russischen Angriffe auf die zivile kritische Infrastruktur sowie zivile Objekte gehen indessen mit unverminderter Intensität weiter. Selbst wenn Moskau verstärkt zu defensiven Taktiken übergehen sollte, um die bisherigen territorialen Eroberungen gegen ukrainische Gegenangriffe zu verteidigen, können auch in diesem Falle die ukrainischen Städte und die Zivilbevölkerung vor russischen Angriffen nicht sicher sein.

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Zum Autor
Dr. Alexander Dubowy ist Politik- und Risikoanalyst sowie Forscher zu internationalen Beziehungen und Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und GUS-Raum. Er ist Mitarbeiter der Berliner Zeitung am Wochenende.

In den vergangenen Wochen setzt Russland im Angriffskrieg gegen die Ukraine verstärkt auf die relativ kostengünstigen iranischen Kamikaze-Drohnen vom Typ Schahed-136. Nach Angaben westlicher Geheimdienste sind bereits Hunderte dieser Drohnen unter anderem für Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur zum Einsatz gekommen.

Am 19. November 2022 berichtete die renommierte US-amerikanische Tageszeitung „Washington Post“ unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, dass Moskau Anfang November ein Abkommen mit Teheran über die Produktion der Kamikaze-Drohnen in Russland abgeschlossen habe.

Damit könnten die russischen Streitkräfte innerhalb von nur wenigen Monaten die Intensität der Angriffe ausweiten. Somit deutet alleine schon der zeitliche Vorbereitungsfaktor nicht auf eine bevorstehende Großoffensive Russlands hin. Denn eine Fortsetzung des Krieges mit der gegenwärtigen Kampfintensität über die kommenden Wochen und Monate dürfte sowohl für Moskau als auch für Kiew finanziell wie auch personell zu kostspielig sein.

Silberstreif am Horizont?

Obgleich die ukrainischen Gegenoffensiven nach wie vor im Gange sind und die militärische Patt-Situation mit Blick auf die Regionen Luhansk, Donbas und Saporischschja bei Weitem nicht erreicht zu sein scheint, steigt mit der Befreiung des rechten Dnipro-Ufers die Wahrscheinlichkeit für eine baldige taktische Pause entlang des gesamten Frontverlaufes. Freilich bedeutet eine mögliche Reduzierung der Kampfhandlungsintensität keineswegs einen Wendepunkt. Doch dürften mit der Einnahme Chersons durch die Ukraine ernstzunehmende Friedensverhandlungen wahrscheinlicher werden.

Denn in Anbetracht des bevorstehenden Wintereinbruches, wachsender Sorge vor galoppierender Inflation sowie steigender Energie- und Lebensmittelpreise wird auch im Westen intensiver über diplomatische Optionen und ein potentielles Einfrieren des Konfliktes nachgedacht. So berichtet das renommierte The Wall Street Journal am 13. November 2022 unter Verweis auf hochrangige US-Beamte über die zunehmend lauter werdenden Stimmen in Washington, welche über umsetzbare Forderungen, das Einfrieren von Kampfhandlungen und die Wiederaufnahme von Friedensverhandlungen zu diskutieren beginnen.

Russland braucht eine Kampfpause, doch keinen dauerhaften Frieden

Eines sollte jedenfalls nicht übersehen werden: Ungeachtet der seit Monaten mit Blick auf potentielle Elitenkonflikte innerhalb russischer Führungszirkel brodelnden Gerüchteküche und taktischer Schachzüge des Kremls sollte nichts darüber hinwegtäuschen, dass Wladimir Putin an seinen wesentlichen politischen Forderungen unverändert festhält. Putin zeigte seit Verhandlungsbeginn keine Bereitschaft, die Vorschläge der Ukraine auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Vielmehr dienten die Friedensverhandlungen dem Kreml stets als diplomatisches Feigenblatt auf dem Weg zur Durchsetzung der politischen Ziele der sogenannten „Spezialmilitäroperation“.

Aus diesem Grund sollte sich der Westen durch Moskaus Zusicherungen und die scheinbare Dialogbereitschaft keinesfalls täuschen lassen. Russlands Führung benötigt schnellstmöglich eine längere Kampfpause. Die Friedensverhandlungen würden Wladimir Putin die Möglichkeit eröffnen, sein Machtsystem zu stabilisieren und die – mittlerweile zu einflussstark gewordenen – radikalen Vertreter der sogenannten „Partei des Krieges“ in die engen innenpolitischen Schranken zu weisen.

Gleichzeitig würde der Kreml die Atempause dazu zu nutzen versuchen, um die angeschlagenen Truppen aufzustocken, auszurüsten, auszubilden und Offensivoperationen im Osten und Süden der Ukraine vorzubereiten. Die mutmaßlichen Vereinbarungen zwischen Moskau und Teheran über den Bau von Kamikaze-Drohnen liefern einen gewichten Indizienbeweis für die potentiellen Kriegspläne des Kremls.

„Nun sag', wie hast du's mit Sicherheitsgarantien?“

So begrüßens- und unterstützenswert das Einfrieren des Konfliktes und eine Rückkehr an den Verhandlungstisch auch sein mögen, werden diese Maßnahmen allein keine dauerhafte Konfliktlösung erlauben. Ohne nachhaltige Sicherheitsgarantien für die Ukraine könnten die Kampfhandlungen bereits im Frühjahr 2023 wiederaufflammen. Ob der Westen den weitreichenden Sicherheitsgarantien auch zustimmen wird, ist allerdings ernsthaft in Zweifel zu ziehen.

Eine wesentliche Forderung der Ukraine dürfte im erneuten Konfliktfall beispielsweise die Errichtung einer Flugverbotszone sein. Theoretisch ist eine Flugverbotszone eine wirksame, im Vergleich zu einer Bodenoperation kostengünstige und mit geringem Risiko verbundene Möglichkeit, die Zivilisten zu schützen und das Gleichgewicht des Krieges zugunsten der Ukraine zu verändern. Eine praktische Umsetzung ist allerdings kaum vorstellbar.

Eine Flugverbotszone würde de facto einen Eintritt der Nato in den Krieg bedeuten und von Russland mit Sicherheit als eine Kriegserklärung ausgelegt werden. Die Sicherheit der Nato-Streitkräfte könnte keinesfalls gewährleitstet werden, nicht zuletzt aufgrund der auf dem Territorium Russlands und der Republik Belarus stationierten Flugabwehrsysteme, welche zunächst eliminiert werden müssten. Eine für eine rechtlich belastbare Errichtung einer Flugverbotszone notwendige Uno-Sicherheitsratsresolution ist angesichts des sicheren Vetos von Seiten Russlands und Chinas nicht zu erwarten. Aus den genannten Gründen lehnt die Nato die Errichtung einer Flugverbotszone seit Beginn der aktuellen Kriegsphase strikt ab.

Unglücklicherweise scheint vor diesem Hintergrund ein baldiger Frieden alles andere als erreichbar oder auch nur absehbar zu sein.

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