Berlin - Der Wehrbeauftragte ringt sich auch mal ein Lob ab, das ist ungewöhnlich. „Die Bundeswehr ist auf dem Weg der Besserung“, konstatiert er in seinem am Dienstag veröffenlichten Jahresbericht. Das große Aber kommt allerdings gleich hinterher. „Das Umsteuern geht viel zu langsam.“ Hans-Peter Bartels (SPD), der im Bundestag als Beschwerdeinstanz für Soldaten dient, beklagt Personalmangel und Probleme mit der Ausrüstung der Bundeswehr: Alarmierend klingt das an manchen Stellen: „Es ist von allem zu wenig da.“ Kurios an anderen. Eine Übersicht.

Geld

„Abkehr vom Schrumpfkurs“ lobt Bartels: Der Wehretat wird 2017 um acht Prozent erhöht. Dies reiche aber nicht aus, um Lücken zu schließen. Und das Nato-Ziel, wonach die Verteidigungsausgaben jedes Landes zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichen müssen, werde mit 1,22 Prozent weiter deutlich unterschritten.

Personal

„2016 gab es die kleinste Bundeswehr aller Zeiten“, stellt Bartels fest. Etwa 175.000 Berufs-, Zeit- und freiwillige Soldaten waren im Dienst. Der Wehrbeauftragte hält den Rekord nicht für einen Anlass zur Freude. Schließlich gebe es zahlreiche zusätzliche Aufgaben wie Auslandseinsätze und Cyberabwehr. Akribisch listet er die Vakanzen auf: Besorgnis erregend sei der Personalmangel etwa bei den IT-Leuten, den Elektronikern und den Gebirgsjägern, den Kampfschwimmern und den Minentauchern. Hier seien nur zwischen 40 und 74 Prozent der Stellen besetzt. Um die Lücken zu füllen, sollten laut Bartels die Aufnahmehürden gesenkt werden: So sei zu überlegen, ob nicht auch Diabetiker künftig Soldaten werden könnten. Auch die Anwerbung von Freiwilligen, auf die die Bundeswehr seit der Aussetzung der Wehrpflicht angewiesen ist, laufe nicht optimal. „Die Zahl derer, die sich nicht gut beraten fühlen, ist hoch.“ Zwar brach 2016 nicht mehr fast jeder Vierte wie 2015, sondern nur noch jeder Fünfte Freiwillige seine Ausbildung ab. Demotiviert würden viele allerdings „durch unangemessenen Umgangston, die Behandlung durch unsensible Vorgesetzte oder durch permanente Unterforderung“. Wenig Zuversicht über die Sicherheitslage spricht aus der Empfehlung, die Ausbildungskapazitäten der Bundeswehr so auszurichten, dass auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht wieder möglich ist.

Panzer, Hubschrauber und Co.

Wer die Auflistung liest, wundert sich, dass die Bundeswehr überhaupt funktioniert. Munitionsvorräte seien „zum Teil symbolisch“, Übungen verliefen wegen Materialmangel auch mal unter dem Motto „Stellen Sie sich vor“. Von 60 Transporthubschraubern des Typs CH53 seien nur fünf einsatzfähig, vom Kampfflugzeug Eurofighter nur die Hälfte. Es gebe zwar eine „Wende von der Verwaltung des Mangels zur Organisation der Vollausstattung“, erklärt Bartels. 2017 sollen 360 Millionen Euro mehr in die Materialerhaltung fließen und 600 Millionen mehr in Rüstungsprojekte. Es gehe in die richtige Richtung, allerdings zu langsam, findet Bartels und empfiehlt „Do it yourself“: Kaputtes Gerät wieder mehr selbst reparieren, statt es die Herstellerfirmen machen zu lassen. „Manche Firmen scheinen sich der Dringlichkeit und der Brisanz nicht bewusst zu sein“, schreibt Bartels.

Uniformen

Hier reichen die Beschwerden von fehlenden Nachtsichtbrillen bis zu zu schweren Schutzwesten. Wegen fehlendem Gehörschutz wurden Soldaten auch schon von Schießübungen befreit. Bis ein Soldat alle seine Ausrüstungsgegenstände zusammen hat, vergehen in der Regel offenbar mindestens 30 Wochen.

Unternehmenskultur

Es gibt sie noch, die Offiziere, die ihre Soldaten als Drecksau, Sklave oder „Stiefelputzer der Kompagnie“ bezeichnen. Sie werden gerügt, oder auch mal als Ausbilder abgezogen. Der Wehrbeauftragte beklagt stellenweise „unzureichende Fehlerkultur“, fordert einen Kulturwandel in der Menschenführung und deutlich weniger Bürokratie. Es gebe zum Teil „unüberschaubare internen Email-Verkehr“ und Kommunikations-Exzesse. Eigenständigkeit werde oft durch überbordende Kontrolle blockiert. „Es wird Zeit, Geld und Begründungsaufwand verschwendet, um an etwas festzuhalten, was keinen Sinn mehr macht.“

Auslandseinsätze

In Mali darf wegen Wasserknappheit nur zwei Minuten geduscht werden. Auf den Kontrollschiffen in der Ägäis sind nicht alle Offiziere ein Bett auf dem Offiziersdeck. Im Kosovo fehlen Schutzhelme. Aussicht auf Besserung gibt es bei der Möglichkeit, gratis nach Hause zu telefonieren. Die Bundeswehr hat dafür nun einen Rahmenvertrag geschlossen. Allerdings funktioniert der noch nicht überall. Im Niger ist kostenlos nur eine Telefonstunde im Monat drin. Und dann gibt es da noch ein sehr grundsätzliche Problem: Wegen Personalmangels bleiben manche Soldaten deutlich länger im Einsatz (und damit weg von Zuhause) als geplant.

Unterbringung

Marode Kasernen gehörten vor einigen Jahren noch zu den Hauptbeschwerden der Soldaten. Sie sind nun in der Dringlichkeit etwas weiter nach hinten gerutscht. Allerdings gibt es weiter Klagen über geschlossene Sporthallen („wirkt sich negativ auf körperliche Fitness aus“, Schimmelbefall in Sanitätsräumen oder über Räume, die so marode sind, dass die Soldaten Besuch von „Nagetieren“ bekommen. Viele Kasernen sind im Zuge der Bundeswehrverkleinerung geschlossen worden. In den Übrigen ist offenbar zu wenig Platz für die Armee. Ein Bett und einen Spind für jeden Soldaten – dieser Grundsatz gelte nicht, schreibt Bartels. Der Bedarf: 13.500 Stuben.

Frauen

Ihr Anteil ist auf elf Prozent gewachsen, liegt aber noch deutlich unter den angestrebten 15 Prozent. Vor allem auf Führungsposten sind noch wenige Frauen zu finden. Das gilt auch für das Kommando Spezialkräfte (KSK). Soldatinnen beklagen sich immer wieder über den Umgangston und über Karrierenachteile wegen Teilzeit oder Elternzeit. Auch unter diesem Kapitel zu finden: fehlende Schutzwesten der Größe S und XS und: „Die Umsetzung der Wünsche der Soldatinnen nach einer femininen Schnittvariante für Dienstuniformen wurde trotz wiederholter Ankündigungen nicht realisiert.“