Berlin - Es gibt Momente, die man nie mehr vergisst. Plötzlich legte Sascha – dieser oft störrische, abweisende Jugendliche – seinen Arm um mich. Er zog mich nah an sich heran. In einer Mischung aus Flüstern und Stammeln sagte er: „Du bist mein bester Freund.“ Das war am letzten Tag meines Zivildienstes.

Der Zivildienst war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens. Zwischen Abitur und Studium eine Zeit lang für andere da zu sein, hat mir gutgetan. Dennoch tut sich in mir großer Widerwille auf, wenn CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer heute eine allgemeine Dienstpflicht vorschlägt.

Mehrheit will kein Zurück

Lassen wir großzügig beiseite, dass Kramp-Karrenbauer eines genau weiß: Für ein solches Projekt gibt es derzeit keine politische Mehrheit. Die Generalsekretärin will mit ihrem Vorstoß den Konservativen in der CDU das Gefühl geben, die von Angela Merkel weit in die politische Mitte geführte Partei sei noch immer ihr Zuhause. Es geht Kramp-Karrenbauer um innerparteilichen Geländegewinn, um sonst nichts. Sonst hätte die CDU-Generalsekretärin ihren Vorstoß nicht im Sommer gemacht.

Trotzdem ist es ja nicht verboten, die Frage zu stellen: Wäre es nicht sinnvoll, wenn jeder sich eine Zeit lang für andere Menschen engagieren würde? Ich habe in meinem Zivildienst 13 Monate lang in einem Internat für Gehörlose und Schwerhörige gearbeitet. Ich habe den Jugendlichen bei den Hausaufgaben geholfen, für sie Freizeitangebote organisiert und Nachtschichten geschoben. Im Alltag habe ich mit ihnen rumgealbert, Fußball gespielt, sie aber auch mal in den Arm genommen, wenn sie einen schlechten Tag hatten. Wenn kein Erzieher da war, musste ich auch Grenzen setzen.

Beide Seiten haben profitiert

Die Jugendlichen hatten gern einen Ansprechpartner, der nicht gleich 20 Jahre älter war als sie. Ich bin erwachsener geworden. Beide Seiten haben profitiert. Warum also sollte der Staat eine solche Win-win-Situation nicht wieder zum Gesetz erheben? Der Grund ist einfach: Die Dienstpflicht – oder, deutlicher ausgedrückt, der Zwangsdienst – ist ein großer Eingriff in die Grundrechte des Einzelnen. Damit ist gar nicht mal in erster Linie gemeint, dass Generationen von jungen Männern mit heruntergelassener Unterhose vor Musterungsärzten standen und sich gefragt haben, was das eigentlich mit ihrer Wehrtauglichkeit zu tun hat.

In einer freien Gesellschaft sollte jeder das tun und lassen dürfen, was er möchte – im Rahmen der geltenden Gesetze. Ein junger Mensch sollte die Möglichkeit haben, einen Freiwilligendienst abzuleisten. Er sollte aber genauso die Wahl haben, direkt nach der Schule mit Studium oder Ausbildung anzufangen. Oder mit dem Rucksack durch Lateinamerika zu ziehen.

Der Eingriff in die Freiheit bedarf einer besonderen Begründung. Die gab es bei der Wehrpflicht zu Zeiten des Kalten Krieges. Schon als ich vor 20 Jahren Zivildienst gemacht habe, lag diese Rechtfertigung nicht mehr vor. Verteidigungsminister war zu meinem Dienstbeginn übrigens ein gewisser Volker Rühe (CDU), der heute sagt: „700.000 Jungen und Mädchen zwangszuverpflichten“, das gehe rechtlich nicht an und löse auch die Probleme der Bundeswehr nicht. Es wäre schön, er hätte das früher kapiert.

Zivis können nicht Personalmangel auffangen

Heute braucht Deutschland eine überschaubar große, aber hervorragend ausgerüstete Armee. Die Rückkehr der Wehrpflicht wäre geeignet, um – wie von US-Präsident Donald Trump gewünscht – den Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt hochzutreiben. Nur: Militärisch in der Nato besser aufgestellt wäre Deutschland damit nicht.

Und was ist mit der allgemeinen Dienstpflicht? Dass Jobs in der Pflege zu schlecht bezahlt werden und es deshalb an Personal fehlt, rechtfertigt keinen Grundrechtseingriff. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass soziale Arbeit noch niemandem geschadet hat. Wer so argumentiert, könnte auch eine Dienstpflicht für rüstige Rentner fordern.

Die Bundesregierung muss dringend helfen, die Bedingungen für Arbeitnehmer in sozialen Berufen zu verbessern. Und sie sollte Freiwilligendienste und das Ehrenamt für Menschen jeden Alters attraktiver machen.

Ich habe meine Arbeit im Zivildienst gern gemacht. Ich fühle mich aber darum betrogen, mich selbst dafür zu entscheiden. Im Gehörloseninternat habe ich noch Jahre später Sascha und andere Jugendliche besucht. Freiwillig.