Bundeswehr im Einsatz: Ein Soldat vor dem Tönnies-Werk in Gütersloh.
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BerlinDer Streit um den Pflicht-Dienst in der Bundeswehr ist eine Sommerloch-Debatte. Da sind sich viele Kommentatoren einig. Eva Högl (SPD), die Wehrbeauftragte, schlägt vor, den Rechtsextremismus in der Truppe zu bekämpfen, indem die Wehrpflicht wieder eingesetzt wird. Wie zu erwarten, produziert der Vorschlag einige Erregung. Die einen finden es gut, die anderen schlecht. Experten erklären, warum mit einer allgemeinen Wehrpflicht kein Extremismus in speziellen, extrem spezialisierten Kampfverbänden verhindert werden kann. Die Debatte ist eigentlich schon an ihrem Ende angekommen. Man könnte es also dabei belassen.

Und doch lohnt es sich, noch einmal hinzuschauen. Denn die wichtigste Frage, die bei der Bundeswehr im Raum steht, wird bisher zu wenig angesprochen. Es ist die nach ihrer Aufgabe: Wozu ist diese Armee eigentlich da?

Man kann jedem, der heranwachsende Kinder hat, empfehlen, einfach mal zu Hause nachzufragen, was diese von einer Wiedereinführung der Wehrpflicht halten. Zu hören ist dann zum Beispiel, na ja, im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres vielleicht. Aber auch nur, wenn dann alle verpflichtet sind, sich für irgendeinen gesellschaftlichen Dienst zu entscheiden, Mädchen wie Jungs. Weil man vielleicht nach der Schule erst mal ein bisschen herumschnuppern sollte, in der Welt und auch in verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Damit man dann weiß, was man machen will – beruflich.

Bundeswehr als Ort der Selbsterfahrung also.

Tatsächlich fällt es Eltern schwer, ihren Kindern zu erklären, wozu die Bundeswehr heutzutage eigentlich da ist. Die Aufgaben haben sich in den vergangenen 30 Jahren vollkommen verändert und gerade jetzt steht die Armee vor einer erneuten Zeitenwende.

Es gab mal ein klares Freund-Feind-Bild. Aber das ist lange her. Ende der 80er-Jahre war es vorbei mit der Konfrontation von Ost und West, Kommunismus versus Demokratie. Alles begann zu verschwimmen. Die Soldaten fanden dann eine neue Aufgabe als internationale Einsatztruppe. Die Bundesrepublik Deutschland sollte nun nach den Worten des damaligen Verteidigungsministers Peter Struck auch am Hindukusch verteidigt werden. Man kann sagen, das ist grandios gescheitert aus militärischen wie auch aus politischen Gründen. 17 Jahre später stehen die Taliban in Afghanistan vor einer Rückkehr an die Macht.

Es waren viele Reformen nötig, um Auslandseinsätze der Bundeswehr überhaupt möglich zu machen. Aber die Welt um Deutschland herum veränderte sich immer rasanter, und mit ihr veränderten sich auch die Aufgaben für die Bundeswehr. Sie befindet sich in permanenter Transformation und heute liest sich die Aufzählung ihrer Zuständigkeiten wie ein interessantes Sammelsurium. Zur Landes- und Bündnisverteidigung kommen Krisenmanagement und Katastrophenschutz national wie international, Hilfe bei humanitärer Not, Verteidigung gegen Cyberangriffe, Technologieforschung und vieles mehr. Neuerdings hilft die Armee den Gesundheitsämtern bei Corona-Tests in Gütersloh und fliegt Infizierte zur Behandlung umher.

Das an sich ist noch kein Problem. Der Schutz von Deutschlands Souveränität und des Territoriums, der Schutz der Gesellschaft gegen äußere Bedrohungen, bleiben als Aufgaben ja erkennbar. Wenn man nur wüsste, wie das in Zukunft gefüllt werden soll und ob die Bundeswehr so ausgerüstet ist, dass sie das auch kann.

Da ist zum Beispiel der Bundeswehrverbandschef André Wüstner, der gerade in einem Interview gesagt hat, die Bundeswehr könne ihre immer neuen Aufgaben wegen schlechter Ausstattung nicht bewältigen. Der politische Anspruch an die Bundeswehr decke sich in keiner Weise mit ihrer Größe und materiellen Ausstattung. Eine zu kleine Truppe habe zu viele Aufgaben zu bewältigen. Auch eine Wiedereinführung der Wehrpflicht wäre für die Truppe eine weitere Aufgabe, würde Kräfte binden, die gar nicht da sind.

Da sind außerdem die Zerfallsprozesse in der Nato. Da ist zum Beispiel der drohend über dem Bündnis hängende Rückzug der USA. Da ist die ungeklärte Frage nach einer gemeinsamen europäischen Selbstverteidigung.

Übrig bleibt am Ende: Die Bundeswehr hat viele Probleme und nur wenige Lösungen. Die kann sie allein natürlich auch nicht finden. In welche Richtung sollen die Soldaten denn nun marschieren? Das ist die eigentlich notwendige Debatte. Einem tiefgreifenden Eingriff in die Selbstbestimmung von jungen Menschen sollte die Selbstfindung der Gesellschaft vorausgehen. Vorher erscheint eine Wiedereinführung der Wehrpflicht nicht nur sinnlos, sondern auch dazu angetan, den allgemeinen Nebel über der Truppe nur zu verstärken.