Berlin/Istanbul - Der Schulleitung am Istanbul Lisesi ist etwas Außergewöhnliches gelungen. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen sind einer Meinung. Scheuer sprach von einem Verstoß gegen die Religionsfreiheit als „erneuter Beweis, dass die Erdogan-Türkei alle Brücken nach Europa abreißt“. Und Dagdelen warnte, die Bundesregierung dürfe es nicht mit Steuergeldern fördern, wenn in der „islamistischen Diktatur“ vom türkischen Präsidenten „selbst die Erwähnung von Weihnachten verboten“ werde.

Worum geht es? Am türkisch-deutschen Gymnasium Istanbul Lisesi war ein heftiger Streit um den Umgang mit dem christlichen Weihnachtsfest entbrannt. In einer E-Mail, die die Leitung der deutschen Abteilung der Schule an das Kollegium schickte, hieß es: „Es gilt nach Mitteilung der türkischen Schulleitung eben, dass ab sofort nichts mehr über Weihnachtsbräuche und über das christliche Fest im Unterricht mitgeteilt, erarbeitet sowie gesungen wird.“
Die türkische Schulleitung wiederum dementierte, sie habe ein Weihnachtsverbot ausgesprochen, nachdem die E-Mail öffentlich geworden war.

Auseinandersetzung niedrig halten

Das Auswärtige Amt in Berlin war am Montag erkennbar bemüht, die Auseinandersetzung so niedrig wie irgend möglich zu hängen. Wie der Sprecher von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Martin Schäfer (SPD), sagte, hat es inzwischen Gespräche zwischen den türkischen und deutschen Verantwortlichen an der Schule gegeben. Er sei zuversichtlich, dass „Missverständnisse ausgeräumt“ und an dieser Schule im Unterricht selbstverständlich auch über deutsche Weihnachtsbräuche gesprochen werden könne, sagte Schäfer. Niemand in der Türkei verbiete irgendjemandem, Weihnachten zu feiern, fügt er hinzu.

Aber ist wirklich alles geklärt? Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, viele der an der Schule unterrichtenden Lehrer seien „verängstigt angesichts der Zuspitzung der politischen Lage und sehen in der Auseinandersetzung um weihnachtliche Inhalte im Unterricht der Schule und das Weihnachtskonzert im Deutschen Konsulat einen weiteren Schritt in Richtung Islamisierung der Türkei“. Und sie ergänzte: „Es herrscht ein Klima der Angst vor einem – aus türkischer Sicht – „Fehlverhalten“, das zur Ausweisung deutscher Lehrkräfte führen könnte.“
Das Istanbul Lisesi wird seitens der deutschen Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZfA) offiziell als Deutsche Auslandsschule geführt, ist aber ein Sonderfall. Während es sich bei solchen Schulen üblicherweise um Privatschulen handelt, ist das Lisesi ein staatliches türkisches Gymnasium, an dem aber eben auch 35 deutsche Lehrer unterrichten. Diese Lehrer werden aus deutschen Steuergeldern bezahlt. Unterrichtet werden hier türkische Schüler, von denen nach im vergangenen Jahr 120 das deutsche Abitur erlangt haben. Grundlage der Lehrerentsendung durch die Bundesrepublik ist ein Zusatzvertrag zum Kulturabkommen zwischen Berlin und Ankara aus dem Jahr 1957. Er besagt: „Die Vertragsparteien werden bemüht sein, sich gegenseitig dabei zu unterstützen, ihren Völkern die Kenntnis der Kulturgüter des anderen Landes zu vermitteln.“ Die ZfA vermittelt dafür Lehrer aus allen Bundesländern. Der Einsatz deutscher Lehrpläne wird von den Bundesländern, die mit Auswärtigem Amt und ZfA in einem Bund-Länder-Ausschuss zusammenwirken, überprüft.

Keine ähnlichen Fälle bekannt

Reagiert nun die deutsche Bundesregierung auf den Vorfall an der Istanbuler Schule zurückhaltend, weil sie beim Flüchtlingsabkommen mit der Türkei weiter auf den guten Willen der Regierung in Ankara angewiesen ist? Regierungssprecher Steffen Seibert wies dies zurück. Das Auswärtige Amt erklärte zudem, von ähnlichen Fällen sei nichts bekannt. Viele der Schüler am Lisesi hielten ein Leben lang Kontakt zu Deutschland, diese Arbeit sei sehr wertvoll. Übersetzt heißt das: Das Auswärtige Amt möchte Probleme möglichst im Stillen geklärt wissen, damit die Arbeit dort fortgesetzt werden kann.

Steinmeiers Sprecher Schäfer zeigte sich überzeugt, dass alle Schwierigkeiten ausgeräumt würden – auch wenn ein bereits abgesagter Auftritt eines Schulchors beim Weihnachtskonzert des deutschen Generalkonsulats nicht mehr möglich sei. Die Feier habe eben schon stattgefunden. Auch der Leiter der deutschen Abteilung soll gegenüber seinen Kollegen Entwarnung gegeben haben.

In der Türkei sind die versöhnlichen Worte aber noch nicht überall angekommen. Der Abgeordnete Mustafa Sentop (AKP) warf den deutschen Lehrern „Missionierung“ vor. „Reißt euch zusammen“, schrieb er auf Twitter. „Das hier ist die Türkei. In einer Staatsschule kann die religiöse/politische Propaganda des deutschen Staates gegenüber Kindern dieses Landes nicht gestattet werden.“