Weißrussland hat 30 Jahre lang keine Sau interessiert. Auch nicht die Journalisten. Und noch immer weiß man nichts über das Land – will das aber wenigstens politisch korrekt tun.
Dmitri Lovetsky/AP

BerlinVor ein paar Jahren war ich beruflich in Weißrussland. Damals schaute ich in Minsk aus meinem Hotelzimmer direkt auf eine große Lenin-Statue und dachte: Schön, mal wieder in der UDSSR zu sein.

Zwei Tage später fuhr ich dann in der Nähe von Minsk in den militärischen Freizeitpark „Linia Stalina“, benannt nach der Verteidigungslinie gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, und stand schließlich vor der großen Stalin-Büste, wo die Menschen fleißig Blumen ablegten, was mich sehr verwirrte.

Noch verwirrender ist allerdings diese neue Belarus-Sache. Die Kanzlerin sagt noch „Weißrussland“, wenn sie im Fernsehen spricht. Sonst ist in den Medien aber plötzlich mit großer Selbstverständlichkeit und quasi über Nacht nur noch von „Belarus“ die Rede. Was ich nicht verstehe: Seit 1991 ist Weißrussland ein eigenständiger Staat, aber erst 30 Jahre später fällt in Deutschland auf, dass das Land ja gar nicht so heißt?

Kann natürlich mal passieren. Zumal Weißrussland ja auch 30 Jahre lang keine Sau interessiert hat. Auch nicht die Journalisten. Der Osten Europas ist immer noch so ein graues, unbekanntes, post-sozialistischen Loch, und man ist schon froh, wenn man die politischen Verhältnisse dort „im Osten“ in einem simplen Gut-Böse-Schema zusammengefasst bekommt. Oder wie ein alter Kollege vom Spiegel sagte: „Alles hinter Berlin ist für mich Sowjetunion.“

Die traditionelle Osteuropa-Ignoranz ist geblieben. Wichtig ist aber heute, dass sie wenigstens politisch korrekt gelebt wird. Weißrussland, das habe ich in den vergangenen Tagen gelernt, sei als Bezeichnung nicht korrekt. Weil der Name sich historisch nicht von Russland ableitet, sondern vom „Rus“ – einem mittelalterlich ostslawischen Herrschaftsgebiet.

Das Problem: Auch Russland leitet sich wohl historisch von diesem „Rus“ her. Heißt Russland also bald Rusland? Gibt es dann Rusen und Weißrusen und Belarusen und als Anspielung auf die beliebte feministische Zeitgeistfigur des „alten weißen Mannes“ sogar den „alten weißen Weißrusen“? Gut möglich.

Ich war auch mal in Burma. Oder Myanmar. Oder Birma. Ich weiß es bis heute nicht genau. Dieses Land ist sprachlich kaum zu fassen. Deutschland nennt es offiziell: Myanmar. Die USA und Australien nennen es offiziell Burma. Andere: Birma. Die Myanmarer selbst nennen ihr Land seit 1989 Myanmar, wobei die Menschen dort aber gar keine Myanmarer sind, sondern sich Burmesen nennen, die man aber nicht verwechseln darf mit den Burmanen, das ist nur eine Ethnie im Land. Der Myanmarer, der eigentlich ein Burmese ist, spricht auch nicht Myanmarisch, sondern Burmesisch. Beziehungsweise: Birmanisch.

Mein Tipp: Reisen sie nach Thailand, wenn Ihnen die Sache zu kompliziert ist. Thailand heißt Thailand!

Was mir auffällt: Oft sind es Länder von eher geringer weltpolitischer Bedeutung, die ihren Namen gerne ändern. Der Kongo hieß mal Kongo-Freistaat. Dann Belgisch-Kongo. Dann Zaire. Jetzt wieder Kongo. Kambodscha war einst die „Volksrepublik Kampuchea“. Zwischendurch auch mal Demokratisches Kampuchea. Beziehungsweise: Kamputschea. Jetzt heißt es wieder Kambodscha. Aber das mag nur vorübergehend sein.

Schön wäre Folgendes: Jedes Land hat einen offiziellen Namen, darf aber von anderen Ländern anders genannt werden. Israel könnte man zum Beispiel Palästina nennen. Und Russland die Vereinigten Staaten von Amerika. Das würde im Sinne der Völkerverständigung einiges in Schwung bringen!

Zum Schluss kurz nach Wolfsburg. Die Stadt hieß nicht immer so. Sie wurde 1938 gegründet und hieß damals offiziell: „Stadt des Kraft-durch-Freude-Wagens bei Fallersleben“. Was zeigt, dass manche Namensänderungen auch ihr Gutes haben.