BerlinDie Endzeitstimmung ist zurück. Die Lage sei dramatisch, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Mittwoch. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wiederum bemühte die Pandemie-Lage im EU-Ausland als Negativ-Beispiel. „Glaubt irgendjemand, dass das spurlos an uns vorbeigeht?“, fragte Müller gruselig orakelnd.

Nein. Das glaubt – von wenigen Ausnahmen abgesehen – niemand. Seit Wochen steigen die Infektionszahlen, große Teile Deutschlands gelten als Risikogebiet, mehrere EU-Nachbarländer haben bereits einen Lockdown verkündet.

Und die Menschen handeln entsprechend: Die überwältigende Mehrheit hält Abstand und trägt Maske. Hochzeitsfeiern werden verschoben, wer kann, richtet sich wieder im Homeoffice ein. Die „zweite Welle“, von der seit März klar war, dass sie kommen würde, sie hat die wenigsten überrascht. Und doch tut die Regierung – sei es von Bund oder Land – so, als stolpere die ganze Nation unbekümmert in die Vorweihnachtszeit.

Natürlich haben die dramatischen Appelle einen Sinn: Je größer die Angst vor einem Kontrollverlust über das Virus – so das Kalkül –, desto eher werden sich die Menschen an die Regeln halten. Das mag stimmen. Trotzdem wäre es schön, wenn sich die politisch Verantwortlichen mehr darauf konzentrierten, Lösungen anzubieten: beim Schutz von Risikogruppen etwa, bei der Digitalisierung von Unterricht, bei der Unterstützung der Kreativbranche.

Wir werden noch eine ganze Weile mit dem Virus leben müssen. Es ist die Aufgabe aller, das so zu tun, dass möglichst wenige Menschen dabei gesundheitlichen Schaden nehmen. Die Aufgabe der Politik ist, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen gering zu halten. Sonst könnte, wenn die Pandemie vorüber ist, das nächste Untergangsszenario Wirklichkeit werden: dann nämlich, wenn Millionen wirtschaftliche Existenzen vernichtet und Lebensentwürfe zerstört sind.