24. Februar 1960: Ein Rettungstrupp aus dem VEB Bleierzgruben „Albert Funk“ in Freiberg kurz vor dem Einsatz in der Unglücksgrube in Zwickau. 
Foto: dpa

Am 22. Februar 1960, einem Montag, beginnt die Frühschicht im Zwickauer Steinkohlenwerk „Karl Marx“ pünktlich um 6 Uhr. 178 Bergleute fahren fast 1000 Meter tief in den Schacht I ein, um dort Kohle abzubrechen. Um 8.20 Uhr erschüttert plötzlich eine gewaltige Detonation das unterirdische Stollenlabyrinth. Deckengewölbe stürzen ein, mehrere Brände breiten sich innerhalb kurzer Zeit unter Tage aus. Nur 55 Männer werden dem Inferno lebend entkommen, für 123 Kumpel kommt jede Hilfe zu spät.

Noch heute, 60 Jahre nach dem schwersten Grubenunglück der DDR-Geschichte, ruhen 17 der Toten im Berg, weil ihre Leichen nie geborgen werden konnten. Beispiellose Rettungsaktion Die Katastrophe am Rosenmontag 1960 führte zu einer beispiellosen Rettungsaktion.

Spezialkräfte aus allen Bergbaurevieren der DDR wurden nach Zwickau entsandt, um die verschütteten Kumpel zu befreien. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit – unter unmenschlichen Bedingungen. Denn durch die großen Brandherde unter Tage herrschten hohe Temperaturen in den Gängen, noch nach vier Tagen wurden dort 50 Grad gemessen.

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Hinzu kam das giftige Kohlenmonoxid. Viele der Überlebenden mussten mit Brandverletzungen und Kohlenmonoxidvergiftungen ins Krankenhaus. Der Kampf der Rettungsmannschaften um die noch eingeschlossenen Bergleute war vergebens. Nach sieben Tagen, in der Nacht zum 28. Februar, wurden die Bergungsversuche eingestellt. Um die noch immer aktiven Brandherde zu ersticken, verschlossen die Rettungsmannschaften die betroffenen Gänge des Schachtes.

„Dieses Unglück hat uns Bergleute in Zwickau, hat die ganze Stadt geprägt"

Zu diesem Zeitpunkt waren noch 83 Kumpel verschüttet. Eine Hoffnung für sie gab es nicht mehr. Erst Wochen später begann die Bergung der Leichen. An 17 Kumpel kam man nicht mehr heran. Ihre Körper lagen in einem völlig eingebrochenen Schachtbereich. Die Namen dieser 17 Männer stehen auf einem Gedenkstein auf dem Zwickauer Hauptfriedhof. Am Sonnabend wollen dort Vertreter der Stadt und des Steinkohlenbergbauvereins Zwickau wie jedes Jahr Kränze niederlegen. Zuvor werden um 8.20 Uhr die Glocken der Zwickauer Moritzkirche läuten, um an den Zeitpunkt der Katastrophe zu erinnern.

Karl-Heinz Baraniak (l.) und Klaus Hertel vom Steinkohlenbergbauverein Zwickau. 
Foto: Ronald Bonß

Nach einem Gedenkgottesdienst in der Kirche wird ein Trauerzug zum Friedhof ziehen, wo ein stilles Gedenken stattfindet. Erst seit 1990, so erfahren wir es von Karl-Heinz Baraniak, gibt es diese Tradition. „Zu DDR-Zeiten fand ein solches Gedenken nicht statt“, sagt der Vorsitzende des Bergbauvereins. „In der Wendezeit, Anfang 1990, bin ich daher mit anderen Bergleuten zum Runden Tisch in Zwickau gegangen und habe vorgeschlagen, endlich auch öffentlich an die Katastrophe zu erinnern. Seitdem gibt es jedes Jahr ein stilles Gedenken, ohne Politikerreden.“

Der heute 82-jährige Baraniak hat sein Leben lang Grubenhandwerker aus- und weitergebildet. Unter Tage gearbeitet hat er nicht, und auch an jenem Rosenmontag im Februar 1960 war er nicht im Schacht. „Aber dieses Unglück hat uns Bergleute in Zwickau, hat die ganze Stadt geprägt“, sagt er. „Die Erinnerung lässt uns nicht los.“

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Nach der Jahrtausendwende hatte der neu ins Amt gekommene Zwickauer CDU-Oberbürgermeister Dietmar Vettermann daher eine Recherche von Ursachen und Hintergründen des Unglücks angeregt. Denn noch zu diesem Zeitpunkt war öffentlich kaum etwas darüber bekannt. Stattdessen hielten sich hartnäckig Gerüchte, wonach entweder ein Erdbeben in Marokko mit sich anschließenden tektonischen Verschiebungen im Zwickauer Kohlerevier oder gar der Selbstmordversuch eines betrogenen Ehemannes die Katastrophe ausgelöst habe.

Unsachgemäßer Umgang mit Sprengstoff 

Zwar hatte einen Monat nach dem Unglück eine DDR-Expertenkommission ihre Untersuchungsergebnisse vorgelegt, aber es gab stets Zweifel daran, ob der veröffentlichte Bericht die ganze Wahrheit enthielt.

Dem Bericht zufolge soll das Grubenunglück durch eine Methan-Kohlenstaubexplosion ausgelöst worden sein, nachdem Erdstöße in den Tagen zuvor zu Gebirgsbewegungen und Methanaustritten in der Grube geführt hätten. Ausdrücklich betont wurde, dass Verstöße gegen die Bergbauvorschriften nicht festgestellt worden seien.

123 bergleute sterben

Am 22. Februar 1960 erschütterte eine verheerende Explosion das Zwickauer Karl-Marx-Werk. Von 178 Bergleuten konnten sich 55 retten, 123 kamen ums Leben. Die jüngsten Opfer waren noch nicht einmal volljährig.

Die Dramatik nach der Explosion unter Tage ist kaum vorstellbar. Durch Räume, in denen sonst zwischen 28 und 32 Grad Celsius Lufttemperatur herrschten, zogen sich die Hitze des Feuers und die verdorbene Luft.

460 Kräfte aus Grubenwehren der ganzen DDR und der Tschechoslowakei kämpften tagelang um die Kumpel und gegen die Flammen. Vergebens. Ein Abschnitt musste zugemauert werden, um den Brand einzudämmen.

Die Arbeitsgruppe, die auf Anregung von Vettermann 2002 ihre Untersuchungen aufnahm, kam jedoch zu einem anderen Ergebnis. Acht Jahre lang durchwühlten Karl-Heinz Baraniak und andere Mitglieder des Bergbauvereins zusammen mit Mitarbeitern des Zwickauer Kulturamtes und des Stadtarchivs unzählige Akten zu der Katastrophe. „Wir waren in Archiven in der Stadt unterwegs, aber auch im Archiv der Bergbauakademie in Freiberg und bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin“, erinnert sich Baraniak.

Das MfS leitete damals die Ermittlungen, auch weil man zu jener Zeit immer davon ausging, dass bei größeren Havarien in der Volkswirtschaft Staatsfeinde oder westliche Diversanten ihre Finger im Spiel haben könnten. Die Rolle von „Schießmeister Y“ „Nach unserem Studium von zahllosen wissenschaftlichen Analysen, Zeugenaussagen und ausführlichen Untersuchungsberichten haben wir ein recht schlüssiges Ergebnis herausgefunden: Die Ursache des Unglücks war der unsachgemäße Umgang mit Sprengstoff“, sagt Baraniak.

Verursacher ist einer der Toten 

Also menschliches Versagen und kein Selbstmord oder Erdbeben? Baraniak nickt. „Wir kennen die Stelle im Stollen, wo die Sprengung stattfand, und wir wissen, welcher Schießmeister sich dort zu diesem Zeitpunkt aufgehalten hat. Wir müssen daher davon ausgehen, dass er einen Fehler beim Hantieren mit dem Sprengstoff gemacht und dadurch eine Kohlenstaubexplosion ausgelöst hat.“

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Den Namen des Schießmeisters halten er und seine Mitstreiter bis heute geheim; auch in ihrer 2010 erschienenen Dokumentation über die Grubenkatastrophe wird der betreffende Bergmann nur als „Schießmeister Y“ bezeichnet. Der Verursacher ist einer der 123 Toten.