Berlin - Die Parolen der AfD kommen offenbar nicht nur bei mittleren Altersgruppen gut an, sondern auch bei jüngeren Menschen. Das gilt zumindest für Sachsen-Anhalt und lässt sich am Wahlergebnis ablesen. Bei der Landtagswahl am vergangenen Sonntag erzielte die Partei 17 Prozent in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen und 28 Prozent bei den 25- bis 34-Jährigen. Auch die Grünen erzielten in diesen beiden Altersgruppen ihre besten Ergebnisse. Bei den Jüngsten punktete auch die FDP. Die Angaben beruhen auf Befragungen von Infratest dimap am Wahltag. Doch die Ergebnisse sind mit Vorsicht zu genießen.

Der Tag nach der Wahl ist immer ein Tag vor der nächsten Wahl. Und so drehten sich die Wahlanalysen am Montag auch genau um diesen Punkt. Während SPD und Linke mit dem Wundenlecken nach Stimmverlusten beschäftigt waren, die CDU sich an ihrem unerwarteten Erfolg berauschte und die Grünen überlegten, wie sie ihr Parteiprogramm besser verkaufen können, ist der Blick bisher noch nicht ausreichend auf das Wahlverhalten der jüngsten Wähler gefallen. Wäre es nach den Wählerinnen und Wählern unter 30 gegangen, wäre die AfD nach manchen Umfragen sogar stärkste Kraft im Landtag von Sachsen-Anhalt geworden.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz (CDU), hat sich in jüngster Zeit mit seinen Äußerungen über diktatursozialisierte Menschen in Ostdeutschland nicht viele Freunde gemacht. Aber auch am Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt bleibt er bei seinen Aussagen und fordert angesichts des Wahlerfolgs der AfD bei jungen Wählern mehr Engagement bei der politischen Bildung. „Gewisse Dinge werden von Generation zu Generation weitergegeben“, sagte er am Montag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Es gehe darum, „dass wir demokratische Grundhaltung brauchen und einfordern“. Im Bereich politischer Bildung müsse mehr passieren.

Das allerdings kann bestenfalls der zweite Schritt sein. Erstmal müsste man ergründen, warum junge Menschen so entscheiden, wie sie entscheiden. Und da ist die Datenlage doch recht dünn. Hängt es mit der mangelhaften Infrastruktur auf dem Land zusammen, wie einzelne Politikwissenschaftler hervorheben? Aber warum profitieren dann bestimmte Parteien und andere nicht?

Andrea Wolf von der Forschungsgruppe Wahlen rät zur Vorsicht bei der Interpretation der Ergebnisse. Allerdings kommt die Forschungsgruppe auch zu etwas anderen Ergebnissen als Infratest dimap. „Nach unseren Daten haben die Unter-30-jährigen zu gleichen Teilen CDU und AfD gewählt - jeweils 18 Prozent“, sagt Andrea Wolf. Die Linke komme in dieser Altersgruppe auf 10 Prozent, die SPD auf sieben, die Grünen auf 13, die FDP auf 12 Prozent.

Verglichen mit den Wahlen 2016 hat die AfD nach Erkenntnissen der Forschungsgruppe allerdings in dieser Altersgruppe diesmal hohe Verluste hinnehmen müssen. Sie verlor zehn Prozentpunkte bei den Unter-30-Jährigen. Das sind überdurchschnittlich hohe Verluste. Hohe Zugewinne verzeichneten dagegen Grüne und FDP.

Verkehrswege wichtiger als Wirtschaftslage

Kleine Parteien kämen immer auf hohe Ergebnisse bei jüngeren Wählern, sagt Andrea Wolf. Die Forschungsgruppe hat Bürger in Sachsen-Anhalt vor der Wahl gezielt nach ihren Veränderungswünschen gefragt. „Die größten Unterschiede zu anderen Altersgruppen gibt es bei den Jüngeren in Bezug auf die Infrastruktur. Da geht es um Digitalisierung, Zugang zu gutem Internet und um alles, was mit guten Verkehrswegen zu tun hat. Das ist ein Problem, das die Unter-30-jährigen doppelt so häufig nennen wie andere Wähler in Sachsen-Anhalt“, sagt Andrea Wolf. Als wichtig würden auch Umweltthemen genannt, aber nicht im gleichen Maße. Deutlich weniger häufig würden Jungwähler Arbeitslosigkeit und die allgemeine Wirtschaftslage als Problemfelder benennen.

Wenn der Bus nicht fährt und der Netzzugang schlecht ist, sinkt das Vertrauen in die Parteien. Kann es so einfach sein?

Interessant findet Wolf im Zusammenhang mit jungen Wählern noch etwas anderes. Die Forschungsgruppe legte bei der Befragung ein Statement vor: „Die Ostdeutschen werden wie Bürger zweiter Klasse behandelt.“ Während die Älteren das mit deutlicher Mehrheit so sehen, ist es bei den jüngeren umgekehrt.

Ein interessantes Forschungsgebiet wären die jungen Wähler in der ostdeutschen Provinz in jedem Fall. Außerdem wohl auch eine Gruppe, um die man sich kümmern müsste. In Sachsen-Anhalt hat sich in der jüngeren Vergangenheit deutlich weniger als die Hälfte junger Menschen an Landtagswahlen beteiligt. Das zeigen Wahlstatistiken. Danach machten bei der vergangenen Landtagswahl im Jahr 2016 gerade einmal 30 Prozent der Wahlberechtigten bis 25 Jahre von ihrem Stimmrecht Gebrauch.