Berlin - Nun ist wohl der Punkt erreicht, an dem die Welle gebrochen ist – die Welle der gesellschaftlichen Selbstbeherrschung. Davor war bereits eine andere Welle gebrochen: die zweite Corona-Welle.

Am Strand schrauben sich Wellen immer weiter in die Höhe, doch irgendwann ist der höchste Punkt erreicht und die Oberflächenspannung des Wassers am Wellenkamm reicht nicht mehr. Dann bricht jede Welle. Egal, wie hoch sie war. So ähnlich war es bei der zweiten Corona-Welle. Die Infektionszahlen stiegen und stiegen, und die Welle schraubte sich höher, als viele geglaubt hatten und einige befürchtet. Mit den Zahlen stieg die Angst, aber auch die Vorsicht und die Disziplin im Lockdown. Diese Selbstbeherrschung – die in großen Teilen auch eine Selbstzerstörung des gesellschaftlichen Lebens ist – hatte Erfolg und brach die zweite Corona-Welle.

Dann brach die Selbstbeherrschung. Der Anlass war erwartungsgemäß ein schöner: die Sonne am Ende des Winters. Nun wollen alle wieder raus und stören sich wenig daran, dass der Anteil der britischen Corona-Variante weiter steigt und Städte wie Flensburg eine Ausgangsperre verhängen. In den meisten Orten sind hingegen Frühlingsspaziergänge angesagt.

Niemand will länger in der Stube hocken

Das ist die Realität, und sie existiert unabhängig vom Willen Einzelner oder von teilweise berechtigten Ängsten. Es ist quasi eine Abstimmung mit den Füßen. Die Masse will nicht mehr in den Stuben hocken. Denn selbst warnende Stimmen sagen, dass sich an frischer Luft kaum jemand ansteckt – bei etwas Abstand.

Außerdem scheint die abschreckende Wirkung der Angst langsam aufgebraucht. Bei vielen jedenfalls. Es ist wie bei einer Monsterwelle. Sie türmt sich auf, und die Leute am Strand schauen ängstlich auf den schäumenden Kamm, aber kaum ist die Welle gebrochen, wird sie nicht mehr so ernst genommen. Egal, wie groß die verbleibende Wucht ist, mit der das Wasser auf den Strand zurollt.

Angst ist zwar ein prioritäres Gefühl, das andere Gefühle überdeckt. Aber weil es so stark ist, nutzt es sich schnell ab, wenn der akute Anlass fehlt. Dann sind neue Horrorszenarien nötig, um die Angst neu zu entfachen. Aber auch dann verebbt sie.

Der gesamtgesellschaftliche Stubenarrest scheint nicht mehr lange aufrechtzuerhalten. Solche Verbote funktionieren meist nur als kurze Strafe: Ein Kind hat ein Gebot übertreten und muss im Zimmer bleiben. Bei Corona aber soll der Arrest keine Strafe sein, sondern zu einer Art Belohnung führen. Wenn Ärzte Bettruhe verordnen, wird sie meist befolgt, weil die Kranken gesund werden wollen. Doch beim Hausarrest geht es nicht ums Gesundwerden, sondern darum, nicht krank zu werden. Das Ziel ist sehr gut, deshalb machen so viele mit; aber das Ziel bleibt sehr abstrakt, wenn das persönliche Leiden fehlt.

Doch was kommt nun? Gleich die dritte Welle, die britisch geprägte? Oder ein Umsteuern der Politik? Absehbar ist, dass auf Dauer nicht mehr die Zahl der positiv Getesteten entscheidend sein wird, sondern die Zahl der schwer Erkrankten sowie die Gefährdung besonders betroffener Bevölkerungsgruppen, die endlich auch besonders geschützt und schnell geimpft werden müssen.

Kommt nun das „soziale Ende“ der Pandemie?

Selbst Befürworter des harten Lockdowns sind hörbar müde. Immer lauter wird geklagt über die emotionale Verwahrlosung zu Hause. Ein Leben ohne Kunst und Kino, ohne Kiez und Kneipe – ohne all die Dinge, die den Menschen erst so richtig zu einem sozialen Wesen machen. Aus Sicht von Corona-Kranken sind das Luxusprobleme, die ein klassisches Dilemma zeigen. Ein Sprichwort sagt: „Gesunde Leute haben tausend Wünsche, kranke nur einen einzigen.“ Die Mehrheit aber ist nicht krank. Zum Glück.

Die Pandemie ist medizinisch längst nicht vorbei, doch die zunehmende Corona-Müdigkeit könnte allmählich für ihr sogenanntes soziales Ende sorgen. Gemein ist, dass immer mehr Leute sich immer weniger an harte Regeln halten. Dass sie sich mit der Krankheit arrangieren, weil sie gar nicht auszurotten ist. Dass die Zahl der Toten eine immer geringere abschreckende Wirkung erzielt. Und dass sich immer weniger Leute darum kümmern, wie hoch die nächste Welle sein wird – jedenfalls, solange sie nicht selbst betroffen sind.

Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit kann recht schnell sinken: Je mehr die Impferfolge dafür sorgen, dass die Zahl der tragisch verlaufenden Fälle abnimmt, und je mehr der Wahlkampf regiert. Und je mehr Leute sich zumindest an die Abstandsregel halten. Aber noch ist vieles offen – oder wie Karl Valentin sagte: „Prognosen sind schwierig. Besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.“