Lilly Blaudszun.
Foto: dpa/Jens Büttner

BerlinDiesmal war es ein Foto, das Ricarda Lang den aktuellen Shitstorm eingebracht hat. Es zeigte die 26-jährige Grünen-Politikerin im Zug sitzend, ohne Maske und vor sich eine Tüte mit dem Logo eines Fastfood-Herstellers. Gepostet wurde es am vergangenen Samstag von der AfD-Politikerin Joana Cotar und mit einem hämischen Text versehen, in dem Cotar darauf hinweist, dass die Grünen angesichts der steigenden Zahl übergewichtiger Menschen die TV-Werbung für Fastfood verbieten lassen wollen: „Lass es Dir schmecken, Ricarda“, endet der Tweet.

Ricarda Lang folgt Joana Cotar nicht auf Twitter, aber sie bekam schnell Kenntnis von der Sache. „Immer, wenn die Zahl an direkten Hassmeldungen an meine Adresse oder auf Facebook steigt, weiß ich, dass wieder etwas im Gange ist“, sagte sie der Berliner Zeitung. Von wann das Foto ist, kann sie nicht sagen. Sie ist viel mit dem Zug unterwegs. Ricarda Lang vermutet, dass es heimlich aufgenommen wurde. Gefragt habe sie jedenfalls keiner, sagt sie. Es sei gut möglich, dass es aus der Zeit vor der Pandemie stammt. Die Bundestagsabgeordnete Cotar gab der Berliner Zeitung keine Auskunft zu dem Tweet. Da sie darin auf die fehlende Maske nicht eingeht, ist es vermutlich wirklich schon älter. Dennoch wurde es tausendfach geteilt und negativ kommentiert.

Ricarda Lang sagt, dass sie das weder überrascht noch sonderlich aufgeregt hat. „Doch genau das hat mich dann geärgert – dass man sich schon so an den Hass gewöhnt hat, dass man ihn als Normalität begreift.“ Also setzte sie sich hin und reagierte mit eigenen Tweets. „Wenn es so weit kommt, dass wir das einfach hinnehmen, dann kann das dazu führen, dass andere, vor allem junge Frauen, gar nicht erst in die Politik gehen, weil sie sich diesen Hass nicht antun wollen“, sagt sie. „Junge Frauen sind ganz stark das Feindbild gerade der Rechten im Internet. Weil sie ja den Status Quo infrage stellen. Das macht vielen Leuten Angst. Und Angst schlägt nicht selten in Hass um.“ Sie selbst erlebt es regelmäßig und empfiehlt, Beleidigungen bei der Polizei anzuzeigen.

Zu den ganz jungen Frauen, die über das Netz Berühmtheit erlangt haben, gehört auch Lilly Blaudszun. Anders als Ricarda Lang, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen ist und sich für den Bundestag bewirbt, hat die 18-Jährige kein Amt und kein Mandat und strebt auch keines an. Sie ist Jurastudentin in Frankfurt (Oder) und macht sich als Influencerin auf Instagram und auf Twitter für die SPD stark. Für die Partei ist das ein Glücksfall. Eine coole, witzige und intelligente Digital Native, die der alten Tante SPD nahesteht. Die SPD-Politikerin Katarina Barley hat ein Selfie mit Blaudszun und Manuela Schwesig gepostet. Die Studentin steht mit einem Glas in der Hand in der Mitte und lacht selbstbewusst in die Kamera.

Doch vor wenigen Tagen hat sie den Twitter-Account, dem mehr als 26.000 Menschen folgten, erst mal gelöscht. Zuvor hatte es eine Auseinandersetzung mit einer anderen Userin über die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz gegeben. Die Kontrahentin, ebenfalls Jurastudentin, nennt sich Özge Simözge und hat ebenfalls massig Follower. Sie hat sich darüber aufgeregt, dass Lilly Blaudszun die Kanzlerkandidatur von Olaf Scholz verteidigte. Es sei nicht die erste harte Auseinandersetzung gewesen, die sie sich mit Blaudszun geliefert habe, sagt die 23-Jährige der Berliner Zeitung. „Dann haben sich aber ein paar Twittertrolle eingemischt.“ Blaudszun wurde irgendwann Rassismus vorgeworfen und die ganze Sache entwickelte sich vom Streit zum Shitstorm. Jetzt will Blaudszun erst einmal eine Auszeit von der Öffentlichkeit nehmen, heißt es bei der SPD.

Möglich ist, dass das auch mit Blaudszuns Instagram-Account zu tun hat. Kürzlich machte sie dort als Influencerin Werbung für einen Laptop. Das Video war entsprechend gekennzeichnet, kam aber gar nicht gut an. Blaudszun reagierte mit Videos, in denen sie die Kritiker anging. Danach gab es erste Zeitungsberichte, in denen sie als zickig bezeichnet wurde. Jetzt ist die Studentin erst mal abgetaucht.

Özge Simözge kann das verstehen. „Es ist wahnsinnig anstrengend, seinen Twitter-Account zu manövrieren“, sagt sie. „Und es kostet wahnsinnig viel Zeit.“ Außerdem verzeiht das Internet so schnell nicht. Sie habe Olaf Scholz in einer hitzigen Debatte als „Hurensohn“  bezeichnet, erzählt Özge Simözge. „Obwohl ich das sehr schnell gelöscht und mich auch entschuldigt habe, werden die Screenshots weiter geteilt. Es ist eben ein Phänomen auf Twitter, dass inhaltliche Argumente weniger beachtet werden als Beleidigungen.“ Man müsse halt damit umgehen lernen. 

Sie hat über einen Zweitaccount Kontakt zu Lilly Blaudszun und sagt, dass man miteinander im Reinen sei. Lilly Blaudszun bestätigt das, wenn auch indirekt. „Bitte lasst Özge aus der ganzen Nummer raus“, postete sie jetzt auf Instagram. „Özge und ich streiten uns oft, immer hart im Ton und noch härter in der Sache. Das ist normal bei uns.“ Ansonsten empfahl sie, auch mal den Sommer zu genießen. Und: „Geht im Diskurs gegen die Inhalte, nicht gegen die Person. Bleibt sachlich und nett.“