In Schengen, im Dreiländereck Luxemburg-Deutschland-Frankreich, wurde 1985 das Schengener Abkommen unterzeichnet, das EU-Bürgern seitdem grenzüberschreitende Bewegungsfreiheit ermöglicht 
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BerlinMeine Großmutter ist kürzlich 95 geworden. Vor eineinhalb Jahren hat sie eine Lungenembolie überlebt, eine Krankheit, an der 20-Jährige sterben können. Heute ist sie kerngesund. Aber seit einer Woche darf niemand mehr ins Luxemburger Altenheim, in dem sie lebt. Besucherpause.

„Boma“, so nennt man die Oma auf Luxemburgisch, sitzt vorzugsweise auf dem Gang und spricht mit den anderen Omis. Sie in ihrem Zimmer zu erreichen, ist schwierig. Wenn ich sie endlich an der Strippe habe, merke ich, dass sie nicht richtig versteht, was gerade da draußen passiert. Sie gehört zur Risikogruppe, ist aber erstaunlich nonchalant. „Jetzt ist hier alles so streng, wegen der Krankheit da draußen. Aber wenn die Leute anfangen zu sterben, ist das problematisch.“

Ich rufe sie jetzt öfter an, um ihr Mut zu machen. Vor allem, nachdem der Premierminister Xavier Bettel den Notstand ausgerufen hat. Ich höre mich sagen, dass das alles bald ausgestanden ist, meine Mutter schnell wieder mehrmals die Woche kommt. Ich sage das, obwohl ich das gar nicht mit Sicherheit wissen kann. Ich spüre ein Ziehen in der Brust. Eine Angst. Ich möchte nicht, dass sie alleine ist. Und schon gar nicht, dass sie sich infiziert.

Ich bin von klein auf an die offenen Grenzen der EU gewohnt. Fahre ich vom Haus meiner Mutter eine Viertelstunde nach Westen, bin ich in Belgien. 20 Autominuten südlich fängt Frankreich an, eine Dreiviertelstunde gen Osten und ich überquere die Grenze zur Bundesrepublik. Eine Eingrenzung, wie wir sie jetzt, zwar gänzlich gerechtfertigt, erleben, kenne ich nicht. Ich habe mich immer damit getröstet, dass, auch wenn ich 800 Kilometer von meinem ehemaligen Zuhause weg wohne, ich relativ zügig mit dem Zug oder dem Flugzeug bei meinen Lieben wär. Es fällt mir schwer, dieses Gefühl nun eine Weile ziehen zu lassen.

Ein Freund arbeitet im Luxemburger Schengen Museum, wo den Touristen täglich erklärt wird, was offene EU-Grenzen und Bewegungsfreiheit bedeuten. Was für eine Errungenschaft sie sind, und wie wichtig es ist, sie zu erhalten. Schengen ist ein kleines Dorf im südöstlichen Dreiländereck Luxemburg-Deutschland-Frankreich, das dem Schengener Abkommen aus dem Jahr 1985 seinen Namen gegeben hat.

Dieser Freund ist Luxemburger, wohnt aber, wie viele andere Luxemburger auch, jenseits der Mosel in Deutschland. Er ist Grenzgänger, musste bis zur Museumsschließung letzte Woche jeden Morgen ein Dokument seines Arbeitgebers vorzeigen, das beweist, dass er zur Arbeit fährt. Besuche zu seiner in Luxemburg lebenden Familie sind nicht mehr gestattet.

Viele von uns EU-Bürgern sind gerade ein- oder ausgesperrt.

Ich sitze im Homeoffice und träume vom Schlüssel.