Viele Senioren werden von osteuropäischen Betreuerinnen gepflegt.
Foto: imago images

Die Mutter von Volker K. wird von einer Polin versorgt. Rund um die Uhr muss jemand für die 86-Jährige da sein, denn sie leidet an beginnender Altersdemenz und Schwindel, kann nur mühsam mit dem Rollator laufen. In wenigen Tagen jedoch fährt Beata, ihre Betreuerin, nach mehr als zweimonatigem 24-Stunden-Einsatz nach Polen zurück.

Normalerweise würde sie von ihrer polnischen Kollegin Dorota abgelöst. Die beiden Frauen leben immer abwechselnd mit der Seniorin in deren Wohnung in einer hessischen Kleinstadt. Aber wegen der Corona-Epidemie will Dorota nicht nach Deutschland kommen. Volker K. muss sich nun auf den Notfall vorbereiten: Dass seine Mutter allein bleibt und er selbst in die Kleinstadt fahren und sie versorgen muss.

300.000 Menschen in häuslicher Gemeinschaft betreut

So ähnlich geht es derzeit auch anderen Angehörigen der etwa 300.000 meist älteren Menschen in Deutschland, die von osteuropäischen Pflegekräften in häuslicher Gemeinschaft betreut werden. Nach Ostern könnte es sogar bis zu 200.000 Notfälle bundesweit geben, warnt der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) in Berlin. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, bestätigte am Freitag die Befürchtung, dass osteuropäische Betreuer über Ostern in ihre Heimat fahren und wegen Corona anschließend nicht nach Deutschland zurückkehren.

Hier lesen Sie: Viel Einsatz, wenig Lohn: So schlecht sind systemrelevante Berufe bezahlt >>

Die Betreuungskräfte – zu 95 Prozent Frauen, die allermeisten aus Polen – arbeiten in der Regel in zweimonatigem Wechsel. Wenn sie Deutschland aus Angst vor dem Coronavirus verlassen und kein Ersatz nachkommt, müssten viele alte Menschen in Altenheime oder Kliniken, sagt der VHBP-Vorsitzende Frederic Seebohm. Doch die Heime in Deutschland sind voll, sie haben keine Kapazitäten für Zehntausende zusätzliche Pflegebedürftige. Volker K. etwa hat für seine Mutter einen Kurzzeitpflegeplatz gesucht. Er bekam nur Absagen. Niedersachsen hat als erstes Bundesland wegen der Corona-Ansteckungsgefahr sogar schon einen Aufnahmestopp für alle Pflegeheime verhängt.

Der Pflegebeauftragte Westerfellhaus versuchte am Freitag zu beruhigen. Pfleger aus Polen mit deutschem Arbeitsvertrag könnten natürlich zurückkehren und würden an der Grenze auch durchgelassen, sagte er im Deutschlandfunk. Auch mit Rumänien und Tschechien handele die Bundesregierung derzeit entsprechende Regelungen aus.

90 Prozent der Pflegekräfte sind Schwarzarbeiterinnen

Das Problem ist damit lange nicht gelöst. Denn laut Branchenverband VHBP arbeitet nur eine von zehn osteuropäischen 24-Stunden-Betreuerinnen legal in Deutschland und ist bei Vermittlungsagenturen oder direkt bei Familien angestellt. 90 Prozent sind Schwarzarbeiterinnen ohne einen Arbeitsvertrag, den sie an der Grenze vorweisen könnten.

Hier lesen Sie die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im überregionalen Newsblog >>

Sebastian Nocon, Chef der Agentur Lebenshilfe24 in Mühlheim an der Ruhr, spezialisiert auf 24-Stunde-Pflege durch Polinnen, nennt am Telefon weitere Probleme: Viele Frauen wollten nicht kommen, weil sie bei der Rückkehr nach Polen in zweiwöchige Quarantäne müssten. Deutschland gelte in Polen als Hochrisikogebiet, das schüre Ängste. Und wenn illegal beschäftigte Polen hierzulande krank würden, müssten sie trotz europäischer Versicherungskarte Behandlungskosten vorstrecken. Auch das schrecke ab. Zudem liege das Transportsystem für die polnischen Pflegekräfte lahm. Die Kleinbusse, die sonst zwischen Polen und Deutschland pendeln und je sechs Frauen von Haustür zu Haustür bringen, fahren kaum noch.

„Im illegalen Bereich herrscht bereits große Not“, sagt VHBP-Chef Seebohm. Auch Nocons Agentur bekommt gehäuft Anfragen von Familien, die händeringend eine Betreuung suchen. „Vorrang haben Bestandskunden“, sagt er. Verbandschef Seebohm fordert, wer wegen der Coronakrise Vater oder Mutter pflege und Verdienstausfälle habe, müsse ebenso Entschädigung erhalten wie Eltern, die Kinder betreuen.

Soziale Absicherung bei legaler Anstellung

Agenturchef Nokon sagt, die Bundesregierung müsse endlich offen damit umgehen, dass häusliche 24-Stunden-Pflege durch Osteuropäerinnen neben Heimen und ambulanten Diensten die dritte Säule des deutschen Pflegesystems sei. Die Politik kümmere sich aber nicht um eine Regulierung dieses Marktes, sondern dulde stillschweigend die massenhafte Schwarzarbeit.

Er hofft, dass jetzt, in der akuten Notlage, vielen Familien klar wird, dass es besser wäre, die polnischen Betreuerinnen legal zu beschäftigen – auch wenn sie dafür deutlich mehr zahlen müssen. In der Regel koste eine über Agentur vermittelte Kraft inklusive Sozialabgaben, Gebühren und Reisekosten rund 2400 Euro monatlich, sagt er, eine illegal beschäftigte Polin dagegen rund tausend Euro weniger. Für die Frauen selbst sei der Verdienstunterschied gering, so Nocon. Sie seien dann aber sozial abgesichert.

Volker K., dessen Familie die beiden polnischen Pflegekräfte legal beschäftigt, hat der zögernden Dorota mehr Geld angeboten, wenn sie trotz Corona-Krise nach Ostern wieder zu seiner Mutter kommt. Er hofft, dass sie es sich noch einmal überlegt.