Ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma am Gelände des Fleischwerks Tönnies.
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GüterslohSie sind nicht viele, aber sie sind laut. Gut zwei Dutzend Aktivisten haben sich vor dem Kreishaus Gütersloh aufgebaut. Sie tragen Plakate und Banner mit der Aufschrift „Das System Tönnies stoppen!“ und „Fleisch entsteht aus Gewalt!“. Sie haben Trommeln und Megaphone dabei, in Sprechchören fordern sie die permanente Schließung der Firma Tönnies, eine Demonstrantin mit Schweinemaske tanzt in der Sonne. 

Verschiedene Organisationen, unter ihnen Vertreter von Fridays for Future und Extinction Rebellion, haben spontan eine Demonstration angemeldet, gleich als klar war, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet anreisen und mit Landrat Sven-Georg Adenauer und dem NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (alle CDU) über das weitere Vorgehen im Fall Tönnies beraten wird.

Seit Sonntagmittag ist klar: Von 7000 Werksarbeitern am Tönnies-Standort im nah gelegenen Rheda-Wiedenbrück wurden mehr als 1300 positiv auf das Coronavirus getestet. Am vergangenen Sonnabend wurde in der angrenzenden Ortschaft Verl ein ganzer Wohnkomplex abgeriegelt: Zwangsquarantäne. Hier leben mehrere Hundert Tönnies-Werksarbeiter. Drei Hundertschaften der Polizei, unterstützt von Beamten aus Dortmund sollen die Einhaltung der Auflagen kontrollieren, die Johanniter helfen bei der Verteilung von Lebensmitteln. Ob die Menschen auch psychologisch betreut würden, will eine Journalistin später bei der Pressekonferenz wissen. Es gehe jetzt erstmal darum zu informieren und aufzuklären, antwortet Gesundheitsminister Laumann. Auch Dolmetscher sollen bei den Hausbesuchen der Ordnungsämter dabei sein – viele der Arbeiter sprechen kein oder nur wenig Deutsch.

Es ist eine komplexe Aufgabe. Die Tönnies-Arbeiter leben im ganzen Landkreis verteilt, sie alle zu erreichen wird nicht einfach werden. Ohnehin ist nicht sicher, wie viele Deutschland seit der vorübergehenden Schließung der Fabrik bereits in Richtung Heimat verlassen haben. Später wird Armin Laschet noch einmal an sie appellieren, vor Ort zu bleiben, um ein Weitertragen des Virus zu verhindern. Auch bekämen die Menschen im Zweifel hier die bessere medizinische Versorgung. „Unabhängig, welchen Versicherungsstatus der Einzelne hat“, wird Minister Laumann betonen. Ob und wie schnell der Appell bei den Betroffenen ankommt, bleibt offen.

Die Politiker sind noch nicht da. Am Stadtrand von Gütersloh haben die Demonstranten die Aufmerksamkeit der Journalisten und Kamerateams. Camila Cirlini ist die stellvertretende Kreissprecherin des Linken-Kreisverbandes Gütersloh. Auf ihrer knallroten Gesichtsmaske stehen die Buchstaben „FCK TNNS“. Cirlini und ihre Mitstreiter fordern die permanente Schließung des Fleischwerkes. Die Frage, was dann mit den Angestellten der Firma passieren solle, quittiert sie mit einem strafenden Blick: Die meisten davon hätten ja nicht mal richtige Arbeitsplätze, sondern ohnehin Werksverträge, sagt sie.

Cirlini ist auch Mitgründerin eines Bündnisses, das 2017 versuchte, den Ausbau des Schlachtbetriebes bei Tönnies zu verhindern. Vergeblich: Seit Januar 2019 dürfen dort täglich 30.000 Tiere geschlachtet werden, 4000 mehr als zuvor.

Nach Bekanntwerden des Corona-Ausbruchs bei Tönnies hat Camila Cirlini Strafanzeige gegen das Unternehmen gestellt, wie auch Britta Haßelmann, die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Bundestag. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz.

Doch die Empörung der Demonstranten richtet sich nicht nur gegen den Unternehmer Clemens Tönnies und seine Firma. Cirlini sagt: „Weil Herr Adenauer versäumt hat, die Firma Tönnies vernünftig überprüfen zu lassen, sind wir die Leidtragenden im Kreis und in ganz NRW.“ Als Landrat habe das in Adenauers Verantwortung gelegen.

Die Protestierenden vor dem Kreishaus sind nicht die Einzigen, die der Politik, besonders der CDU, eine zu große Nähe zur westfälischen Fleischindustrie unterstellen. Die Firma Tönnies soll als großzügiger Spender der Partei in Erscheinung getreten sein. Das Verhältnis jedenfalls war gut, auch werden Clemens Tönnies beste Verbindungen in die Politik nachgesagt.

Doch mit dem Frieden scheint es nun vorbei zu sein. Nach Corona-Ausbrüchen in mehreren Fleischfabriken in Deutschland hat die Politik reagiert. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Werksverträge, also die Auslagerung von Dienstleistungen an Subunternehmer, ab 2021 verbieten soll. Die Unternehmen sollen Vorwürfe wegen miserabler Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung nicht mehr abwälzen können.

Vor dem Kreishaus Gütersloh verspricht Armin Laschet: „NRW unterstützt die Pläne von Arbeitsminister Heil.“ Er sagt es zu den Demonstranten, die für ein paar Minuten aufhören zu trommeln und zu pfeifen. Laschet räumt Versäumnisse der Politik in den letzten Jahren ein, die Verantwortung für die prekären Zustände in der Fleischindustrie falle aber nicht allein seiner Regierung zu. Auch die Gesellschaft habe das Problem lange nicht erkannt. „Es haben in den letzten Jahren sehr viele regiert, niemand hat etwas verändert“, sagt Laschet. Aber jetzt sei definitiv die Zeit gekommen, „diese Zustände zu beenden“.

Seit Bekanntwerden des Corona-Ausbruchs bei Tönnies steht der NRW-Ministerpräsident, der gerade noch als Kanzlerkandidat gehandelt wurde, unter Druck. Noch mehr als sonst. Erst behauptete er ungeprüft, die Werksarbeiter aus Bulgarien und Rumänien hätten das Virus in das Unternehmen und den Landkreis gebracht. Nun muss er dem nächsten Corona-Ausbruch in seinem Bundesland Herr werden.

„Wir sind die, die geächtet werden, weil die Infektionszahlen steigen“, ruft eine der Demonstrantinnen vor dem Kreishaus. Die Stimmung in der Stadt sei sehr schlecht, sagt sie. „Die Leute sind wütend!“

Zweieinhalb Kilometer weiter scheint, zumindest an diesem warmen Sonntagmittag, alles wie immer zu sein. In der Gütersloher Fußgängerzone sind die Cafés und Eisdielen gut besetzt. Familien gehen spazieren, auf dem Marktplatz vor der Karstadt-Filiale spielen Kinder in einem Springbrunnen.

Spricht  man die Leute an, ergibt sich ein anderes Bild: Doch, man mache sich schon so seine Gedanken, sagt eine ältere Dame, die sich neben ihrem Mann auf einer Bank ausruht. „Vor allem wegen der Kinder, die durften doch gerade erst wieder in die Schule gehen.“

Seit vergangenen Mittwoch das Ausmaß der Infektionen bei Tönnies bekannt wurde, sind Schulen und Kindertagesstätten im Kreis wieder geschlossen. Dabei sei die Kita ja erst seit wenigen Tagen wieder offen gewesen, erzählt eine junge Mutter, die vor einem Café sitzt. Das sei schon frustrierend und Kindern schwer zu vermitteln, sagt sie mit Blick auf die Dreijährige neben ihr. In einer Woche beginnen in Nordrhein-Westfalen die Sommerferien. „Wie es danach weitergeht, kann uns keiner sagen.“

„Wir waren auf einem so guten Weg“, ergänzt ihre Freundin. „Die Zahlen waren niedrig. Und nun könnte das alles umsonst gewesen sein.“ Wirklich überrascht von den Vorfällen bei Tönnies sind sie aber nicht. Man wisse ja schon lange um die Zustände dort, und dass es keine guten Arbeitsbedingungen sein könnten, „wenn im Supermarkt Hundefutter mehr kostet als ein Kotelett an der Fleischtheke.“ Beide Frauen sagen, sie seien sofort bereit, mehr für Fleisch zu zahlen, ohnehin käme es nur einmal in der Woche auf den Tisch.

Auch das Ehepaar auf der Bank im Schatten ist durch den Tönnies-Skandal ins Grübeln gekommen. Er werde wahrscheinlich das eine oder andere Fleischprodukt im Supermarkt in Zukunft liegenlassen, sagt der Mann. „Das Tönnies-Fleisch ist ja überall drin.“ Sie befürchten, dass die Landesregierung erneut einen Shutdown beschließen könnte. Jetzt, wo sich gerade alles zu normalisieren schien.

Einen Shutdown fürchtet auch der Taxiunternehmer, der vor dem Bahnhof auf Fahrgäste wartet. Von März bis Mai, in der Zeit der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen ist sein Umsatz um 70-80 Prozent eingebrochen. Gerade erst sei es ein bisschen besser geworden. Er selbst sei immer sehr vorsichtig gewesen, erzählt er, anfangs habe er sein Taxi nach jedem Fahrgast desinfiziert. Kunden, die keine Schutzmaske trügen, nehme er gar nicht erst mit.

Mit der Firma Tönnies habe er kaum Kontakt. Das Fleischwerk ist nur eines von vielen international tätigen Unternehmen im Umkreis: Der Medienkonzern Bertelsmann hat seinen Sitz in Gütersloh, ebenso die Tiefbaufirma Hagedorn und der Haushaltsgerätehersteller Miele. Das bedeutet viele Kunden und Geschäftspartner aus dem In- und Ausland – und normalerweise ein gutes Geschäft für jemanden, der in der Taxi-Branche tätig ist. Aber ein weiterer Shutdown? „Das wäre eine Katastrophe,“ sagt der Fahrer. 

Später am Nachmittag wird klar: Zumindest vorerst sind sie im Kreis Gütersloh um den Shutdown herumgekommen. Zwar mag Armin Laschet bei der Pressekonferenz im Kreishaus härtere Maßnahmen für die Zukunft nicht ausschließen, doch einstweilen belässt er es bei Mahnungen und Beschwörungen, man möge sich streng an die bisher geltenden Abstands- und Hygieneregeln halten. Auch in der Politik scheint derzeit die Angst vor dem Lockdown noch größer zu sein als die vor einer neuen Ansteckungswelle.

Der Ministerpräsident ist in einer heiklen Lage: In der Hochphase der Ausgangsbeschränkungen im April und Mai ging er ein ums andere Mal auf Abstand zu den Pandemie-Empfehlungen der Bundesregierung, setzte sich etwa dafür ein, Gottesdienste schnellstmöglich wieder stattfinden zu lassen: Wenn man Geschäfte öffne, müsse auch gemeinsames Beten erlaubt sein, so sein Argument. Würde er jetzt einen erneuten Shutdown verkünden, drohte ihm der eigene Wagemut auf die Füße zu fallen – zumal längst noch nicht klar ist, wo genau die Viruswelle bei Tönnies ihren Anfang nahm.

„Man hat in den Schlachthöfen alles getan, um nicht transparent zu sein, was die Arbeitsverhältnisse angeht“, sagt Karl-Josef Laumann, als die Pressekonferenz vorbei ist. Er ist einer der letzten, der noch im Foyer steht; Armin Laschet ist da schon längst wieder auf dem Rückweg.

Minister Laumann erklärt: Nein, man sei nicht besonders zaghaft mit der Firma Tönnies umgegangen. Ja, es habe in der Vergangenheit immer wieder Kontrollen in dem Betrieb gegeben, und nein, es konnten keine schwereren Verstöße festgestellt werden. „Aber ich sage es mal so: Bis Sie bei einem Kontrolltermin durch alle Hygieneschleusen durch sind, kann schon mal eine halbe bis Dreiviertelstunde vergehen. Ich will da nichts unterstellen, aber… “ Den Satz lässt der Minister offen. Laumann gehört seit Jahren zu den Kritikern der Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie. „Freiwillige Vereinbarungen nützen da nichts", sagt er. „Wir brauchen klare gesetzliche Vorgaben.“

Erst Westfleisch, jetzt Tönnies - ärgert den Minister das Verhalten der Branche insgesamt, will eine Journalistin wissen. „Über den Punkt, mich über die Fleischindustrie zu ärgern, bin ich hinweg“, sagt Laumann ein bisschen müde. Und doch merkt man ihm die Genugtuung an, dass nun – vielleicht – endlich etwas passiert.

Dann steigt auch er ins Auto. Die Demonstranten auf dem Vorplatz sind immer noch da, sie trommeln und skandieren unermüdlich. Bis 16 Uhr ist ihre Demo angemeldet. So lange wollen sie laut sein.