Wenn Kinder kochen lernen: Ran an die Buletten, Kinder!

Schon als Baby hat mein Sohn geheult wie ein Schlosshund, wenn ich am Herd stand und in den Töpfen rührte. Er riss mir den Löffel aus der Hand und stieß, nachdem er ihn erobert hatte, einen Seufzer allergrößter Erleichterung aus. Dann rührte er mit dem Ausdruck ernsthafter Beflissenheit wie ein Verrückter selbst im Topf herum, zur Belustigung meiner Nachbarin. Ich war nur noch sein Steigbügelhalter. An diese frühkindliche Prägung möchte ich nun anknüpfen: „Was gibt’s zum Abendessen?“ – die Frage will ich meinen Kindern in greifbarer Zukunft auch einmal selbst stellen.

Denn mein Mann und ich kommen uns vor wie zerzauste erschöpfte Vogeleltern, denen die beiden Kinder, vier und sechs Jahre alt, immer nur ihre aufgesperrten Schnäbel entgegenhalten. Laut schluchzend schrie mich der Kleine letztens nach der Kita an: „Soll ich eben verhungern und verdursten?“

Ich hatte vergessen, ihm für den fünfminütigen Heimweg etwas zu essen mitzubringen! Bevor ich ihn Jahre vorher zum ersten Mal mit Brei gefüttert habe, sagten andere Mütter: „Die ersten paar Male kannst du froh sein, wenn du zwei Löffel in ihn reinkriegst.“

Was das Internet so rät

Aber kaum hatte der Brei seine Zunge berührt, griff eine dicke Patschhand nach dem Löffel und führte ihn selbst zum Mund. Zwei Minuten später war das ganze Gläschen verputzt. Mittlerweile schleppen wir Bananen in ganzen Stauden an und Kartoffeln in Zentnersäcken vom Großhandel. Das ist das Schicksal vieler Eltern: „Die Raupe Nimmersatt“, die nächsten 18 Jahre.

Schaut man zum Thema Kochen mit Kindern ins Internet, findet man erstens: endlose Listen mit Tipps, wie man die Sicherheit beim Kochen gewährleistet, als hätten die Kinder noch nie die Küche von innen gesehen. Zweitens: Fotos von Kindern mit Kochhauben und Schürzen, die niedlich in einem Topf herumrühren.

Drittens: Kochen nur als Vehikel, um ihnen spielerisch eine gesunde Ernährung näherzubringen. „Denken Sie sich lustige Namen für das Essen aus“, schlägt etwa Spiegel Online vor. „Legen Sie doch mal Röntgenblick-Karotten oder Piraten-Spinat auf den Teller. Erzählen Sie eine kurze Geschichte dazu und dekorieren Sie den Tisch etwas ausgefallener und bunter. Mithilfe von Ausstechformen für Plätzchen kann man beispielsweise Paprika-Scheiben eine lustige Form verpassen.“

Ich will aber keine Gemüseschnitzarbeiten auf Tellern arrangieren oder mich daran ergötzen, wie putzig die Kinder mit einem Mehlklecks auf der Nase aussehen. Weder werde ich sie mit einem scharfen Messer oder dem heißen Herd alleine lassen, noch ihnen bis zur Unsichtbarkeit püriertes Gemüse in einer bunten Soße unterjubeln. Ich habe auch nicht vor, sensomotorische Fähigkeiten mit dem Kochen zu fördern oder ein Mutter-Kind-Bonding-Event daraus zu machen. Sie sollen einfach mal selber mit anpacken, wenn im Alltag das Essen gekocht werden muss.

Kleinkinder können bereits mitmachen

Eine Freundin riet mir, einen Kinderkochkurs zu buchen. Für ältere Kinder mag das sinnvoll sein, aber für Kitakinder? Was soll man denn eigentlich noch alles an Experten outsourcen? Spiegeleier braten? Kartoffelsuppe pürieren? Kochen, was man quasi täglich vor ihrer Nase macht? „Kinder können schon mit zwei Jahren anfangen, in der Küche zu helfen“, sagte Kyle Cornforth der kanadischen Zeitung The Globe and Mail. Sie leitet den „Edible School Yard“ an einer Schule im kalifornischen Berkeley, wo Kinder kochen lernen. „Kann ein Kind in die Küche gehen und Abendessen machen? Ja, sie können es“, sagt Cornforth, „sie können es wirklich.“

Eine Freundin erzählte mir folgendes: Am Wochenende bleiben sie und ihr Mann morgens konsequent im Bett liegen, wenn ihre Kinder wie immer um sechs Uhr aufstehen. Sie dürfen dann alleine in die Küche gehen, wo meine Freundin am Vorabend sämtliche Zutaten für einen Kuchen bereitgestellt hat. Ihrem Vierjährigen und ihrer Siebenjährigen hat sie beigebracht, Eier aufzuschlagen, Mehl und Butter abzumessen und alles mit dem Schneebesen mehr oder weniger zusammenzurühren.

Sie löffeln den Teig in die Kuchenform und schieben sie in den Ofen, der nicht angestellt ist, aber von meiner Freundin programmiert wurde. Die Kinder drücken bloß noch auf einen Knopf. Wenn es piepst, wissen sie: Der Kuchen ist fertig und der Ofen nicht mehr heiß. Und dann wabert Kuchenduft durch die Wohnung – bis in die Nasen der Eltern, die sich entspannt an einen gedeckten Tisch setzen können. Das ist keine weltfremde Fantasie. „Das war ganz leicht“, sagt meine Freundin, „und die beiden freuen sich schon die ganze Woche darauf.“

Was Kinder am Herd so zustande bringen können, kann man in der Fernsehshow „Junior MasterChef“ bestaunen, einem Kochwettbewerb von Kindern. Zuerst bei BBC One gezeigt, haben mittlerweile auch Frankreich, Schweden, Australien, die USA oder Italien das Format adaptiert. Denn Acht- bis 13-Jährige kochen so gut wie Große. In der US-amerikanischen Variante mussten sie ihre Kreationen einmal vor dem schottischen Starkoch Gordon Ramsay präsentieren. „Meine Palette ist sehr sophisticated“, erzählte ein Achtjähriger, der für ein eigenes Restaurant sparen will.

„Ein Gewinn aus der Food-Versessenheit der Massen Amerikas“, schreibt das Time Magazine über die Sendung, „es gibt da draußen offenbar eine Menge von Kindern mit mehr kulinarischem Wissen als ganze Generationen Erwachsener vor ihnen.“ Die Kinder schmoren in „Junior MasterChef“ Tintenfisch, machen Pastateig selbst, den sie mühelos kneten, ausrollen, schneiden und auf den Punkt kochen.

Sie bereiten in weniger als einer Stunde selbst ausgedachte Gerichte zu, zum Beispiel Loup de mer in Mandelkruste mit Knoblauch-Spinat und gerösteten Baby-Auberginen an einer Curry-Joghurt-Soße. Na dann, dachte ich beim Gucken, die Schonzeit ist abgelaufen, Kinder. Ran an die Buletten!

Geteiltes Leid...

Ich musste sie eigentlich gar nicht lange bitten. Sie machen gerne mit beim Kochen. Ein paar Sachen, die wir schon mehrmals zubereitet haben, können sie mittlerweile fast alleine. Sie rühren Pfannkuchenteig, schnippeln Äpfel oder das Gemüse für eine Minestrone, sie machen Bratäpfel mit Rosinen und Zimtsahne, kneten Lebkuchenteig, pürieren Kartoffeln oder schneiden die dicken Strünke der Wirsingblätter heraus, allerdings mit ihrer Bastelschere. Das Essen kommt so zwar nicht schneller auf den Tisch, aber das wird schon noch.

An ihren gastgeberischen Fähigkeiten müssen sie aber wirklich noch feilen. Vor Kurzem trafen wir den Nachbarn im Treppenhaus: „Ich lade dich zum Essen ein“, sagte das Kind. „Dann lege ich eine Tischdecke auf, stelle ein Glas hin und falte dir eine Serviette.“ „Oh, wie nett!“, sagte der Nachbar entzückt. „Und auf deinen Teller“, fuhr das Kind fort, „lege ich dann eine Kackwurst!“