Künstlerische Darstellung einer Explosion zweier Neutronensterne, deren Resultat Gravitationswellen sind.
L. Calçada/M. Kornmesser/European Southern Observatory/dpa

1975 ist Heiner Müller in den USA und wird nach seinen Eindrücken befragt. Bevor er sehr ausführlich darauf antwortet, erklärt er, er werde in drei Jahren „viel besser wissen, was ich jetzt gesehen habe und sehe“. Eine völlig korrekte Beobachtung, die uns helfen sollte, Reportagen richtig zu lesen. Aber natürlich gilt auch: Eine Beobachtung ist nicht schon darum besser, weil sie sehr viel Zeit hatte, von unserem Gehirn verarbeitet zu werden. Vielleicht ist es unserem Gehirn ja geglückt, das verblüffend Neue des ersten Eindrucks aufzulösen ins Altvertraute. Oder aber es wirft einfach alles zu allem, rührt es herum, und es entsteht jenes Chaos, aus dem es kaum noch ein Entkommen gibt.

Am 31. August vor fünf Jahren erklärte Angela Merkel angesichts der nach Europa, nach Deutschland strebenden Flüchtlingsströme: „Wir schaffen das.“ Sie wurde verehrt für diesen Satz wie selten in ihrer Kanzlerschaft, und sie wurde gehasst dafür wie nie. Daran ist in den vergangenen Tagen viel erinnert worden. Weniger in Erinnerung ist, dass kurz darauf, nämlich am 14. September 2015, das erste Mal der direkte Nachweis von Gravitationswellen gelang. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Und die Nachricht von den Gravitationswellen erreichte uns mit einer wohl in der Natur der Sache liegenden Verzögerung. Aber jetzt, fünf Jahre später, liegen die Jahrestage nah beieinander. Und es kann zusammenwachsen, was zusammengehört. Oder auch gerade nicht. Zu den Tätigkeiten unseres Gehirns gehört schließlich das Assoziieren. Im Folgenden werde ich ein wenig assoziieren, was nicht zusammengehört, was sich aber in meinem Kopf verführerisch leicht zusammenfügt.

Es gibt eine Reihe von Ursachen für die Entstehung von Flüchtlingsströmen. Da ist der Klimawandel: Aus Savannen werden Wüsten. Termiten, Blattläuse, Herbst-Heerwürmer befallen zum Beispiel Holzhäuser, Nutzpflanzen und Maisfelder. Kriege, also die Auseinandersetzungen zweier Staaten, oder Bürgerkriege, in denen Menschenmassen einander gegenüberstehen, führen oft dazu, dass Teile der bedrohten Bevölkerung sich in Bewegung setzen und andere Weidegründe oder Felder suchen. Es gibt auch Nomaden, die aus sehr unterschiedlichen Gründen mit einem Male sich zu Riesenheeren zusammenschließen und über die städtischen Zivilisationen in der Nähe oder auch Tausende Kilometer entfernt herfallen.

Am 11. Februar 2016 wurden wir daran erinnert: Große Massen stauchen oder dehnen die Raumzeit. Uns wurde mitgeteilt, dass am 14. September 2015, das „beobachtet“ worden war. Also einhundert Jahre nachdem Albert Einstein in der Allgemeinen Relativitätstheorie erklärt hatte, dass beim Aufeinandertreffen großer Massen ein Teil der dabei entfesselten Energie als Gravitationswelle den Kosmos durchströmen werde. Freilich glaubte Einstein nicht daran, dass man die jemals würde nachweisen können. Die Instrumente würden wohl niemals empfindlich genug dafür sein. Heute weiß man: Selbst Gravitationswellen, die durch ein heftiges Ereignis in unserer Nachbarschaft erzeugt werden, wie etwa einer Supernova-Explosion in der Milchstraße, ändern den Abstand zwischen Erde und Sonne lediglich um den Durchmesser eines Wasserstoffatoms – und das nur für einige tausendstel Sekunden.

Am 14. September 2015 hatten die beiden LIGO-Observatorien in Hanford (Washington) und in Livingston (Louisiana) zeitversetzt dasselbe Signal registriert. Es dauerte weniger als eine halbe Sekunde. Seine genaue Analyse ergab, dass es von zwei Schwarzen Löchern mit 29 und 36 Sonnenmassen stammte, die rund 1,3 Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt verschmolzen waren. Das dabei neu entstandene Schwarze Loch hatte die Masse von 62 Sonnen – bei der Verschmelzung wurden drei Sonnenmassen in Gravitationswellen umgewandelt.

Als ich damals vom Zusammenstoß der massereichen Schwarzen Löcher las, von den durchs Weltall flüchtenden drei Sonnenmassen, waren die Zeitungen noch voll mit Reportagen über die vor dem Bürgerkrieg fliehenden Syrer, die entweder über das Mittelmeer oder über die sogenannte Westbalkanroute nach Europa zu kommen versuchten. Über die Ursachen der Migration wurde viel geschrieben. Dabei genügte ein Blick auf die Lage ihrer Heimat, und man verstand kaum noch, warum irgendjemand dortblieb. Die Zeitungen waren auch voll mit dem Streit darüber, ob man die Flüchtlinge aufnehmen, sie retten sollte vor dem Verderben. Oder ob es nicht klüger wäre, den eigenen Reichtum zu schützen vor den gierigen Habenichtsen. Wer wenig hatte, fürchtete, das Wenige mit noch mehr Menschen teilen zu müssen. Wer viel hatte, hatte es womöglich, weil er schon prinzipiell nicht gern teilte. Dazu kam der Islamische Staat, eine weitere in Syrien und Irak scheinbar unaufhaltsam zunehmende Masse. Das 21. Jahrhundert hatte begonnen mit der islamistischen Kriegserklärung gegen das World Trade Center, und sein zweites Jahrzehnt erlebte die Errichtung eines Kalifats. Je größer es wurde, desto mehr Anhänger bekam es und desto mehr Menschen flohen vor ihm. 2017 wurde der Islamische Staat zertrümmert. Neue, andere Flüchtlinge.

Die Physiker erzählten uns damals: Nichts könne Gravitationswellen aufhalten. Sie durchdrängen alles. Man spürte sie nicht. Sie nähmen nicht zu, nähmen nichts mit von unterwegs, vermischten sich nicht mit anderen, nicht einmal mit anderen Gravitationswellen. Jede hat nur einen Ursprung, keine eine Geschichte. Eine ganz unwahrscheinliche Erscheinung. Vielleicht bringt die Lichtgeschwindigkeit das so mit sich. Aber vergessen wir nicht: Wir kennen sie noch kaum, die Gravitationswellen. Sie sind ja nicht nur etwas, das wir untersuchen, wie wir das Licht untersuchen, sondern sie sind – wie auch das Licht mit Fernrohr und Mikroskop – auch ein Instrument, das uns bisher verschlossene Welten zeigen wird.

Ich dachte damals auch an den Historiker Götz Aly. Er ist der Nachkomme eines erbeuteten Türken, der den Vornamen Friedrich bekam. 143 Jahre lang war Ofen, das heutige Budapest, in osmanischem Besitz gewesen. Im Jahre 1686 wurde Ofen nach langer Belagerung durch die „Heilige Allianz“ – auch das „Welten im Zusammenstoß“ – wieder zurückerobert. Dreitausend Türken wurden bei der „Befreiung“ umgebracht. Zu den Überlebenden gehörte Götz Alys Ahnherr. General von Beyfus schenkte den erbeuteten Mann der späteren Königin Sophie Charlotte von Hannover, Kurfürstin von Brandenburg, Königin in Preußen (1668–1705). Sie machte ihn zu einem ihrer „Kammertürken“. 2014 trafen sich 102 seiner Nachkommen in Berlin. Götz Aly erklärte damals: „Ich bin einfach ein pottnormaler Deutscher mit einem komischen Namen.“ So etwas wird man niemals von einer Gravitationswelle sagen können. Geschweige denn, dass sie es von sich täte.

Es gibt einen Band mit kurzen Erzählungen von Fritz Mauthner aus dem Jahre 1896, erschienen in der Cotta’schen Buchhandlung in Stuttgart. Er trägt den Titel „Aus dem Märchenbuch der Wahrheit“. Ihm ist der folgende Text vorangestellt, mit dem ich meine kurzschlussreiche Assoziationskette beschließen möchte: „Die dunkle Sehnsucht wollte zu ihrer lieben Schwester, der hellen Wahrheit. Durch alle Himmel war die Sehnsucht geflogen auf weitgespreizten Fittichen, durch alle Meere war sie geschwommen bei Sturm und Wetter, durch alle Spalten der Berge war sie geschlüpft in Dunkel und Not; den Tod nicht scheute die dunkle Sehnsucht um die liebe helle Wahrheit. Es kam die heilig lachende Stunde des Glücks. Es leuchtete aus selig ernsten Augen, es schimmerte duftend rosig wie Pfirsichblütenglanz, es flüsterte wie Engelston von suchenden Lippen. Die Sehnsucht hatte die Wahrheit aufgefunden. Alle Sprachen der Menschenerde hatte die Sehnsucht geübt, ihre Schwester zu grüßen und zu fragen. Aber – ach! – die Wahrheit redete anders als irgendeine Sprache der Erde. Da verstummte die dunkle Sehnsucht; sie nickte traurig und wollte der Wahrheit ihr Teuerstes schenken, ihr liebstes Kind, den kleinen Glauben, auf dass die Wahrheit ihn lehrte und ihn dereinst reich machte mit den Rätselworten ihrer gar anderen Sprache. Eine Weile trug die Wahrheit den Glauben auf ihrem Arm, wie eine gemalte Madonna den Knaben. Bald aber schüttelte sie lächelnd das helle Haupt und reichte das Kind zurück. Bescheiden zuckte sie leicht mit den herrlichen Schultern, als wollte sie sagen: ‚Die arme Wahrheit hat leere Hände.‘ Dann gab sie dem Knaben, was sie besaß: ihre Märchen von der Welt; und weil er sie nicht verstanden hätte in den Rätselworten ihrer Sprache, darum war es ein Märchenbuch in Bildern. Ängstlich nahm der Knabe das Buch; später erst, als er allein laufen gelernt hatte und auch schon allein lesen konnte, da schritt er einsam durch die Welt neben der dunkeln Sehnsucht, und da erblickte er wieder in der stillen Natur und im geschäftigen Menschentreiben das Märchenbuch der Wahrheit.“