Vielleicht sind bald sogar Mundschutze mit Zigarettenöffnungen im Angebot?
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BerlinJa, womöglich wird das hier jetzt etwas geschmacklos. Andererseits ist die Meinungsfreiheit ein bislang noch unangetastetes Grundrecht, insofern sollte man sich schnell noch daran erfreuen. Also mutig voran, vielleicht noch mit diesem kleinen Sicherheitshaken vorab: Ich habe nicht die Absicht, die gesundheitlichen Folgen von Covid 19 zu verharmlosen. Und ich gebe mein Wort, dass auch ich ordentlich Abstand halte und bisher alle Maßnahmen befolge.

Sowieso bin ich ein gesetzestreuer Mensch und traue mich nicht einmal, anonym etwas zu posten, weil ich mir sicher bin, sofort entdeckt zu werden. Aber was ich tun werde, wenn der Aufenthalt in einer Wohnung, die nicht meine eigene ist, zur bußgeldfähigen Ordnungswidrigkeit geworden ist, weiß ich nicht. Darf man dann nicht mehr seine erwachsene Tochter besuchen, ohne dass der Staat daran verdient? Natürlich: ohne Kläger keine Beklagten, aber die Blockwartsmentalität hat in Deutschland überwintert, da bin ich unbesorgt.

Da fiel mir plötzlich dieser Mittsiebziger auf, der sich aus dem Fenster lehnte

Der Moment, in dem das erstmals diskutiert wurde, war tatsächlich der eine Tropfen, der mich von einer skeptischen zu einer zornigen Person gemacht hat. Im Zorn wird man, Sie wissen das, kleinlich. Und da fiel mir etwa auf, während ich in der bis zur nächsten Ecke reichenden Schlange vor Edeka stand, wie ein Vertreter der Risikogruppe, die wir alle durch Mundschutz und erzwungenen Müßiggang davor bewahren wollen, sich mit Covid 19 zu infizieren, wie sich also ein Mittsiebziger freundlich interessiert aus dem Fenster seiner Erdgeschosswohnung hinauslehnte und rauchte.

Ich habe auch mal geraucht, ich will ihm keinen Vorwurf machen. Aber ich hatte auch mal Reisepläne für Ostern, und wir waren Doppelverdiener zu Hause und treffen uns gern mit Freunden. Ich bin nicht ausgebildet, die gesundheitliche Gefährdung durch Covid 19 zu beurteilen oder abzuschätzen, ob die zur Stunde (Mittwochabend) 859 mit Corona infizierten Verstorbenen in Deutschland auf einen Wirbelsturm verweisen, der auf uns zukommt, oder nicht.

Aber die Statistiken (de.statista.com, krebsdaten.de) sagen, dass in Deutschland im Jahr 2017 im Durchschnitt 2555 Menschen am Tag gestorben sind, 187 davon an Atemwegserkrankungen und weitere 126 an Lungenkrebs. 313 also. Einige Jahre zuvor, 2013, wurden insgesamt 121.000 Tode als Folge des Rauchens diagnostiziert (krebsgesellschaft.de), und die jährlich durch Rauchen verursachten Krankheitskosten belaufen sich auf rund 20 Milliarden Euro (de.statista.com). Trotzdem wurde das Rauchen bisher nicht verboten, ja nicht einmal als Volksbedrohung thematisiert, sieht man von dem Warnhinweis ab, der zur Geschäftsidee mit den Schachtelhüllen geführt hat.

Unterhosen bekomme ich nicht zu kaufen. Aber Zigaretten.

Und auch jetzt ist es, siehe oben, nicht verboten. Unterhosen kann ich mir derzeit nirgendwo vor Ort kaufen. Zigaretten schon. Die politisch beschlossenen Freiheitsbeschränkungen werfen die finanzielle Existenz von Menschen in die Waagschale, führen dazu, dass Kinder aus instabilen Familienverhältnissen die Sicherheit und das warme Essen der Schule oder des Kindergartens verlieren, dass Einsamkeit und häusliche Gewalt zunehmen – aber es darf weiter öffentlich geraucht werden. Vielleicht sind bald sogar Mundschutze mit Zigarettenöffnungen im Angebot. Ist das konsistent? Ist das eine Politik, der man vertrauen kann? Geht es zur Zeit wirklich um die Volksgesundheit? Um welchen Aspekt davon genau?

Ja, Sie haben Recht: sich aufzuregen ist auch ungesund. Nicht ganz so ungesund wie Angst allerdings, aber das nur nebenbei. Ich konzentriere mich also auf ein Ziel. Und das wäre etwa, dass die Hygienestandards hierzulande steigen, dass Klinkenputzen und Händewaschen in Vaterunser-Länge normal werden, dass der Quadratmeterschlüssel für die Personenbelegung im öffentlichen Raum überdacht wird, Atemmasken in der Erkältungszeit zum Must-have avancieren, öffentliches Rauchen verboten ist – und wir ansonsten unser Leben wiederbekommen.

Die 23 Prozent Süchtigen unter Ihnen werden mich jetzt hassen. Aber das halte ich im Augenblick für das nicht nur zahlenmäßig geringere Problem.