Bundeskanzlerin Angela Merkel und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (beide CDU) bei einer Pressekonferenz im Ständehaus in Düsseldorf. Im Hintergrund das Kunstwerk „in orbit“ von Tomás Saraceno.
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DüsseldorfNein, ein Schloss war es nicht. Nicht mal ein Herrenhaus. Nicht, dass es in Nordrhein-Westfalen nicht auch Schlösser gäbe. Aber Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident und – wenn es nach ihm geht – zukünftiger CDU-Kanzlerkandidat, hat gar nicht erst versucht, mit seinem Amtskollegen aus Bayern in dieser Disziplin zu konkurrieren. Die Kabinettssitzung, bei der Angela Merkel Bayerns Ministerpräsident Markus Söder Mitte Juli einen Besuch abstattete, fand in der prunkvollen Spiegelgalerie des Neuen Schlosses auf der Insel Herrenchiemsee statt, das sich „Märchenkönig“ Ludwig II. dereinst als verkleinerte Versailles-Version erbauen ließ. Vorgefahren waren Söder und Merkel mit der Pferdekutsche – nach einer Bootsfahrt über den See.

Armin Laschet können sich Umfragen zufolge derzeit nur knapp neun Prozent der Bundesbürger als Kanzler vorstellen. Um aus diesem Tief herauszukommen, braucht es mehr als eine Märchenprinz-Inszenierung.

Laschet ging am Dienstag den umgekehrten Weg und wählte für seine Einladung eine deutlich nüchternere Kulisse. Der erste dokumentierte Besuch einer Kanzlerin bei einer Kabinettssitzung der NRW-Landesregierung sollte einen ganz anderen Anstrich haben: wenig Pomp, viel Politik.

„Es war ein Arbeitstreffen“, betonte der Ministerpräsident denn auch bei der Pressekonferenz am Dienstagnachmittag an einem Ort, der durchaus mit Bedacht gewählt war. Geladen hatte Laschet ins Herz der Landeshauptstadt, ins Düsseldorfer Ständehaus am Kaiserteich, von 1949 bis 1988 Tagungsort des NRW-Landtags, heute Ausstellungsgebäude der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen für die Abteilung Zeitgenössische Kunst.

Unter dem gläsernen Dach, nur wenige Meter entfernt von „in orbit“, dem schwebenden Werk aus Stahlnetzen und -kugeln des argentinischen Künstlers Tomás Saraceno, ließ sich schon nonverbal gut ein Image übermitteln, das in den letzten Monaten nicht mehr so recht ankommen wollte: Das Image von einem, der den Laden (und sein Land) im Griff hat und in die Zukunft führen will.

Während Markus Söder sich mit seiner strikten Corona-Politik im Sinne der Bundesregierung als souveräne Führungspersönlichkeit inszenierte, kämpfte der Kollege aus NRW mit immer neuen Hiobsbotschaften. Regelmäßig tauchten in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland neue Corona-Hotspots auf, zu den Infektionszahlen kamen die Skandale um die Arbeitsbedingungen bei Tönnies und anderen Fleischfabrikanten. Und Laschet, der als einer der Lautesten nach Lockerungen gerufen hatte, musste regionale Lockdowns verordnen und sich vorwerfen lassen, zu schnell zu viel gewollt zu haben.

Den Konkurrenten aus dem Süden, der gleichwohl immer beteuerte, sein Platz sei in Bayern, schien man in der Union gedanklich schon auf den Thron des Kronprinzen gehoben zu haben.

Dass auch Söder nicht alles im Griff hat, zeigte sich erst vor wenigen Tagen. Da fuhr der Bayerische Landesvater seine eigene vollmundig ausgerufene Teststrategie vor die Wand: Mehr als 300 positiv auf das Coronavirus getestete Personen wurden zunächst nicht informiert.

Ob Laschet von Söders Patzer profitieren kann, bleibt abzuwarten. Am Dienstag jedenfalls vermied der Aachener es tunlichst, seinen Rivalen aus Bayern zu kritisieren. Die Botschaft statt dessen: Wir arbeiten an der Zukunft. Nordrhein-Westfalen als Industriebundesland, dem es gelingen soll, die Energiewende voranzutreiben. NRW, das sich explizit gegen die Nationalstaatlichkeit gestellt hat, in die so manches europäische Land angesichts der Corona-Krise zurückgefallen ist. NRW, das mit der Ruhr-Konferenz, die man am Abend noch gemeinsam in Essen besuchen will, die Zukunft des vom Kohleabschied der letzten Jahrzehnte gebeutelten Ruhrgebiets voranzubringen plant.

Und die Kanzlerin? Zuletzt schien ihr Verhältnis zu Laschet, der lange als würdiger Erbe der Merkel-Politik in der CDU galt, in der Corona-Pandemie einen leichten Knacks bekommen zu haben. Es kann Merkel nicht gefallen haben, dass ihr treuer Gefolgsmann in den letzten Monaten aus der Reihe tanzte, indem er die Beschlüsse der Bundesregierung zu den Corona-Maßnahmen als zu strikt kritisierte.

Davon ist in Düsseldorf an diesem Nachmittag nichts zu spüren. Gleich mehrmals dankt Merkel Laschet für die Einladung und die Unterstützung auf EU-Ebene aus einem Bundesland, das die Kanzlerin schon aufgrund seiner Grenzlage zu Belgien und den Niederlanden als „Europaland“ bezeichnet.

Aus dem Poker um ihre Nachfolge, das hatte Merkel zuletzt immer wieder deutlich gemacht, will sie sich heraushalten. Es sei „die freie Entscheidung der CDU“, wen sie zu ihrem Vorsitzenden – und damit zum potenziellen Kanzlerkandidaten – wähle, sagt Merkel auch in Düsseldorf auf die Frage, ob sie ihren heutigen Gastgeber denn für kanzlerfähig hält.

Und wagt sich dann doch ein wenig vor. „Als Ministerpräsident des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, in dem er eine effizient arbeitende Koalition führt, bringt Armin Laschet viele Qualifikationen mit“, sagt Merkel. „Das ist ein Rüstzeug, das durchaus Gewicht hat.“

Mehr sagt sie nicht dazu und hat doch schon so viel gesagt, wie sie kann, ohne die selbstverordnete Neutralität aufzugeben. Ohnehin braucht sie nicht nur Worte, man merkt es ihr an: Ein Arbeitstreffen, als das Laschet die Einladung bezeichnet hat, entspricht Merkels Naturell. Die Kanzlerin, das sieht man, braucht keine Kutschfahrten und auch kein Schloss, ein historischer Ort des Parlamentarismus gepaart mit moderner Kunst als Zeichen des Aufbruchs sind ihr Symbole genug. Da ist sie ganz nüchterne Norddeutsche.

Und bleibt trotzdem immer ganz Diplomatin. „Glücklicherweise bin ich ein Mensch, der sich an vielen Dingen freuen kann“, sagt Merkel am Ende der Pressekonferenz auf die Frage eines Journalisten, ob sie sich denn angemessen willkommen geheißen gefühlt habe. „Ich kann mich an Kutschfahrten genauso erfreuen wie an der Teilnahme einer Kabinettssitzung an historischer Stelle.“ Da strahlt Armin Laschet sogar ein bisschen. Und nicht nur er glaubt der Kanzlerin, was sie da sagt.