Proteste gegen Diskriminierung und Stigmatisierung von Prostituierten und Sexarbeiterinnen anlässlich des Internationalen Hurentags am 2. Juni in Berlin. 
Foto: Berliner Zeitung/Christian Schulz

BerlinJohanna Weber ist Mitgründerin des Berufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) e.V. und dort politische Sprecherin und Finanzvorständin. Der Politik wirft sie vor, es mit den Hilfen für Prostituierte nicht ernst genug zu meinen – nicht nur in der Corona-Krise.

Frau Weber, wir geht es Ihnen nach zweieinhalb Monaten Berufsverbot?

Für mich ist es nicht ganz so extrem, ich habe geringe Lebenshaltungskosten und ein paar Rücklagen. Das Problem ist jetzt, dass wir keinen Termin haben, wann es wieder losgeht. Viele von uns haben das Gefühl, wir werden vergessen.

Haben Sie auch die Corona-Soforthilfe erhalten?

Ja, und wir finden es sehr gut, dass wir da tatsächlich ganz normal behandelt werden wie andere Soloselbstständige auch. Das ist für uns erst mal eine positive Erfahrung in Richtung Normalität. Aber mit der Hilfe können wir gar nicht viel anfangen.

Inwiefern?

Die meisten von uns haben ja eine Gewerbemiete oder andere Sachkosten, die sie ansetzen könnten. Für Lebenshaltungskosten sind die Hilfen aber nicht gedacht. Wir haben aber auch ganz viele Kolleginnen, die von der Hand in den Mund leben. Sie haben oft gar keinen festen Wohnsitz, keine Meldeadresse und bekomme also auch keine staatlichen Hilfen.

Wo leben die dann?

Oft leben sie wirklich auf der Straße, viele auch bei Freunden oder haben im Bordell übernachtet, sind viel von einer Stadt in die andere gereist. Für die ist die Situation jetzt total schwierig, denn sie haben in der Regel kein Geld gespart. Die arbeiten jetzt weiter. Das müssen sie ja. Aber das ist natürlich überhaupt nicht im Sinne der Pandemie-Eindämmung.

Den Politikern geht es eigentlich nicht darum, uns zu helfen. Es geht ihnen darum, die Prostitution abzuschaffen.

Die Bordelle sind zu, wo arbeiten die Frauen jetzt?

Das ist gar nicht so schwierig. Die arbeiten entweder auf der Straße oder machen Haus- oder Hotelbesuche. Manchmal mieten sie sich auch ein Hotelzimmer. Die Anzeigenportale im Internet sind ja alle noch geöffnet. Anzeigen dürfen sie ja machen, das ist nicht verboten. Wir brauchen jetzt aber alle eine Perspektive, wie es weitergeht.

Vielleicht ist dabei auch ein bisschen die Hoffnung verbunden, dass sich die Frauen anderweitig orientieren? Es gibt jetzt ja wieder eine Initiative für ein Verbot von Sexarbeit, die einige Bundestagsabgeordnete ins Leben gerufen haben.

Die kennen wir natürlich alle. Grundsätzlich ist es so: Es gibt in unserer Branche eine Reihe von Frauen, Männern und Transpersonen, die nicht gut mit dieser Arbeit umgehen können und die sicherlich was anderes machen sollten. Es fehlen da aber oft die alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten. Das ist nämlich gar nicht so leicht und kostet vor allem unglaublich viel Geld.

Foto: BesD e.V. 
Zur Person

Johanna Weber (52) begann als 25-Jährige mit der Sexarbeit. Nach einer Karriere im Marketing ist sie heute hauptberuflich als Sexarbeiterin tätig. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen betreibt sie das Studio Lux in Berlin. Beim BesD sind ihre Themengebiete vor allem die Politik und die Gesetze rund um Sexarbeit.

Sie sind also auch für Ausstiegshilfen?

Ja, aber wir brauchen dafür kein nordisches Modell. Es wird ja immer gesagt, wenn wir dieses schwedische Modell haben, wo die Kunden bestraft werden und die Frauen nicht, dann kommen sie eher auf die Idee, auszusteigen. Aber die Situation jetzt in der Pandemie zeigt doch genau, wie Verbote wirken. Wer darauf angewiesen ist, arbeitet weiter. Es wirkt sich also genau auf die falschen aus. Da sind wir dann aber ganz schnell beim Thema „Einwanderung in das deutsche Sozialsystem“. Denn es sind ganz oft Migrantinnen, die von dieser Problematik betroffen sind. Dann aber verhalten sich die Politiker, die sich sonst aufregen, plötzlich ganz ruhig.

Wie meinen Sie das?

Es gibt zum Beispiel Roma-Frauen, die aus Bulgarien hierherkommen und auf dem Straßenstrich arbeiten. Wenn wir für die Alternativen anbieten wollen, dann heißt es aber erst mal, dass sie sich orientieren können. Da muss man ja ganz niedrigschwellig anfangen. Und dazu brauchen wir dann erst mal ein überbrückendes Geld vom Staat.

Ein schwieriges Thema.

Ich finde nicht. Wenn man das konsequent so machen will, dann müssen wir auch das Geld ausgeben, für bulgarische und rumänische junge Frauen, die hierher kommen, weil sie zu Hause keine Perspektive sehen. Aber so genau ins Detail gehen die Politiker dann nicht. Den eigentlich geht es ihnen nicht darum, uns zu helfen. Es geht ihnen darum, die Prostitution abzuschaffen. Weil sie ein Problem mit unserem Beruf haben.

Das aktuelle Prostituiertenschutzgesetz halte ich für völlig verfehlt.

Seit wann üben Sie ihn aus und unter welchen Umständen?

Ich bin jetzt 52 Jahre alt und habe angefangen, da war ich 25. Damals war das alles noch sittenwidrig. Ich habe damals schon alleine gearbeitet, ohne Zuhälter. Das war selten, aber es ging.

Waren Sie auf der Straße?

Nein, das ist nichts für mich. Ich habe im Wohnungsbordell gearbeitet. Ich habe Anzeigen in Zeitungen geschaltet, dann haben die Kunden angerufen. Das waren super Arbeitsplätze damals in den Wohnungsbordellen. Ich habe das vier Jahre gemacht und danach zehn, elf Jahre etwas anderes, im Marketing-Bereich. Dann habe ich mit vierzig wieder in der Prostitution angefangen.

Was war der Grund?

Ich war im Marketing in einer Führungsposition angekommen und habe mich mit vierzig einfach gefragt, was ich da eigentlich tue. So eine typische Frage, die man sich um die 40 so stellt. Und dann habe ich festgestellt, dass das, was ich im Puff gemacht hatte, eigentlich viel cooler war. Dann habe ich alles hingeschmissen. Ich arbeite jetzt als, ich nenne es jetzt mal, berührbare Domina und habe diese Entscheidung nicht einen Tag bereut.

Was ist eine berührbare Domina?

Ich habe nach wie vor Sex mit meinen Kunden, aber in einem anderen Setting, über Rollenspiele. Ich arbeite meist in Berlin, aber auch in Hamburg und in München. Also im Moment arbeite ich gar nicht, aber dann, wenn es wieder losgeht.

Wie machen Sie das mit dem Equipment?

Ich habe einen Riesenkoffer mit, weil die Studios, in denen wir arbeiten, meist sehr schlecht ausgestattet sind. Die meisten schaffen sich da nichts an, weil ohnehin alles geklaut wird. Also hat man seine eigenen Sachen dabei. Die Profis, die viel reisen, die haben alle ihren Koffer. Sachen für 1000, 1500 Euro schleppen wir da schon immer mit. Das kann man aber von der Steuer absetzen.

Wie sind Sie denn mit der Gesetzeslage in Deutschland zufrieden?

Also grundsätzlich finde ich es sehr begrüßenswert, dass die Prostitution in Deutschland legal ist und ich möchte auch, dass es so bleibt. Das aktuelle Prostituiertenschutzgesetz halte ich für völlig verfehlt. Das Prostitutionsgesetz, das 2002 kam, hatte zum Ziel, mehr Normalität in unseren Job zu bringen und dafür zu sorgen, dass das Stigma abgebaut wird. Das neue Gesetz hat genau das Gegenteil bewirkt.

Inwiefern?

Wir haben jetzt alle einen sogenannten Hurenausweis. Den muss ich nicht immer dabeihaben, aber zur Arbeit mitnehmen. Da ich aber in Deutschland viel herumreise, steckt er natürlich in meinem Geldbeutel. In diesem Ausweis steht ein Künstlername, aber mein Foto. Ganz toll. Allein dieser Ausweis gibt vielen das Gefühl, jetzt bin ich gebrandmarkt. Schlecht. Aussätzig. Es haben sich nur 35.000 Kolleginnen in Deutschland angemeldet, das ist vielleicht ein Viertel aller Prostituierten. Es haben sich nur die gemeldet, die in Bordellen, Massagesalons oder in Studios arbeiten, denn da sind die Betreiber verpflichtet, unsere Ausweise zu kontrollieren.