Berlin - Ich wäre lieber zum Wandern nach Thüringen gefahren, es hätten nicht das Anaga-Gebirge und die Küsten von Teneriffa sein müssen. Das war reine Notwehr – in ganz Deutschland ist schließlich jedes Hotel und jede Ferienwohnung geschlossen. Aber irgendwann musste ich einfach raus aus dem Haus. Musste den bleiernen Wiederholungen, der fehlenden Aussicht auf Höhepunkte, dem endlosen Winter entfliehen.

Ohne unsere Nachbarn, die schon im Dezember von ihrem Kanaren-Abenteuer schwärmten, hätte ich von dieser Möglichkeit vielleicht nicht mal Notiz genommen. Wäre erst jetzt, nach Rücknahme der Mallorca-Reisewarnung, in den kollektiven Urlaubstaumel eingefallen. Doch mir hatte schon Ende Februar eine agile Reiseverkäuferin am Telefon geraten: Buchen Sie! Lassen Sie sich nicht irritieren von dem Begriff Reisewarnung, die ist doch kein Verbot! Sie weist nur auf Gefahren hin. Aber ehrlich, die Ansteckungsrisiken sind auf den sommerlichen Inseln geringer als bei uns im nasskalten Deutschland. Fahren Sie manchmal S-Bahn? Na bitte. Auf den Inseln geht es viel entspannter zu, so wenige Touristen, wie da sind.

Buchung sicherheitshalber pauschal mit Flug, Hotel und Halbpension

Mein skeptischer Ehemann muss überredet werden: Alles sei doch besser, als sich von depressiven Wolken niederringen zu lassen, oder? Oh ja, bei dieser Aussicht macht er kein Theater, anhaltenden Trübsinn schätzt er gar nicht. Als die Sieben-Tage-Corona-Inzidenz auf Teneriffa auf 46 fällt – der ADAC betreibt dafür ein zuverlässiges Portal – , die Reisepreise im Gegenzug um ein paar Hundert Euro nach oben schnellen, buche ich kurz entschlossen eine Reise, wie aus Sicherheitsgründen empfohlen pauschal mit Flug, Hotel und Halbpension. Dazu eine separate Corona-Krankenversicherung. Was soll noch schiefgehen?

Tags darauf höre ich einen Podcast über die Gefahren des Reisens in Corona-Zeiten. Der Experte sagt, man möge sich bitte nur mal vorstellen, das Virus in seiner neuen tückischen und ansteckenderen Variante erwische einen trotz Vorsicht, was denn dann? Der Erkrankte dürfe dann keinesfalls ein Flugzeug mehr besteigen und sei angewiesen auf die medizinischen Gegebenheiten des Urlaubslandes. Kenne der Reisende die Intensivbetten-Kapazitäten auf den spanischen Inseln wirklich so genau? Keine Versicherung der Welt werde die hohen Flugkosten eines Krankentransports nach Hause tragen.

Foto: Herbert Schulze
Unsere Autorin Birgit Walter auf Teneriffa.

Was geht vor? Gesundheit oder Vergnügen?

Die Mahnung frisst sich in mir fest. Vor dem inneren Auge baut sich mein Grabstein auf, davor eine Trauergemeinde, die sich zuflüstert: Selber schuld, so viel Unvernunft aber auch. Wie bei Kettenrauchern, die einem Lungenleiden erliegen. Ich rufe eine Freundin an. Sie erklärt spitz, dass ihr ihre Gesundheit wichtiger sei als ein zweifelhaftes Urlaubsvergnügen. Die Tochter fragt nach, ob ihre Eltern das Fliegen nicht eigentlich lassen wollten. Karl Lauterbach, der immer recht behält, malt plastisch Höhepunkte der dritten Welle aus.

Ich bekomme Angst, versuche, die Reise zu stornieren. Tja, das gebe der Tarif nicht her, höre ich – zu kurzfristig. Eine Stornierung koste fast den gesamten Reisepreis. Der Ehemann hat das Geningel satt und sagt: Du wolltest weg, nun fahren wir.

Wir erzählen niemandem von der Reise

Nie hat eine Reise weniger Vorfreude bereitet. Wir erzählen lieber keinem mehr davon. Nur meinen Eltern, 89 und 90, muss die Flucht gebeichtet werden. In ihrem Heim in einer Art betreutem Wohnen sind sie der Pandemie viel rigoroser ausgeliefert als ich. Es gibt seit November keine Skatrunden mehr, keine Ausflüge, nichts. Statt des gemeinsamen Mittagessens, dem Tageshöhepunkt, kommt das Essen in Plastikverpackung an die Tür.

Einmal die Woche gehen wir zusammen an den See. Die beiden beklagen sich nie, obwohl sie doch gern noch ein bisschen vom Leben hätten. Aber sie sind immer noch nicht geimpft, können nicht weg. Da wissen sie ihre Kinder gern in der Nähe. Wir nehmen das schlechte Gewissen mit auf Reisen.

Im Flugzeug mehr Personal als Passagiere

Der neue Flughafen ist gespenstisch schlicht und leer, die Kontrollen dauern dreimal so lange wie früher, anscheinend gibt es mehr Personal als Passagiere. Im Flugzeug herrscht Maskenpflicht, nach ein paar Stunden durchaus unangenehm. Wir denken an die Pflegekräfte, für die der FFP2-Schutz zum Alltag gehört. Die Crew verkauft weder Speisen noch Getränke, es bleibt sehr still. Nur vor uns sitzt ein Paar, das sich verliebt an seinen frischen Hochzeitsfotos erbaut. Wenigstens diese beiden haben einen guten Grund zu verreisen.

Doch was soll ich sagen, auf der Gangway stellt es sich wie auf Knopfdruck doch noch ein, das Urlaubsgefühl – mit wohliger Nachmittagswärme, streichelnden Sonnenstrahlen, die Berge im Blick, und riecht es nicht sogar schon nach Meer? Das reinste Glücksversprechen.

Auf Teneriffa sind viele Orte brutal zugebaut wie überall in Spanien, aber in diesen Märztagen präsentiert sich der Massentourismus ohne Massen. Unser Hotel in Adeje kurz vor der Steilküste ist zu kaum 15 Prozent ausgebucht, die Strände bieten Platz ohne Ende, selten schwimmt jemand in einem Pool. Fußgänger und vorsichtige Radfahrer teilen sich die Promenade friedlich miteinander. Die Kellner schaffen es, mit den Augen zu lächeln, lassen nie ihre Maske verrutschen, bleiben immer aufmerksam – und sind die ganze Zeit unsere einzigen Kontakte.

Urlaub unter freiem Himmel

Natürlich kann man sich auf einer Sonneninsel besser isolieren als in einer Großstadt. Die Braven und Vorsichtigen, Leute wie wir, gehen zum Schlafen ins Hotelzimmer und verbringen die Tage, auch die Mahlzeiten, unter freiem Himmel. Wir haben den Eindruck, dass hier alles unerhört diszipliniert und pflichtbewusst zugeht, beobachten gerade mal einen kleinen Strandumtrunk. Zu welchen Partys sich dagegen die Hunderte von jungen coolen Surfern an der Playa de las Americas nächtens hinreißen lassen – das weiß niemand. Die neuen Corona-Ausbrüche soll es vor allem in Familien gegeben haben.

Man kann sicher streiten, wie sinnvoll das Tragen von Mund-Nasen-Schutz selbst beim Spazierengehen ist, aber in Spanien gehört es zu den Regeln, Klagen wiesen die Gerichte ab. Auch auf den engen Pfaden der sogenannten Höllenschlucht, begrenzter Zugang und nur mit Helm, ziehen bei Gegenverkehr alle die Masken hoch. Andere genauso schöne Wanderwege mit betörendem Ginsterduft haben wir fast für uns allein, aber hier soll keinem etwas vorgeschwärmt werden. Denn vor allem ist dieser himmlische Urlaub eine einzige schreiende Ungerechtigkeit.

Spanier vom Festland empfinden Urlaub wie unseren als Affront

Nicht nur denen gegenüber, die sich in Deutschland ordentlich an die Reise-Empfehlungen der Regierung halten oder im Homeoffice mit Kindern feststecken, von existenziellen Problemen nicht zu reden. Selbst Spanier vom Festland müssen Urlaub wie unseren als Affront begreifen: Sie selbst dürfen nicht auf ihre Inseln reisen, zumindest nicht in den zwei Wochen über Ostern. Da sollen sie sich nur in den heimischen autonomen Regionen bewegen, um Ansteckungen auf Familientreffen vorzubeugen. Himmel, was werden sie uns verfluchen, Deutsche und alle möglichen Europäer machen sich an ihren schönen Küsten breit, während sie daheim ausharren müssen.

Die Spanier befinden sich in einem Dilemma. Sie fürchten das Eintreffen der Touristen gleichermaßen wie ihr Ausbleiben. 15 Prozent der Wirtschaftsleistung hängen am Fremdenverkehr. Die Branche verdient normalerweise rund 70 Milliarden Euro im Jahr. Aber im vorigen Jahr sind die Zahlen auf das Niveau der 1970er-Jahre gestürzt: von 85 Millionen ausländischen Besuchern 2019 auf nur noch 20 Millionen. Und noch lasten die Folgen der schweren Immobilienkrise von 2008 auf dem Land.  Einige zugewachsene Bauruinen zeugen bis heute von dem Schock damals.

In diesem Frühjahr bleiben nicht nur auf Teneriffa Hunderte Hotels und Gaststätten wegen Gästemangels geschlossen. Andere halten ihren Betrieb aufrecht, um ihr langjähriges Personal nicht zu verlieren, Saisonkräfte gehen leer aus. Hunderttausende haben ihre Jobs verloren, das Kurzarbeitergeld soll im Mai auslaufen. Der spanische Mindestlohn beträgt 5,76 Euro. Die Preise in Supermärkten und Restaurants liegen überwiegend auf deutschem Niveau.

Armut auf den Kanaren durch die Pandemie

Als Touristen sehen wir nur die Fassade – die Promenade glänzt, wird täglich geputzt. Aber schon berichten einheimische Zeitungen von extremer Armut. Sehr hart traf die Krise übrigens die Mietwagenbranche, die sich gezwungen sah, einen Großteil ihrer Flotte stillzulegen und dann verlustreich zu verkaufen. Vielleicht führte das zu dem höchst unseriösen Versicherungsgebaren, das wir erleben mussten. 

Die spanischen Inseln versuchen sich nach Kräften vor der Ausbreitung des Virus zu schützen. Zu Ostern verschärfen sie die Ausgangssperren, schließen die Innenräume von Gaststätten, hoffen dringend für den Sommer auf die Einführung von EU-Impfpässen. Ohne negativen PCR-Test und eine Online-Anmeldung auf einem spanischen Gesundheitsportal, das bis zur Sitznummer im Flugzeug alles abfragt, reist ohnehin kein Fremder ein. Auch wir werden penibel kontrolliert.

Deutschland dagegen interessiert sich bis heute ganz offensichtlich gar nicht für ankommende Passagiere. Zu Weihnachten reisten Träger von Mutanten ungehindert aus London ein. Zehn Tage vor Ostern hätten wir wahrscheinlich fiebernd und schniefend am BER eintreffen können, ohne dass jemand davon Notiz genommen hätte.

Die Fluggesellschaft wies zwar auf eine Einreiseanmeldung hin, aber ob wir die nun digital, auf Papier oder gar nicht ausgefüllt hatten, danach fragte am Flughafen kein Mensch. Nicht mal Pässe musste man vorzeigen. So kann nicht mal theoretisch geprüft werden, ob sich jemand an die eigentlich verordnete Quarantäne hält. Erst ab 30. März hat der Gesundheitsminister endlich einen Corona-Test vor der Rückreise angeordnet. Schlampiger kann die Politik der Virus-Gefahr nicht begegnen.

Die Kanzlerin bittet alle, zu Hause zu bleiben

Zur harten Pandemie-Realität zählt dann ein Telefonat mit meiner alten Mutter: Wir haben wieder Corona im Heim, sollen die Wohnung nicht verlassen. Kein Besuch bitte! Was machen wir bloß mit dem 91. Geburtstag nächste Woche? Der wird noch ausfallen wie der 90.! Sie klingt rechtschaffen verzweifelt.

Dass es in Deutschland, das seit Januar impft, noch Ende März zu einem Corona-Ausbruch in einem Alten- und Pflegeheim kommen kann, ist tatsächlich ein spezieller Brandenburger Corona-Skandal. Berlin hat mit seiner stringenten Strategie die Heime wegen ihrer extremen Sterblichkeitsrate priorisiert, Anfang Februar waren alle durchgeimpft. Brandenburg dagegen brachte es fertig, seine Impfteams nur zu den stationären Bewohnern der Heime zu schicken, die Hochbetagten eine Etage höher dagegen ungeimpft zurückzulassen. Der Heimleiter stand Kopf. Jetzt kämpft sein Team gegen den zweiten Ausbruch.

Die Kanzlerin hat erneut inständig gebeten, zu Hause zu bleiben. Gerade liegen die Inzidenzen auf den Kanaren fast bei 70, auf den Balearen knapp unter 30, in Berlin trotz Lockdowns über 130. Kein Mensch bei Verstand wird bei diesen Zahlen besinnungsloses Reisen verteidigen. Schon klar, nach dem Urlaub steht mir eigentlich kein Urteil zu. Doch als Bürgerin, die trotzdem Pflichtgefühl, Disziplin und Verantwortung in der Pandemie zeigt, kann ich erwarten, dass diese Tugenden mindestens auch den Entscheidern in Politik und Verwaltung abverlangt werden.