Nach Israels Premierminister Netanjahu scheiterte auch der Herausforderer Gantz bei dem Versuch, eine Regierung in Israel zu formen.
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Es gibt im Hebräischen ein Wort, das in Israel oft zu hören ist: Balagan. Es heißt so viel wie Chaos, Durcheinander, Schlamassel. Israelis benutzen es, wenn sie im Stau feststecken, Ärger mit Handwerkern haben, von Raketenalarm geweckt werden oder politisch nicht durchsehen. „Balagan“ rufen sie sich zu. Damit ist alles gesagt. Eigentlich.

Was derzeit im Land passiert, dafür gibt es noch kein Wort. Zum ersten Mal in der Geschichte Israels fanden zwei Neuwahlen hintereinander statt.

Zum ersten Mal ist es keiner der beiden stärksten Parteien gelungen, die nötige Mehrheit zu finden und eine Regierung zu bilden.

Zum ersten Mal greift das Parlament, die Knesset, auf eine Regelung zurück, nach der in den nächsten 21 Tagen jeder Abgeordnete versuchen kann, eine Mehrheit zu finden und sich doch noch auf einen Kandidaten zu einigen.

Isreals Politiker beschimpfen sich

Schafft das niemand, und so sieht es aus, werden erneut Neuwahlen ausgerufen. Zum dritten Mal innerhalb eines Jahres. Auch das gab es noch nie.

Es ist ein historischer Moment, kein ruhmreicher, eine Regierungskrise, wie sie das Land noch nicht erlebt hat. „Italienische Verhältnisse“, schreibt ein Kommentator, „nur ohne Pasta und Fußball“.

Auf der Suche nach Gründen reicht es, sich anzusehen, was sich Israels Politiker so in den letzten 48 Stunden um die Ohren gehauen haben.

Da beschimpfte Avigdor Liberman, Chef der Partei Jisrael Beitenu, die Araber im Land als „fünfte Kolonne“, nannte ein ultraorthodoxer Abgeordneter Liberman eine „Null“, warf Blau-Weiß-Führer Benny Gantz Premierminister Netanjahu vor, es gehe ihm immer nur um sich selbst, er verbreite Hass und Gift.

Staatspräsident Reuven Rivlin, die alte weise Stimme der Vernunft im Land, verbot sich jegliche Art von Hass und Rassismus – und klang dabei so hoffnungslos wie nie.

Israel, der 71 Jahre alte Staat im Nahen Osten, in dem achtzig Prozent Juden und zwanzig Prozent Araber zusammenleben, war schon immer in viele kleine Gruppen zersplittert – Säkulare, Ultraorthodoxe, Religiöse, Zionisten, Nationalisten, Drusen, muslimische und christliche Araber.

Es ist schwierig den Überblick zu behalten

Die Demokratie ist schneller, direkter, streitlustiger als die deutsche. Um ins Parlament zu kommen, reichen 3,25 Prozent der Wählerstimmen. Selten schafft es eine Regierung, bis ans Ende ihrer Amtszeit durchzuhalten.

Ständig bilden sich neue Parteien und Bündnisse, die mitunter schwer zu durchschauen sind. Was etwa haben arabische Parteien mit den ultraorthodoxen Juden gemeinsam? Warum setzt sich eine Kifferpartei für die Rechte fanatischer Siedler ein? Warum gibt es keine einzige grüne Partei im Land? Und wo sind eigentlich die Linken?

In all dem Chaos aber gab es immer auch Konstanten, Dinge, auf die sich die Wähler verlassen konnten, die eine Demokratie ausmachen: Kompromisse finden, eigene Interessen hintenanstellen.

Kritik an Benjamin Netanjahu

Damit, das haben die letzten Wochen bewiesen, ist es vorbei, und Schuld hat vor allem der Mann, der so lange wie kein anderer das Land regiert und immer weiter an dieser Macht festhalten will: Benjamin Netanjahu hat in diesem Jahr nicht nur zwei schmutzige Wahlkämpfe geführt, sondern auch zwei Regierungsbildungen scheitern lassen.

Obwohl ihm ein Korruptionsverfahren droht und er wahrscheinlich schon bald ins Gefängnis muss, war er nicht bereit, auf die Forderungen von Blau-Weiß einzugehen und die Parteiführung einem anderen zu überlassen. Er bestand sogar darauf, im Fall einer großen Koalition und wechselnder Amtsführung als Erster an der Reihe zu sein.

In all den Gesprächen mit seinem Kontrahenten Benny Gantz, das hat dieser gesagt, sei es nie um Inhalte gegangen, sondern immer nur darum, wer als erster auf dem Thron sitzt. Am Ende hat es niemand geschafft.

Für das Land ist das eine Katastrophe, für Netanjahu – zynischerweise – ein Sieg. Er muss nicht abtreten, kann zum dritten Mal innerhalb eines Jahres Wahlkampf machen, auf Bühnen stehen und sich feiern lassen.

Ihn in seinem narzisstischen Wahn stoppen, das kann nur ein Putsch in der eigenen Partei. Oder Israels Generalstaatsanwalt. Der hat am Donnerstagabend mitgeteilt, dass er Anklage gegen Netanjahu erheben wird.