Darf man Menschen nach ihren Wurzeln fragen?
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BerlinIch soll mein Weißsein kritisch hinterfragen und meine „innere Kartoffel“ entdecken. Ich soll verstehen, dass Rassismus überall in unserer Gesellschaft und in jeder Person vorhanden ist. Es ist bewiesen, dass ich als weiße Deutsche unbewusste Vorurteile gegen Schwarze habe: dass weiße Menschen mehr wert sind als schwarze.

Seit Wochen finde ich Texte, die mir Rassismus unterstellen – in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen, im Netz. „Wie rassistisch bin ich? Eine Anleitung zur Selbsterkundung“ war im Juni eine Stern-Titelgeschichte. „Wie rassistisch sind Sie?“, fragte die Zeit im Dossier am letzten Donnerstag. Früher ging es in solchen Tests um Demenz, Bildung oder Sex. Aber Rassismus ist eine Ideologie. Rassisten wollen mit voller Absicht Menschen wegen ihrer Hautfarbe und Herkunft diskriminieren.

Eine wie ich steht unter Verdacht. Gegenbeweise sind nicht möglich, weil mein Kopf oder mein Herz nicht einsehbar sind. Aus einem Verdacht werden Beweise gebastelt: Weil ich unbewusste Vorurteile gegen Schwarze hätte, „werde ich weniger lächeln, wenn ich einen von ihnen treffe. Ich werde seltener Augenkontakt suchen, häufiger blinzeln, verhaltener über seine Witze lachen und mit höherer Wahrscheinlichkeit meine Arme vor der Brust verschränken …“, schreibt die Zeit.

Ich nicht. Meine Natur ist freundlich gegenüber ganz verschiedenen Menschen. Schwarze Männer finde ich attraktiv, aber diese Bemerkung gilt heute als „positiver Rassismus“. Micky Beisenherz schreibt in einer Kolumne von „gönnerhafter Freundlichkeit“ Ausländern gegenüber und beschließt für uns: „Diskriminierung beginnt da, wo wir uns besser fühlen, weil wir ja so besonders nett mit dem türkischen Gemüsehändler geplaudert haben. Obwohl er ja Türke ist!“

Es gibt keinen Spielraum, außer man unterwirft sich, nennt sich – wie ein geschätzter Kollege im Stern – einen alten weißen Mann und kritisiert sich: „Hielt mich in unanständiger Selbstüberschätzung für liberal, aufgeklärt und tolerant. Und merke, dass ich nach moderner Lesart ein Rassist bin, weil rassistisch sozialisiert.“ Er ist in die weiße Welt und ihre Privilegien hineingeboren und deshalb rassistisch. Er will damit gut umgehen, auch mit der Sprache: „Dunkelhäutig“ sei falsch, schreibt er. „Schwarz“ sei korrekt. Aber sechs Seiten später steht im Heft, man solle nicht von „Schwarzen“ reden, sondern „das Wort schwarz nur als Adjektiv benutzen“. Wer weiß denn so was?

Die Anliegen der Weltwächter sollen nicht entwertet werden. Es gibt natürlich fundamentalen Rassismus, es ist nicht einmal sicher, dass die Erfolge bei seiner Bekämpfung irreversibel sind. Ich befürchte nur eine Stimmungsdiktatur ohne den Auftrag einer Mehrheit. Wo wird die Ausdehnung des Rassismus-Begriffs diskutiert? Mit Zwischentönen und Empathie, ohne Verklemmtheit?

Mein Neffe – halb deutsch, halb chilenisch – bringt Freunde mit, auch Schwarze, Türken, Araber. Ein Sprachwissenschaftler findet es „ungut“, Ausländer nach ihren Wurzeln zu fragen, weil damit eine Nichtzugehörigkeit betont wird. Ich mache das immer. Diese Jungs sagen, sie mögen die Frage, sie zeige Interesse. Manche negative Zuschreibung kann man auch leichtnehmen. Ich selber bin blauäugig und trotzdem nicht doof.