MUTTER: Bist du heute Abend zu Hause?

TOCHTER: Nee, ich treffe meine Freunde am See. Richtige Partys gibt es wegen Corona ja noch nicht. Aber jetzt haben wir die Abi-Prüfungen endlich hinter uns, wir wissen unsere Zensuren, einen Grund zum Feiern haben wir also.

Ja, das verstehe ich. Genieße den Sommer! Die nächste Lebensphase kommt bestimmt. Spätestens im Herbst. Hast du dich schon entschieden, wie es jetzt weitergeht?

Na ja, mein Auslandsjahr geht ja nicht. Ich sehe jedenfalls keine Möglichkeiten. Ich habe mich jetzt auch schon an den Gedanken gewöhnt, ein Studium anzufangen.

Ja, alle Pläne sind geschrumpft. Das wird aber wieder anders werden. Es ist natürlich auch ein Luxusproblem. Denn grundsätzlich steht dir ja weiterhin alles offen. Neulich hast du aber mal gesagt, du guckst eher pessimistisch in die Zukunft. Da meintest du ja nicht nur die Corona-Lage.

Nein, bei Corona rechne ich einfach damit, dass uns die Folgen noch eine Weile begleiten werden. Aber es wird wieder anders. Ich meinte eher die weitere Zukunft: den Klimawandel. Da bin ich absolut pessimistisch. Ich glaube, das bekommen wir nicht hin. Da arbeiten so viele gegeneinander. Ich erkenne bei den Menschen keine Ambitionen, was zu ändern.

Komisch, das sehe ich ganz anders. Ich habe ja eher das Gefühl, dass wir gerade in großen Schritten vorankommen. Die Protestphase hat was bewegt. Jetzt werden Ziele festgelegt und in Gesetzen und Verträgen gefasst. Da spürt man doch einen Aufbruch. Aber du nicht? Ist das bei vielen deiner Freunde so? Würdest du sagen, deine ganze Generation sieht pessimistisch in die Zukunft?

Ja, schon.

Jetzt habe ich gerade das Gefühl, in eine Zeitschleife zu geraten. Als ich jugendlich war in den 80ern, war unser Lebensgefühl mit no future treffend zusammengefasst. Da war die atomare Bedrohung durch Atombomben und auch durch die Kernkraftwerke, der Kalte Krieg, die Umweltverschmutzung. Ich hatte echt das Gefühl, dass es jeden Tag zu Ende gehen kann mit der Welt. Wir haben das damals in Feier-Wut und eine vollkommen überzogene Lust am Konsum umgesetzt, Klamotten, Reisen, Drogen, Selbstzerstörung. Man hatte das Gefühl, hat ja eh keinen Sinn vernünftig zu sein, wer weiß, ob es ein Morgen gibt. Ich übertreibe jetzt ein bisschen. Aber das war die Grundmelodie.

Okay, so ist es jetzt nicht. Man geht eher zu Fridays for Future und tut irgendwas. Auch wenn ich nicht glaube, dass wir echt was bewegen können, will ich es doch versucht haben.

Das ist natürlich viel produktiver als bei uns damals. Heutige Jugendliche sind echt viel vernünftiger. Die Erfahrung zeigt ja auch, dass es doch immer irgendwie weitergeht.

Morgen sind wir eh alle tot, so kann man jedenfalls nicht auftreten. Es gibt natürlich Leute, die so daherreden. Aber die werden dann auch konsequent niedergemacht. Die Haltung ist doch auch wirklich komplett scheiße. Man hat zwar keine Lust auf Zukunft, weil die Bedrohung so groß ist, aber jeder hat eben auch Verantwortung, ein bisschen was zu verbessern. Unpolitisch ist meine Generation jedenfalls nicht. Ob wir das dann im Erwachsenenleben weiterverfolgen, kann man aber noch nicht sagen.

Na, das glaube ich aber schon. Wenn ihr jetzt so engagiert seid. Ich finde, es gibt gerade eine ganze Reihe von Bewegungen, die eine Menge Kraft einsetzen. Greta und Fridays for Future, Black Lifes Matter, die Gender-Debatte. Das alles zeigt doch, wie sich Gesellschaft verändert und es stößt weitere Veränderungen an. Gerade ist der Wandel überall und Wandel ist erst mal positiv. Über allem liegt ein „Wir sind die junge Generation und wir machen es jetzt anders“.

Ich bin ja auch positiv überrascht. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sich die Wenigsten aus ihrer Komfortzone rausbewegen wollen. Und dann wird es eben nichts.

Aber warum seid ihr so traurig? Ihr habt allen Grund, stolz zu sein.

Aber wir haben doch noch gar nichts geschafft. Wir haben jetzt das ganze Jahr zu Hause gesessen wegen Corona und nicht mal demonstriert. Stattdessen haben wir uns angehört, wie schrecklich alles ist.

Na, aber ihr könnt doch jetzt einfach weitermachen.