Siegfried Reiprich, Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
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Der Romanist Victor Klemperer schrieb 1947 in seiner Studie über die Sprache im Nationalsozialismus (LTI): „Wörter können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ Er wusste, wovon er schrieb. Als Jude überlebte er mit viel Glück und Geschick das „III. Reich“. Schon die Spätphase der Weimarer Republik war von einer Verrohung der Sprache gekennzeichnet. Kommunisten und Nationalsozialisten schreckten nicht davor zurück, ihre Gegner zu beschimpfen, abzuwerten, lächerlich zu machen. Noch bevor die ersten Faustschläge niederprasselten, waren die Hirne von permanenten sprachlichen Abwertungen weichgekocht. Der Aufstieg und Sieg des Nationalsozialismus war auch der ständigen Propaganda, der demagogischen Sprache und einer damit zusammenhängenden Abqualifizierung von Demokratie und Republik geschuldet.

Wir leben heute in einer gefestigten Demokratie. Zu sicher sollten wir uns jedoch nicht darin sein, dass es stets so bleiben wird. Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass ein kleiner Teil der Gesellschaft sich von der großen Gemeinschaft verfassungstreuer Bürger immer stärker distanziert.

Alexander Gauland und die AfD etwa stehen dafür, den „Schuldkomplex“ der Deutschen, sprich: die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, überwinden zu wollen. Björn Höcke, Repräsentant des rechtsextremen Flügels dieser Partei, bezieht auch den Kolonialismus ein. Die postkommunistischen Gesellschaften hätten keinen „kolonialistischen Schuldkomplex“. Im Osten können man daher, so Höcke, leichter mit der AfD-Ideologie punkten.

„Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ – das bewusste Aussprechen einer Diskriminierung

Völkische Bewegungen stießen in Ostdeutschland nach 1989 auf eine im Ganzen unverarbeitete Geschichte, die es ihnen erlaubte, in der Mitte der Gesellschaft zu siedeln. „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ ist nichts weiter als das bewusste Aussprechen einer Diskriminierung. Da ging der Osten ausnahmsweise dem Westen mal einige Schritte voraus, leider.

Aktuell lässt sich beobachten, dass im Osten weitaus weniger Menschen bereit sind, auf rassistische Begriffe zu verzichten. Wie fatal es sein kann, wenn ein Funktionär der Aufarbeitungslandschaft mit Worten zündelt, zeigte in den letzten Jahren mehrfach der Chef der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich. Ihm unterstehen die wichtigsten Gedenkstätten in Sachsen zur Erinnerung an den NS-Terror und den SED-Unrechtsstaat. Reiprich, Jahrgang 1955, wuchs in Jena auf und studierte dort an der Universität marxistisch-leninistische Philosophie. 1976 flog er aus politischen Gründen von der Universität. SED und MfS drangsalierten ihn weiter und nötigten ihn schließlich, 1981 in die Bundesrepublik auszureisen. Dort wurde er SPD-Mitglied und trat 1992 wieder aus.

Mit anderen Worten: Reiprichs Biografie ist alles andere als die eines gewohnheitsmäßigen Rechtsaußen. Und noch mehr: Der geschulte Marxist-Leninist und der einstmals überzeugte Sozialdemokrat weiß genau, wovon er spricht, wenn er in Zeiten von Black-Lives-Matter am 30. Juni 2020 twittert, „Wir Weißen, Kaukasier oder wie immer man es nennen will“ seien in die Position einer „bedrohten Minderheit“ geraten. Abgesehen davon, dass dies historischer Unsinn ist – die Weißen waren auf der Welt schon immer eine Minderheit, sie haben sich nur nie so verhalten –, spricht so nur ein Anhänger der „white supremacy“. Damit werden weltweit jene Menschen bezeichnet – und sie bezeichnen sich oftmals auch selbst so –, die der Überzeugung sind, dass es „menschliche Rassen“ gebe und dass Weiße allen anderen überlegen seien. Mit einer solchen Haltung ist es nur ein kurzer Schritt von der Ideologie zur eliminatorischen Tat. In Deutschland ist diese Entwicklung bereits zweimal erfolgt: der Genozid an den Nama und Herero 1904 bis 1907 sowie 1933 bis 1945 die Schoah. Beiden eliminatorischen Verbrechen ging ein Sprachkampf voraus.

Siegfried Reiprich ist ein Kind der DDR

Siegfried Reiprich reiht sich ein in die Reihe öffentlicher Personen, die ganz bewusst provozieren, um Kolonialismus, Rassismus und Nationalsozialismus zu relativieren. Ihre genauen Ziele verschleiern sie dabei. Was aber will jemand erreichen, der Gedenkstätten zur Erinnerung an den Nationalsozialismus leiten soll und zugleich die skandalösen Unruhen in Stuttgart von einigen Hundert gewaltbereiten Jugendlichen als mögliche „Bundeskristallnacht“ ansieht (Twitter am 29.6.2020)? Hat er so wenig Ahnung von den historischen Vorgängen, dass er nicht weiß, dass die zynisch bezeichnete „Reichskristallnacht“ die Pogrome gegen Jüdinnen und Juden mit über 800 Toten, Tausenden zerstörten Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen und in der unmittelbaren Folge zehntausenden verschleppten Menschen vom Staat gegen einen Teil der Gesellschaft inszeniert worden war? In Stuttgart ist der Rechtsstaat angegriffen worden. Doch damit nicht genug. Was will ein Gedenkstättenleiter erreichen, wenn er Zerstörungen und Ausschreitungen in unserer Gesellschaft auf eine Stufe mit dem Beginn der Schoah stellt?

Reiprich bekommt für seine Einlassungen Beifall, nicht nur von rechts. Wir erleben ein Phänomen, das schwer zu greifen ist. Die Radikalisierung eines Teils der Gesellschaft schreitet voran. Reiprich ist ein Kind der DDR, auch er, der die DDR gehasst und abgelehnt hat. Ein anderer DDR-Mensch, der Historiker Siegfried Prokop, zählte ganz gewiss zu den Feindbildern von Reiprich. Prokop arbeitete an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er gehörte dort zu den ideologischen Einpeitschern bis fünf nach zwölf, stellt sich heute als aufmüpfig dar. Gerade hat er darüber eine Autobiografie unter dem Titel „Betrogen von der ‚Wende‘“ publiziert. Diese wäre keine Wort der Beachtung wert, wenn der stramme Kommunist nicht einen Beleg dafür abgeben würde, dass die von so vielen als absurd bezeichnete „Hufeisentheorie“ (die äußersten Ränder von rechts und links treffen sich wieder) nicht doch am äußersten Rand auch Berechtigung hätte. Denn was schreibt Prokop: „Wahrlich, die ‚Wannsee-Konferenz‘ der neuesten Zeit zur Ausschaltung der DDR-Intelligenz leistete ganze Arbeit.“ So kommentiert er die durchaus umstrittene Verdrängung vieler ostdeutscher Hochschullehrer von ihren Universitäten. Diese Aussage diskreditiert Prokop als Historiker und als politischen Menschen. Ist das nicht, wie bei Reiprich, eine Form der Holocaust-Verleugnung?

Beide Äußerungen stammen von den Rändern politischer Extreme. Es werden tagtäglich mehr. Es ist nicht nur der Staat mit seinen Institutionen gefordert. Nein, empört euch!, muss der Bürgererweckungsruf einer freien und demokratischen Gemeinschaft sein. Noch haben wir alle Möglichkeiten, Republik und Demokratie zu schützen und zu stärken. Aber nicht, wenn wir weiter schweigen. Denn: „Wörter können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker. Zuletzt erschien von ihm „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ bei C.H. Beck.