Carsten Linnemann rutschte nervös auf seinem Sessel hin und her. Der Chef der mächtigen Mittelstandsvereinigung der CDU, der ansonsten eher den kühlen Spindoctor seiner Partei gibt, verhedderte sich in der „Markus Lanz“-Sendung vom Dienstag bei der Frage, wann und wie oft er denn mit dem plötzlichen Politrückkehrer Friedrich Merz telefoniert habe. Man spreche miteinander, nichts Ungewöhnliches, versuchte Linnemann sich herauszureden.

Die Stunde der Strippenzieher

Deutlich wurde an diesem Fernsehmoment, dass die Geschichte von der Dringlichkeit politischer Sachthemen und offenen Diskussionen nach dem angekündigten Rückzug von Angela Merkel nur die eine Seite der Medaille sind. Hinter den Kulissen schlägt die Stunde der Strippenzieher. Wehe dem, der sich zu früh bewegt. Nicht ausgeschlossen, dass Merz nur eine Testperson ist, um das neu entstandene Machtgefüge in der Partei auszuloten. Möglich aber auch, dass Merz mit seiner schnellen Kandidatur auf den Überrumplungseffekt gesetzt hat.

Sehr deutlich jedenfalls geht aus der Gemengelage hervor, dass sich die CDU auf ein großes Jungsding wird einstellen müssen. Die starken Frauen in der Partei – Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer, Julia Klöckner und Monika Grütters – scheinen allein durch die Zuschreibung ausgebootet, Merkel-Vertraute gewesen zu sein.

Wetten auf den „next Chancellor“

Oder etwa nicht? Der Wettmarkt, der bei solchen Gelegenheiten gern als Stimmungsbarometer zurate gezogen wird, spricht eine andere Sprache. Beim britischen Wettanbieter Ladbrokes liegt Annegret Kramp-Karrenbauer bei der Frage nach dem „next Chancellor“ deutlich vorn. Für ein britisches Pfund Einsatz erhält der Wetter lediglich zwei Pfund am Auszahlschalter. Bei Friedrich Merz sind es immerhin fünf, und für einen Einsatz auf Jens Spahn erhält man bereits zehnfaches Geld und für Sahra Wagenknecht und Alice Weidel gar zwanzigfaches.

Der Wettanbieter Labrokes, der bei der Vergabe des Literaturnobelpreises in den letzten Jahren oft richtig lag, ist sich seiner Sache allerdings nicht so ganz sicher. Via Facebook bittet er um die Nennung weiterer Kandidaten. Und verlassen sollten sich die Freunde von Annegret Kramp-Karrenbauer auf deren Favoritenstellung nicht. Der Wettmarkt mag eine Momentaufnahme akuter Chancen sein. Vor allem aber stellt er einen Anreiz dar, sein Glück mit den vermeintlichen Außenseitern zu versuchen. Mal sehen, welche Kandidaten noch ergänzt werden. Die Linnemanns telefonieren täglich.