Mahnwache für Augenarzt Li Wenliang.
Foto: AP/Kin Cheung

PekingEr war einer der ersten, die vor dem neuen Coronavirus gewarnt hatten – nun ist Li Wenliang tot. Der chinesische Mediziner starb ausgerechnet an der Krankheit, die er bekämpfen wollte. Am Freitag teilte das Zentralkrankenhaus der Metropole Wuhan, in der das Virus zuerst aufgetreten war, im Onlinedienst Weibo mit, dass der 34-Jährige sich selbst mit 2019-nCoV angesteckt habe und gestorben sei. Die „umfassenden Anstrengungen“, sein Leben zu retten, seien vergeblich gewesen. Li hatte als Augenarzt in der Klinik gearbeitet. Vorgeladen und verwarnt

Sein Tod löste in China große Anteilnahme aus. In sozialen Medien äußerten etliche Menschen ihre Trauer, aber auch ihren Ärger über Regierungsbeamte, die in ihren Augen nicht schnell genug reagiert hätten – auch als es bereits Beweise gab, dass sich eine Epidemie anbahnte. Li sei „ein Held“, der seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt habe, schreibt ein Weibo-Nutzer, der sich selbst als orthopädischer Chirurg bezeichnet.

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Li hatte Ende 2019, nachdem er bei einigen seiner Patienten Symptome feststellte, die jenen des Sars-Erregers ähnelten, zunächst über die in China populäre Messenger-App WeChat einige Studienkollegen von früher angeschrieben und sie vor neuen Sars-Fällen gewarnt. Später korrigierte er sich und sprach von einem unbekannten Coronavirus.  Innerhalb weniger Stunden verbreiteten sich Screenshots seiner Nachricht im Netz. Er sei daraufhin von Parteibeamten und der Klinikleitung verhört worden, erzählte Li in einem Interview mit der Zeitung Beijing Youth Daily. „Sie sagten mir, ich solle keine Informationen online veröffentlichen.“

Li wurde außerdem gemeinsam mit sieben anderen Medizinern, die ebenfalls von der Existenz des neuen Virus berichtet hatten, von der Polizei wegen der „Verbreitung von Gerüchten“ vorgeladen und verwarnt. Sie mussten unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen. Li steckte sich später bei der Behandlung eines infizierten Patienten an. Er entwickelte Husten und Fieber und musste nun selbst behandelt werden. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich binnen weniger Tage so massiv, dass er auf die Intensivstation verlegt und beatmet werden musste.

Am 1. Februar wurde er positiv auf das neue Virus getestet – sechs Tage später war er tot. Weil er seine Erkenntnisse öffentlich machte und auch über die Versuche sprach, ihn mundtot zu machen, wird Li in China mit dem Pekinger Whistleblower-Arzt Jiang Yanyong verglichen, der 2003 eine Enthüllungsgeschichte über die Sars-Epidemie veröffentlichte, die dazu führte, dass die tatsächliche Situation über die Atemwegserkrankung an die Öffentlichkeit gelangte und die Regierung begann, sich damit auseinanderzusetzen.

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Viele Gesundheitsexperten sind der Meinung, dass dies dazu führte, dass Sars eingedämmt werden konnte. Im Fall des neuen Coronavirus war China vor nicht allzu langer Zeit für seine Tatkräftigkeit gelobt worden. Der Chef der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, und Notfallchef Michael Ryan zeigten sich noch vor gut einer Woche beeindruckt: „Das chinesische Verhalten während des Sars-Ausbruchs und das chinesische Verhalten heute – absolut kein Vergleich“, sagte Ryan. Inzwischen scheint sich zumindest in Sachen Seuchenkontrolle einiges gebessert zu haben – aber in Sachen Transparenz sind weiterhin große Fragezeichen angebracht.

Untersuchung chinesischer Korruptionsbehörden

Bereits im Januar hatte das oberste Gericht Chinas das Vorgehen der Polizei in Wuhan kritisiert. Sie hätte die ersten „Gerüchteverbreiter“ bestraft, statt auf die Informationen zu reagieren. Untersuchung angekündigt Mit dem Tod des 34-jährigen Mediziners steigt der Druck weiter. Chinesische Korruptionsbehörden kündigten inzwischen eine Untersuchung an. Die Disziplinarkommission der Kommunistischen Partei will ein Ermittlerteam nach Wuhan schicken, das eine „umfassende Untersuchung“ zu von der Bevölkerung aufgebrachten Fragen im Zusammenhang mit Lis Tod vornehmen soll.

Auch in Deutschland sorgte der Tod des Arztes für Bestürzung. Auf Twitter schrieb der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach: „Dieser Arzt hat wahrscheinlich Tausenden das Leben gerettet, ist selbst dafür gestorben. Er wurde von Chinas Regierung verfolgt für seine unerwünschte Warnung vor dem Coronavirus. Er ist ein Held sowohl für die Ärzteschaft als auch für die Demokratie.“ (mit AFP; dpa)