Dhulikhel - Erst wechselte die dunkle Gesichtsfarbe in ein kränkliches wirkendes blasses Gelb. Dann trat Fahrer Suresh Gurung voll auf die Bremse. Er fürchtete, sein Wagen könne von den Erschütterungen umgeworfen werden. Wie ein Boot bei kräftigem Seegang schwankte der Jeep von links nach rechts. Bewohner der Häuser in Banepa, einem Städtchen rund 20 Kilometer südöstlich vom Nepals Hauptstadt Kathmandu, rannten in Panik auf die Straße in eine dicke Staubwolke.

Ein Gebäude hatte Nepals zweites schweres Erdbeben innerhalb von drei Wochen nicht widerstanden. Der Beton und die Steine der unteren zwei Stockwerke wurden mit lautem Getöse plattgedrückt wie Flundern. Die oberen Etagen drückten sich wie im Zeitlupentempo träge, aber unaufhaltsam gegen ein Nachbargebäude und zerquetschten die Seitenwand. Alle Bewohner waren rechtzeitig entkommen.

Bei dem Erdbeben am Dienstag mit der Stärke 7,4 starben mindestens 58 Menschen. Laut Polizeiangaben wurden etwa 1000 Nepalesen verletzt. „Diesmal ist es am schlimmsten zwischen Sindhupalchowk und Duhlikhel“, sagt der 52-jährige Sherpa Ri Dorjee aus Duhlikhel – der Ort ist etwa 25 Kilometer von Kathmandu entfernt. Vier Todesopfer sind bisher im Distrikt Sindhupalchowk zu beklagen, aus dem auch mehr als die Hälfte der 8000 Toten stammt, die am 25. April ums Leben kamen.

Wieder bebte die Erde in den Mittagsstunden

Damals hatte ein Beben der Stärke 7,8 zur Mittagszeit die Hauptstadt um drei Meter nach Süden verrückt. Tausende von Häusern wurden zerstört. Diesmal vertrieb das Beben die Nepalesen ebenfalls in den Mittagsstunden aus Büros und Häusern. Dabei habe es sich nicht um ein Nachbeben des Desasters von vor 17 Tagen gehandelt, erklärten Experten am Dienstag. Es sei ein eigenständiges Beben gewesen. Es mag dank seiner in langen Wellen erfolgten Erdstöße nicht so katastrophale Folgen gehabt haben.

Aber es war in Afghanistan mit der Stärke 6,6 zu spüren und versetzte auch die Bewohner in Indiens Bundesstaat Assam noch in Panik. In Indiens Hauptstadt Delhi wurden Hochhäuser geräumt. Das Epizentrum lag in rund 19 Kilometer nahe dem Ort Zhum im chinesischen Tibet nahe dem welthöchsten Berg Mount Everest.

Nepals 28 Millionen Einwohner sind sechs Wochen nach dem ersten großen Beben mit den Nerven am Ende. Jedes Mal, wenn bei einem der unzähligen Erdstöße der vermeintlich sichere Boden unter den Füßen auf dem Dach der Welt ins Wackeln gerät, werden sie an die schrecklichen Minuten nach dem ersten Beben erinnert. Stundenlang sitzen sie anschließend im Freien und wagen sich nicht in ihre Häuser und Hütten zurück.

Minutenlang war auch am Dienstag telefonisch kein Durchkommen. Nepals Bewohner versuchten als erstes mit Hilfe ihrer Mobiltelefone Verwandte und Freunde zu erreichen und legten Nepals Kommunikationsnetz minutenlang lahm. Und obwohl der Boden im Laufe des Dienstagnachmittags weitgehend ruhig blieb, kehrten manche Nepalis nicht in die Häuser zurück. „Heute Abend wird draußen gegessen“, verkündete der Wirt im Hotel Himalaya Horizon von Dhulikhel. (mit dpa)